Rene Eichelmann

Vorwort

 

Schon als Kind, lauschte ich mit kindlichen Interesse den alten Geschichten, die mein Großvater mir vor dem zu Bett gehen erzählte. Von meiner Phantasie, beflügelt wünschte ich mir oft selbst so ein Held zu sein um die Prinzessin vor dem Drachen zu retten, oder verwunschene Welten zu entdecken. Vor allen heute, in unserer schnelllebigen Zeit, ist es wichtig dieses Kulturgut unseren Kindern weiterzugeben. So können sie mit viel Phantasie, unsere Welt erkunden und einfach Kind sein, um in ihren Träumen über sich hinauszuwachsen. Ein altes Sprichwort sagt: Ein Mensch ohne Träume und Phantasie, ist das ärmste Lebewesen auf unserer Erde. Hildesheim, den 15.April.2008

Rene Eichelmann

 

Geschichten für die Sterne

Märchen und Legenden

DIE HERRIN DES FEUERS  

 

Es war vor langer, sehr langer Zeit. Die Menschen wohnten dazumal in einer Nomadensiedlung, in der vier Tschums standen,

Eines Tages gingen alle Männer in den Wald zum Jagen, Nur Frauen und Kinder blieben in den Tschums. So verstrichen drei Tage, Am dritten Abend ging eine Frau aus dem Tschum, hackte Holz und wollte kochen. Sie trug die Holzscheite hinein, warf sie in den offenen Herd. setzte sich mit ihrem Kindchen dicht ans Feuer und gab ihm die Brust, lustig. knisterten die Flammen und wärmten Mutter und Kind. Plötzlich stob ein Funke auf die Brust des Kleinen und verbrannte ihm die Haut, Das Kind weinte. Die Mutter sprang auf und schimpfte auf das Feuer:

"Was machst du? Ich füttere dich mit Holz und du tust meinem Kind weh. Kein Holz bekommst du mehr. Ich zerhack dich mit der Axt, begieß dich mit Wasser und 1ösch dich aus."

Flink tat sie das Kind in die Wiege, nahm die Axt und begann auf das Feuer einzuhacken, Sodann griff sie nach dem Kessel und goss Wasser ins Feuer.

"So, jetzt versuch mal, meinen Sohn mit deinen Funken zu verbrennen! Zum ersten Mal bist du völlig erloschen. kein einziges Fünkchen ist mehr zu sehen!"

Das Feuer war ausgegangen. Kalt und finster wurde es im Tschum. Vor Kälte weinte das Kind noch kläglicher.

Da besann sich die Mutter und wollte schnell wieder Feuer anmachen. Sie bemühte sich sehr, blies hinein, doch vergeblich - da glühte kein Fünkchen mehr. Ihr kleiner Sohn aber schrie immer heftiger.

 

Die Mutter überlegte: , Ich lauf mal schnell in den Nachbartschum, hole mir Feuer und zünde meins wieder an!' Sie eilte in den nächsten Tschum, Doch kaum öffnete sie die Tür erlosch auch dort das Feuer. Sie trat in den Tschum, im Herd brannte kein Funken mehr. Die Frauen gaben sich große Mühe, das Feuer zum Brennen zu bringen. Doch sie konnten es nicht - kein Fünkchen wollte aufglühen. Die Mutter lief hinaus und eilte in einen anderen Tschum. Kaum hatte sie die Tür einen kleinen Spalt geöffnet, da ging auch hier das Feuer im Herd aus. Sie trat nicht mal ein. schloss nur rasch die Tür und lief eilends zum nächsten Tschum. Doch dort war es dasselbe. Sie öffnete für einen Spalt breit die Tür, und das Feuer erlosch.

 

Da eilte sie zu ihrem Tschum zurück. Seitab stand am Wege noch ein Tschum: er gehörte ihrer Großmutter. Dort brannte noch Feuer. Sie rannte hin und trat ein. Doch kaum war sie über die Schwelle, da fauchte das Feuer, stieß Rauch aus und erlosch. Die Großmutter schimpfte:

"Was ist denn? Kaum kommst du, erlischt das Feuer. Hat's du etwa in deinem Herd das Feuer gekränkt, du Spinne?"

Die Frau brach in Tränen aus. In der ganzen Siedlung gab es kein Feuer mehr. Niemand konnte es anzünden. Ringsum war es finster und kalt.

"Komm, wir gehen in deinen Tschum. Ich will doch einmal sehen, was du angerichtet hast", sagte die Großmutter.

