Kurzvita

Geboren am 17.08.1965 in Frankfurt am Main, deutsch-georgischer Abstammung, ein erwachsener Sohn, geschieden. Ausbildung im kaufmännischen Bereich, danach Ausbildung zur Webdesignerin und Internetentwicklerin.

 

Werke:

Niemandsland

- Bis zur Selbstaufgabe -
Verlag: BoD, November 2005, ISBN 3833437154

Diese autobiografisch geprägte Erzählung thematisiert Gewalt und Abhängigkeiten in Partnerschaften und Familie. Die Autorin hat sich intensiv mit den Verhaltensmustern der Abhängigkeit beschäftigt und möchte die Leser an ihren eigenen Erfahrungen teilhaben lassen.

Traumfänger

- Fantasievolle Geschichten -
Verlag: BoD, Dezember 2006, ISBN 33833467800

Die fantasievollen, zuweilen mystischen, märchenhaften oder auch ernsten Kurzgeschichten in diesem Buch  lenken das Augenmerk auf die wichtigen Dinge des Lebens, eröffnen neue, positive Perspektiven oder bewirken einfach, dass man die Seele baumeln lassen kann. 

 

Internet: www.tamarapirschalawa.de

Auszug aus dem Buch „Niemandsland“ von Tamara Pirschalawa

 

 

Im Laufe meiner Beziehung mit Michael verlor ich teilweise den Sinn für die Realität. Er hätte mir erzählen können, dass die Wiese nicht grün, sondern rot ist, und ich hätte ihm geglaubt - jedenfalls im übertragenen Sinne. Ginge man davon aus, dass ein Mensch zu neunzig Prozent die Wahrheit sagt und zu zehn Prozent lügt, so war das bei Michael genau umgekehrt. Und ertappt man einen Menschen offensichtlich bei einer Lüge, so wird er beschämt sein und sich entschuldigen. Michael jedoch log einfach weiter, und zwar ohne Hand und Fuß. Hätte ich ihn einmal in flagranti erwischt, so hätte er mir mit Sicherheit erklärt, dass es sich hierbei um eine Verkaufsveranstaltung oder eine Werbemaßnahme handelt. Man nennt dieses krankhafte Lügen, das der Kranke selbst glaubt und mit dem sich entsprechende Handlungen verbinden, Pseudologie.

 

Mir fällt dazu noch ein Begriff ein: "Dissoziative Störung". Michael konnte nicht die Wahrheit sagen, weil dann seine selbst konstruierte Welt, seine "alternative Realität" zusammengebrochen wäre. Auf jeden Fall lebte er in zwei Welten. War er mit mir zusammen, war ich die Frau seines Lebens, seine Lebensgefährtin. Fuhr er nach Hause zu seiner Frau, so überschritt er eine unsichtbare Grenze und war dann tatsächlich der Meinung, er wäre ein treuer und verlässlicher Ehemann. War er dann wieder bei mir, so lebte er wirklich (es handelte sich natürlich um seine Wirklichkeit) in Scheidung und hatte mit seiner Frau keine Berührungspunkte mehr. Dissoziationen (psychische Prozesse, die mit einem sich Trennen - einer Desintegration - von Bewusstseinsinhalten einhergehen) ermöglichen es Menschen wie ihm, extreme Belastungssituationen erträglich zu machen und zu verarbeiten. Gefühle und Erfahrungen, die solche Menschen nicht in ihr Selbstbild integrieren können, werden einfach abgespalten.

 

Einmal zeigte Michael mir einen Brief seines Sohnes, den dieser ihm zum Vatertag schenkte. Der Sohn bedankte sich bei Michael dafür, dass er "der Familie ein treuer Vater und Ehemann" ist. Wohlgemerkt wurde mir dieser Brief von einem Mann gezeigt, der mich ständig davon überzeugen wollte, dass er und seine Ehefrau getrennte Wege gingen. Bei ihm verwischten sich also manchmal die Grenzen und er konnte in dieser Phase seine mit Sicherheit existierende Loyalität seiner Familie gegenüber nicht mehr verleugnen. Seine Frau indes schien im Laufe der Jahre, die sie mit ihm verbracht hatte, auch immer kränker zu werden und ebenso den Sinn für die Realität zu verlieren, sonst hätte sie ihn und sein Verhalten nicht ertragen können oder sie hätte ihn aufgrund seiner ständigen Affären (von denen sie wusste) verlassen. Auch sie ist co-abhängig, ebenso wie die anderen Geliebten, die Michael im Laufe seines Lebens hatte. Einmal telefonierte ich zwei Stunden lang mit seiner Frau. Danach kam ich zu dem Schluss, dass wir alle Marionetten in einem Puppentheater sind. Jeder von uns hatte seine ihm zugeteilte Rolle zu spielen und musste sie bedingungslos vortragen.

