Der fliegende Fluch

 

Am Stadtrand stand ein kleines Haus,

das wurde stets gemieden.

Sogar der Milch- und Zeitungsmann

ließ lieber es in Frieden.

 

Es hieß, es läg´ ein Fluch darauf,

von drinnen sei zu hören:

„Erwisch’ ich dich, dann fress’ ich dich“,

das konnten viele schwören.

 

So mancher hatte auch gedacht:

„Hier wohnen Kannibalen!“

und war sich sicher, dass er mit

dem Leben muss bezahlen.

 

Nur einer hatte Mut, blieb bis

man Einlass ihm gewährte.

Der staunte gar nicht schlecht, was er

dann schließlich sah und hörte.

 

Ein Papagei, der suchte grad’

nach seinem Lieblingskorne.

Doch kaum gefunden, da begann

er noch einmal von vorne.

 

Weil er kein Korn mehr fand, hatt’ er

die Füße eingezogen

und ist mit obgenanntem Spruch

gleich aus der Tür geflogen.

 

Jetzt kann man aus dem Nachbarhaus

ihn lauthals krächzen hören:

„Erwisch’ ich dich, dann fress’ ich dich!“

Das können viele schwören.

 

Wenn du mal vor dem Hause stehst

mit Schreck in den Gebeinen,

dann denk’ dran: Dinge sind nicht so,

wie sie uns oft erscheinen.

 © Sonja Bartl

Dumm gelaufen

 

Es stand einmal ein Blümelein,

ganz unscheinbar und winzig klein,

allein am Wegesrand

und grübelte so vor sich hin,

gerade nach des Lebens Sinn,

als eine Kuh es fand.

 

„Welch Leckerbissen, zart und fein“,

so sprach die Kuh, “gleich bist du mein!“

und riss das Maul weit auf.

Da rief ihr’s Blümchen ins Gesicht:

„Ins Maul hinein, das will ich nicht,

wie kommst du denn darauf?

 

Ein bess’er Vorschlag, den ich hätt’,

der wär’, wir liefen um die Wett’!

Komm, mach mit mir den Deal.

Wir laufen beide bis zum Meer

und fressen darf den andern der,

der Erster ist am Ziel.“

 

Die doofe Kuh fiel voll drauf rein,

sie galoppierte querfeldein

mit siegessichrem Blick.

Wie mühte dieses Rindvieh sich,

die Hufe qualmten fürchterlich,

es sah nicht mal zurück.

 

Was hat das Blümchen da gelacht

und in die Hose fast gemacht.

Es dachte: Nie und nimmer

hat diese Kuh geschnallt die List

und wenn sie nicht gestorben ist,

dann läuft sie wohl noch immer.

 © Sonja Bartl

 

Fremde Federn

 

Es lebte einst ein Rittersmann,

der hatte eine Rüstung an,

das Eisentrumm war schwer.

In seiner helmbestückten Birn’,

zerfranste er sich sein Gehirn,

wie dies zu ändern wär.

 

Ganz logisch, dass er sauer war,

es  juckte meistens furchterbar,

sein kleiner Ritterzeh’.

Es ging jedoch schon bald darauf,

dem armen Tropf ein Lichtlein auf,

und ihm kam DIE Idee!

 

Er fing sich einen Vogel Strauß

und rupfte ihm die Federn aus,

bis dass er nackig war.

Dann klöppelte wie wild Brunhild’,

aus Garn und Federn einen Kilt

und noch viel mehr, na klar.

 

Viel stolzer als so mancher Pfau,

galöppelte er durch die Au,

und hatte tierisch Spaß.

Doch Federn hingen ins Gesicht,

drum sah der Ritter leider nicht,

dass er verkehrt rum saß.

 

Da kam der Ritter Julius

und staunte wie ein Autobus

und kniff sich in sein Bein.

„Was macht ein Strauß denn da verkehrt,

allein auf einem Ritterpferd?

Wie fein, gleich ist er mein!“

 

Sekunden später traf ein Pfeil,

den „Vogel“ in das Hinterteil,

der jodelte ganz laut.

Da schwörte er sich, dass er nie

mehr Teile von ’nem Federvieh,

zu seinem Vorteil klaut.

 

Und die Moral von der Geschicht’:

„Schmück dich mit fremden Federn nicht“,

denn das ist recht gemein.

Denk an den armen Rittersmann,

der länger jetzt nicht sitzen kann,

und lass es lieber sein!