 

Zu zweit traten sie in den kalten, dunklen Tschum, wo der Kleine weinte und jammervoll schluchzte.

Die Großmutter nahm Schwefelholz und versuchte, Feuer zu machen. Ach, wie plagte sie sich, aber das Feuer wollte nicht brennen. Da hockte sie sich vor den Herd und spähte in das schwarze Dunkel. Nichts war zu sehen. Doch dann erspähte sie, kaum erkennbar, eine Alte. Die saß da und glomm wie Feuer.

Die Alte sprach zur Großmutter:

"Wozu strengst du dich an? Deine Enkelin hat mir eine tiefe Beleidigung zugefügt."

Die Großmutter fragte:

"Wieso, ich weiß ja nicht, was hier vorgegangen ist?"

"Meine Augen hat sie mit Wasser übergossen und mein Gesicht mit Eisen zerhackt. Warum die Törichte das getan hat, ich weiß es nicht."

Das erzürnte die Großmutter noch mehr:

"Ich hab ja immer gesagt, dass diese Spinne noch was Schreckliches anstellen wird. Herrin der Feuerflammen, grolle nicht, gib uns Feuer!"

Doch die Herrin des Feuers schwieg. Lange ließ sie die Großmutter flehen. Endlich sprach sie:

"Ich gebe euch dann Feuer, wenn mir diese Frau ihren Sohn opfert. Aus seinem Herzen werde ich die Flamme aufspringen lassen. Ihr werdet immer daran denken, dass das Feuer aus dem Herzen eures Kindes kommt, 

und so werdet ihr es hüten !"

Die Mutter vergoss bittere Tränen. Die Großmutter sprach:

"Alle sieben Menschenstämme haben deinetwegen das Feuer verloren. Wie werden wir weiter leben? Gib deinen Sohn her!"

Und die Mutter opferte ihren Sohn.

Die Herrin des Feuers sprach:

" Von heut an bis in Ewigkeit werden alle Selkupen wissen, dass man Feuer nicht mit Eisen schüren darf. Nur in höchster Not darf es mit Eisen berührt werden. Doch vorher muss man dazu die Erlaubnis erlangen. Ihr sieben Menschenstämme, merkt euch mein Geheiß !"

Und die Herrin des Feuers berührte das Holz leicht mit einem Finger. Die Flamme züngelte empor, und in ihren Lohen verschwand die Herrin des Feuers mit dem Knaben.

Die Großmutter sprach zu der Frau:

"Noch in vielen Jahren wird eine Mär davon erzählen. wie du mit dem Herzen deines Kindes das ausgegangene Feuer wieder neu entfacht hast."

Die weißen Vögel vom Arpsee  

 

Ein armer Geissbub trieb alle Tage seine Ziegenherde zu dem Arpsee hinauf. Als er einst zur Mittagszeit sein schwarzes Ledertäschchen öffnete, um Mahlzeit zu halten, flogen drei weiße Vögel heran und ließen sich auf dem See nieder. Solch große Vögel hatte er noch nie gesehen. Ihr Federkleid war schneeweiß, der Hals lang und dünn und der Schnabel gelb. Sie schwammen eilig gegen ihn heran und schienen vor ihm keine Furcht zu hegen.

Die Vögel gefielen dem Geissbuben sehr, und er ergriff Steine, um den einen oder anderen tot zu werfen; er traf aber nicht. Die Vögel ließen sich durch sein böses Vorhaben nicht erschrecken und rückten dem Ufer immer Näher. Da trat er ans Wasser heran, ergriff den Vogel, der ihm zunächst war, am Halse und zerrte ihn ans Land.

Aber im Nu ließ er ihn wieder fahren und fuhr zusammen wie noch nie in seinem Leben, denn der Vogel fing an zu reden: "Ach, was willst du mich so grob behandeln. Ich bin nur der geringste der drei Vögel, und wir sind gar keine Vögel, sondern verwunschene Jungfrauen. Der schöne Schwan mit dem goldenen Schnabel ist eine Prinzessin vom Land der Radamanten. Wir zwei andern sind Kammerzofen, und wir sind alle drei von einem Hexenmeister verwandelt worden, weil die Prinzessin nicht heiraten wollte. Jetzt müssen wir so lange Vögel bleiben, bis wir drei Sachen erhalten. Drei Pflanzen müssen es sein, und wenn du uns diese verschaffen kannst, so werden wir wiederkommen und dann bald erlöst werden!"

"Nennt mir die drei Pflanzen", sagte der Bub.

"Naterkraut, Baldrian und Nachtschatten müssen es sein."