 

[…]

Der alte Mann  

 

Sie wusste, dass der alte Mann unten am Strand lebte, und sie hatte bereits viel über ihn gehört. Schon immer hatten sich geheimnisvolle Geschichten um ihn gerankt. Deshalb war es sehr aufregend für sie, dass sie ihn in wenigen Minuten persönlich kennen lernen würde. Es war schön, über den Strand zu laufen, den Sand unter den Füßen zu spüren und die frische Seeluft einzuatmen. Trotzdem war sie angespannt, denn der alte Mann war für sie nun mal ein Fremder. Warum sie das starke Bedürfnis hatte, ihn aufzusuchen, war ihr ein Rätsel. Aber es drängte sie geradezu danach, zu ihm zu gehen.

 

Nach einiger Zeit hatte sie ihr Ziel erreicht: Der alte Mann wohnte in einer alten, baufälligen Hütte. Er hatte keine Familie und lebte recht zurückgezogen und bescheiden in seinem kleinen Heim. Zaghaft klopfte sie an die Tür. Keine Reaktion. Sie versuchte es ein weiteres Mal. Jetzt hörte sie von drinnen ein Geräusch. Jemand schien sich schwerfällig aus einem Sessel oder Sofa zu erheben, schlurfende Schritte erklangen hinter der Tür. Langsam und mit einem lauten Quietschen öffnete sich die Tür, die schief in den Angeln hing. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie dem alten Mann in die Augen. Diese waren wach, freundlich und voller Weisheit. Sie war ergriffen, wusste aber nicht, warum. Der alte Mann lächelte sie an und sagte: „Schön, dass du endlich kommst.“ Er trat beiseite und hieß sie, einzutreten. Sie war verwundert. Warum freute er sich darüber, dass sie „endlich“ gekommen war? Hatte er sie erwartet? Aber das war doch nicht möglich, er kannte sie überhaupt nicht. Verunsichert betrat sie den kleinen, spartanisch eingerichteten Raum. Der alte Mann wies ihr einen zerschlissenen Sessel zu und setzte sich ihr gegenüber in einen anderen Sessel.

 

„Du hast bestimmt eine lange Reise hinter dir“, sagte der alte Mann. „Eine lange Reise? Na ja, wie man es nimmt. Ich bin am Meer entlang gewandert und habe nicht auf die Zeit geachtet“, antwortete sie. Er lächelte wissend und sagte: „Du bist anscheinend noch nicht so weit, es ist also für uns beide das erste Mal.“ Was sollte das wieder bedeuten? Sie war vollkommen verwirrt, aber sie wagte nicht, ihn um Aufklärung zu bitten. „Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht, in meinem kleinen Häuschen. Es ist alt, genau wie ich, aber es hat mir immer Sicherheit, Wärme und Geborgenheit gegeben. Alt zu sein ist nicht schlimm, man zehrt von seinen Erlebnissen und Erfahrungen. Und auch ein altes Haus weiß viel zu erzählen, es hat Freude und Leid gesehen. Ich wollte niemals in ein neues Haus ziehen, es hat keine Geschichte“, sagte er. Sie schaute ihn nur an und wusste nicht, was sie erwidern sollte. Es gab so viele Fragen und doch war alles geklärt. Sie war voller Frieden und Einklang mit sich selbst. Dies schien durch den alten Mann verursacht zu werden, der eine unendliche Ruhe ausstrahlte.

 

Sie wusste nicht, wie es weitergehen würde, aber er schien es zu wissen. Er lächelte sie verständnisvoll an und sagte: „Es ist nicht einfach für dich, du weißt nicht, wie du dich verhalten sollst und was du zu machen hast.“ Ja, das stimmte. Sie hatte das Gefühl, als ob sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf einer Theaterbühne stehen und nicht wissen würde, welches Stück gespielt wurde. Da war es schwierig für sie, zu improvisieren. Das Problem dabei war, dass sie spürte, dass sie „in diesem Stück“ eine Hauptrolle spielte, gemeinsam mit dem alten Mann. Dieser schien jedoch im Gegensatz zu ihr zu wissen, was von ihm erwartet wurde. Das hatte er ihr voraus. Trotzdem fühlte sie sich nicht wirklich unwohl. Sie ließ es einfach auf sich zukommen, alles würde sich auflösen, ob mit oder ohne ihr Zutun.

 

[…]

 

(Leseprobe aus dem Buch „Traumfänger“ von Tamara Pirschalawa)

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