                                                                       © Sonja Bartl 

Protokoll eines Neugeborenen

   

Also – wie war das noch mit der sanften Geburt? Klang ja wirklich viel versprechend und ich glaube auch, dass sich ein Umzug nicht vermeiden lässt.

Ich muss gestehen, ein bisschen eng ist es hier seit einiger Zeit schon geworden, vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für Veränderungen gekommen? .....Na gut......

ich mach´s.....ich schaue aber erst mal, ob sich der ganze Aufwand überhaupt lohnt......

 

Hat sich nicht gelohnt, ich wusste es – aber jetzt ist es zu spät. Bedauerlicherweise hat man mir den Rückweg versperrt, ich muss also irgendwie mit dieser neuen Situation klarkommen.

 

Ich will mich ja nicht beklagen, aber hier dürfte die Heizung nicht funktionieren, kann vielleicht jemand einen Installateur holen, oder wenigstens eine Decke? Die Farbe wäre mir egal...........aber auch nur mir............der weiße Kittel auf zwei Beinen schreit nämlich gerade : „Blau! Hurra – es ist ein Junge!“ Was ist das denn? Ich weiß doch selber, dass ich jung bin. Es müsste doch heißen: „Ein Junger“ – ja, so müsste es heißen., denn schließlich bin ich erst ein paar Sekunden alt.

Mama? Papa? Wo seid ihr denn? Monatelang habe ich zu hören bekommen, wie sehr ihr euch auf mich freut. Und jetzt, wo ich euch brauche, seid ihr nicht da!

Verdammt, hier sehen ja alle gleich aus, von oben bis unten grün und  jeder trägt Häubchen und Mundschutz. Als ob ich ansteckend wäre.....die werden wahrscheinlich geklont sein, das ist in der heutigen Zeit ja kein Problem mehr.

Die Begrüßungszeremonie habe ich mir eigentlich anders vorgestellt. Die vielen Scheinwerfer und Spots bei meiner Ankunft finde ich schon okay. Dass man mir das Kabel durchschneidet, das lasse ich mir auch noch einreden, obwohl ich zugeben muss, dass damit die Nahrungsaufnahme bisher recht praktisch war, eine ganze Pizza passte da durch  - auf Raten  - versteht sich. Aber........muss man mich wirklich an den Beinen hochheben und mir den Hintern versohlen, ich habe doch gar nichts getan? Ehrlich, ich war´s nicht!

 

Wie lange muss ich denn noch hier verkehrt rumhängen? Ich bin doch keine Fledermaus!

Oder doch?......Langsam  zweifle ich daran, ob ich mich hier wohlfühlen werde.

Es ist zum Heulen. Ich schrei mal, vielleicht kommt dann endlich jemand auf die Idee, mich wieder in eine akzeptable Position zu bringen.

Super, hat geklappt, jetzt weiß ich wenigstens was ich tun muss, damit man mich nicht völlig ignoriert.

Noch immer keine Spur von Mama und Papa. Zumindest sehe ich niemanden, auf den diese Bezeichnung zutreffen könnte. Ein Klon steckt mich in die Badewanne. Ein anderer zieht mich mit ungläubigem Blick neben einer Messlatte gleichmäßig in die Länge und schielt anschließend mit noch ungläubigerem Blick auf das Display der Waage. Hätte er die Decke nicht mitgewogen, wäre mir bestimmt der Name „Schwerer Brocken“ erspart geblieben.

Mama, endlich, da bist du ja. Und das bleichgesichtige Etwas, welches der Weißkittel soeben vom Boden aufsammelt......das muss wohl oder übel Papa sein.

Wenn ihr wüsstet, was ich durchgemacht habe. Langsam fängt mir die Sache an zu gefallen. Ich darf  kuscheln, mich nach Herzenslust an der Milchbar bedienen und außerdem hat man mir den Prototypen des neuesten Schnullers besorgt. Überredet – ich bleibe – aber nur solange man mir das Kommando überlässt.

Endlich, der Umzug ist geschafft. Ab jetzt überlasse ich alles weitere Mama und Papa. Mama? Papa? Wo seid ihr denn schon wieder? Schreeeeeeiiiiiiii..................................

Na bitte – klappt ja wie am Schnürchen (zwinker).

© Sonja Bartl 

 

Rrring rrring...

 

Hallo Martha? Mir geht’s gut!