Der Geißhirt sagte, er kenne die Kräuter nicht, aber seine Mutter sei Kräutersammlerin und werde sie schon kennen.

"So geh und komm bald wieder", sagte der Schwan und schwamm zu den Gefährten zurück. Dann flogen sie alle drei zusammen auf und verschwanden hinter dem Berge.

Der Bub trieb die Herde bald darauf nach Hause und erzählte seiner Mutter, was ihm heute begegnet sei. Drei schöne weiße Vögel seien auf dem Arpsee her geschwommen, er habe den einen erwischt, und der habe ihn angesprochen und die drei Kräutlein von ihm verlangt zur Erlösung. Die Mutter sagte: "Wenn nur das fehlt, so ist bald geholfen. Ich kenne die Kräuter wohl, sie wachsen hier in der Nähe."

Sie sammelte sie noch im Verlauf des Abends und legte sie zu der Speise ins schwarze Täschlein. Am nächsten Morgen zog der Bub mit den Ziegen wieder hinauf zum See. Als er aufblickte, flogen die Vögel schon daher, ließen sich auf dem blauen kühlen Wasser nieder und schwammen eilig auf ihn zu. Der Bub zog die drei Kräutlein heraus. Die Schwäne ruderten mit aller Kraft zu ihm hin, und er steckte jedem eines der Kräutlein in den Schnabel.

Der eine fing wieder an zu reden und sagte: "Wir danken dir sehr, lieber Bub, für den großen Dienst, den du uns erwiesen hast. Wir fliegen jetzt wieder zurück ins Land der Radamanten, wo man uns mit Hilfe der drei Kräutlein erlösen wird. Der Zauberer aber muss sterben. Wenn du willst, so nehmen wir dich mit. Du brauchst nur zwei von uns an den Flügeln zu ergreifen, dann geht es durch die Lüfte, und bevor die Sonne sinkt, sind wir zu Hause!"

Der Geissbub sagte: "Ich danke schön, ich bleibe lieber Geissbub im Walliserland, als dass ich mit euch zu den Radamanten fliege!"

Da flogen die Vögel auf und verschwanden.

Der Bärenprinz  

 

Ein Kaufmann wollte einmal auf den Markt gehen; da fragte er seine drei Töchter, was er ihnen nach Hause bringen sollte.

Die älteste sagte: "Ich möchte Perlen und Edelsteine."

"Mir," sagte die mittlere, "kannst du ein himmelblaues Kleid kaufen."

Die jüngste aber sprach: "Auf der Welt wäre mir nichts lieber, als eine Traube."

Als nun der Kaufmann auf den Markt kam, da sah er bald Perlen und Edelsteine, so viel er nur wollte; und auch ein himmelblaues Kleid hatte er bald gekauft. Aber eine Traube, die konnte er auf dem ganzen Markt nirgends finden. Da ward er sehr betrübt; denn gerade die jüngste Tochter hatte er am liebsten.

Als er nun so in Gedanken nach Hause ging, trat ihm ein kleines Männchen in den Weg, das fragte ihn: "Was bist du so traurig?"

"Ach," antwortete der Kaufmann, "ich sollte meiner jüngsten Tochter eine Traube heimbringen, und nun hab ich auf dem ganzen Markt keine gefunden."

Sagte das Männchen: "Geh nur ein paar Schritte dort in die Wiesen hinunter, dann kommst du zu einem großen Weinberg. Da ist freilich ein weißer Bär drin. Der wird garstig brummen, wenn du kommst; aber lass dich nur nicht erschrecken. Die Traube kriegst du doch."

Nun ging der Kaufmann die Wiese hinunter, und da geschah es, wie das Männchen gesagt hatte. Ein weißer Bär hielt die Wache vor dem Weinberg und brummte dem Kaufmann schon von Weitem entgegen: "Was willst du hier?"

"Sei so gut," sagte der Kaufmann, "und lass mich eine Traube nehmen für meine jüngste Tochter, nur eine einzige."

"Die bekömmst du nicht," sagte der Bär, "oder du versprichst mir, dass du mir zu eigen gibst, was dir zuerst begegnet, wenn du nach Haus kommst."

Der Kaufmann besann sich nicht lange, und sagte es dem Bären zu. Da durfte er die Traube nehmen und machte sich vergnügt auf den Heimweg.

Als er nun nach Haus kam, sprang ihm die jüngste Tochter entgegen, denn sie hatte am meisten lange Zeit nach ihm gehabt und konnte es kaum erwarten, bis sie ihn sah. Und als sie die Traube in seiner Hand erblickte, da fiel sie ihm um den Hals und konnte sich vor Freude nicht fassen. Aber jetzt wurde der Vater erst recht traurig und durfte doch nicht sagen warum. Alle Tage erwartete er, dass der weiße Bär kommen und sein liebstes Kind von ihm fordern würde. Und als gerade ein Jahr vergangen war, seit er die Traube aus dem Weinberg geholt hatte, da trabte der Bär wirklich daher, stellte sich vor den erschrockenen Kaufmann hin und sagte: "Nun gibst du mir, was dir zuerst begegnete, als du nach Hause kamst; oder ich fresse dich."

Der Kaufmann hatte aber doch noch nicht alle Besinnung verloren, sondern sagte: "Da nimm meinen Hund, der ist gleich aus der Tür gesprungen, als er mich kommen sah."

Der Bär aber fing an laut zu brummen und sagte: "Der ist nicht das Rechte. Wenn du mir dein Versprechen nicht erfüllst, so fresse ich dich!"

Da sagte der Kaufmann: "Nun denn, so nimm da den Apfelbaum vor dem Haus, der ist mir zuerst begegnet."

Aber der Bär brummte noch stärker und sagte: "Der ist nicht das Rechte. Wenn du mir nicht gleich dein Versprechen erfüllst, so fresse ich dich."

Nun half nichts mehr. Der Kaufmann musste seine jüngste Tochter hergeben; und als sie herbeikam, fuhr eben eine Kutsche vor; da hinein führte sie der Bär und setzte sich neben sie, und fort ging's.

Nach einer Weile hielt die Kutsche in einem Schlosshof, und der Bär führte die Tochter in das Schloss hinauf und bewillkommte sie. Hier, sagte er, sei er zu Haus, und sie sei von jetzt an seine Gemahlin; und alles Liebe und Gute, was er ihr nur an den Augen absah, das tat er ihr, so dass sie mit der Zeit gar nicht mehr daran dachte, dass ihr Gemahl nur ein Bär sei. Nur Zweierlei nahm sie immerfort wunder: Warum der Bär des Nachts kein Licht leiden wollte und immer so kalt anzufühlen war.

Als sie nun eine Zeit lang bei ihm gewohnt hatte, fragte er sie: "Weißt du, wie lange du schon hier bist?"

"Nein", sagte sie, "ich habe noch gar nicht an die Zeit gedacht."

"Desto besser", sagte der Bär. "Nun ist's aber gerade ein Jahr; darum rüste dich zur Reise, denn wir müssen deinen Vater wieder einmal besuchen."

Das tat sie mit großen Freuden; und als sie zu dem Vater kam, so erzählte sie ihm ihr ganzes Leben im Schloss. Wie sie aber hernach wieder Abschied von ihm nahm, steckte er ihr heimlich Zündhölzchen zu, dass es der Bär nicht sehen sollte. Der hatte es jedoch im Augenblick gesehen und brummte zornig: "Wenn du das nicht bleiben lässt, so fresse ich dich."

Dann nahm er seine Gemahlin wieder mit sich auf das Schloss, und da lebten sie wieder zusammen, wie vorher. Nach einiger Zeit sagte der Bär: "Weißt du, wie lang du schon hier bist?"

"Nein", sagte sie, "ich spüre gar nichts von der Zeit."

"Desto besser", sagte der Bär. "Du bist nun gerade zwei Jahre hier; darum rüste dich zur Reise. Es ist Zeit, dass wir deinen Vater wieder einmal besuchen."

Das tat sie wieder, und es ging alles wie das erste Mal.

Als sie aber noch zum dritten Mal bei ihrem Vater auf Besuch war, übersah es der Bär, dass ihr Vater ihr heimlich Zündhölzchen zugesteckt hatte; und wie sie nun zusammen wieder in das Schloss zurückgekehrt waren, so konnte sie es kaum erwarten, bis es Nacht war und der Bär neben ihr im Bette schlief. Leise zündete sie ein Licht an, und da erschrak sie vor lauter Verwunderung und Freude; denn neben ihr lag ein schöner Jüngling mit einer goldenen Krone auf dem Haupte. Der lächelte sie an und sagte: "Schönsten Dank, dass du mich erlöst hast. Du warst die Gemahlin eines verwünschten Prinzen. Jetzt wollen wir erst recht unsere Hochzeit feiern, denn jetzt bin ich der König dieses Landes."

Alsbald wurde das ganze Schloss lebendig. Von allen Seiten kamen die Diener und Kammerherren herbei und wünschten dem Herrn König und der Frau Königin Glück.

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