Was sich hier zu Hause tut?

Alles bestens und okay,

bis auf dieses Häufchen Schnee,

welches in der Küche liegt.

Unser Hund wühlt ganz vergnügt

in dem Haufen, Mann oh Mann!

Wie so was passieren kann?

Der Schnellkochtopf, der olle Schuft,

ging ein bisschen in die Luft

und der wollte hoch hinaus,

das hielt unser Dach nicht aus.

Nein ... das Loch ist nicht sehr groß,

ist ja nur das Dachgeschoß!

Das hat sich fast abgedeckt,

es war sowieso defekt.

Hab’ die Ziegel nummeriert,

bis du kommst, ist’s repariert.

Was im Kochtopf war? Ein Teig!

Aus dem Kochbuch all das Zeug,

welches man für Kuchen braucht.

Doch das Zeug hat nur geraucht -

aus dem Überdruckventil!

Das war wohl dem Topf zuviel.

Hundertachzig Grad an Hitz’,

dachte ich erst, sei ein Witz,

habe, dass es schneller geht,

den Herd daher voll aufgedreht.

Kaum hatt’ ich das Messgerät

auf der Platte – war’s zu spät.

Martha! Hätt’st du dir gedacht,

dass Glas so viele Scherben macht?

Der Fiebermesser, dieser Lümmel,

ist jetzt im Thermometerhimmel.

Schließlich ahnte ich ja nicht,

dass das Ding so leicht zerbricht!

Aber sonst ist, wie ich seh’,

alles Bestens und okay.

Hab’ beim Backen wohl kein Glück,

Martha, kommst du bald zurück?

 © Sonja Bartl

Willibald, der Bienerich

 

Es schwirrte und verirrte sich,

der Willibald - ein Bienerich,

erst unlängst in ein Krüglein Bier

und konnte nicht mal was dafür.

 

Dem Willibald war´s nämlich heiß

und von den Fühlern tropfte Schweiß,

als plötzlich er ´nen Bierkrug fand.

Da hockte er sich an den Rand.

 

Der Rand jedoch war ziemlich glatt,

womit er nicht gerechnet hatt´,

sein Rüssel war nicht lang genug

und reichte nicht bis in den Krug.

 

Er beugte weit sich bis zum Schaum,

da schlug er einen Purzelbaum,

die Beine sind ihm weggeflutscht,

er ist dann in den Krug gerutscht.

 

Auch an der Wand fand Willibald,

so ziemlich nirgends einen Halt,

drum paddelte er mit Gebrumm,

voll eingeschäumt im Bier herum.

 

Doch wie er so nach oben sah,

da wähnte er die Rettung nah,

weil es dort eine Spinne gab,

die seilte sich gerade ab.

 

Der dürstete es auch gar viel

und glaubte sich bereits am Ziel,

als eine Stimme sinngemäß,

ertönte aus dem Trinkgefäß:

 

"Das Zeug bekommt dir sicher nicht,

da kriegst du Blasen im Gesicht.

Hol mich hier raus, ich bitte dich!",

so gurgelte der Bienerich.

 

Die Spinne, die sehr eitel war,

sah ihren Teint gleich in Gefahr

und warf dem Willibald im Nu,

den stärksten ihrer Fäden zu.

 

Der Willi lallte, und er schrie,

nun im Sekundentakt: " ... und zieh!"

und irgendwie, mit letzter Kraft,

da hatte er´s dann rauf geschafft.

 

Die Spinne wollte jedoch nicht,

vom diesem bierdurchweichten Wicht,

ein Küsschen dann als Dankeschön,

das kann man schließlich auch versteh´n.

 

Gemeinsam zogen sie dann los,

das heißt, am Seil zog "Eine" bloß,

den Willi hinten nach, na klar,

weil dieser sturzbetrunken war.

 

Sie suchten ohne Unterlass

und fanden was! ... Ein Tintenfass!

An dessen Rand sich jeder hing

und schlürfte, bis es nicht mehr ging.

 

Doch das war nicht gerade schlau,

letztendlich waren beide "blau".

Die Suche zieht sich hin bis heut`,

drum lasst Euch sagen, liebe Leut´:

 

Schaut erst in Krug und Glas hinein,

denn schließlich könnte es mal sein,

dass in dem Maul voll, das man nimmt,

der Willi und die Spinne schwimmt.

 © Sonja Bartl

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