
Marcus Khalil
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Marcus Khalil lebt in Bremen und ist Diplom-Psychologe
Mit Schwarze Seele legt er seinen ersten Roman vor.
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Klappentext
Warum ist Valeries Nachthemd voller Blut, als sie aus einem Alptraum erwacht?
Der Selbstmord ihres Freundes scheint die 16jährige völlig aus der Bahn zu
werfen. Sie versucht, sich in Partys und eine neue Beziehung zu flüchten.
Doch es fällt ihr immer schwerer, die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit
zu erkennen.
Sie träumt von einem bedrohlichen alten Schloß. Darin befindet sich eine
schwarze Tür, bei deren Anblick ihr Herz zu rasen beginnt. Sie will sie nicht
öffnen, doch tut es trotzdem. Vor ihr liegt ein dunkler Raum. Valerie macht
einen Schritt in die Dunkelheit.
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Leseprobe
(geringfügig verändert)
Valerie ging zum Fahrstuhl. Es dauerte einen Moment, bis er kam. Dann öffneten
sich die silbernen Türen des Aufzugs, und sie stieg ein. Die Türen schlossen
sich. Sie war allein. Sie hatte auf E für Erdgeschoß gedrückt, und die Fahrt
begann.
Etwas später stoppte der Lift. Valerie fuhr zusammen. Die Türen öffneten
sich. Ein Mann mittleren Alters trat ein und rempelte sie an. "Oh,
Entschuldigung, das wollte ich nicht", sagte er gleichgültig und lehnte
sich an die gegenüberliegende Wand. Sein schwarzes Haar war leicht ergraut
und ordentlich nach hinten gekämmt. Er trug einen dunkelblauen zerknitterten
Trenchcoat. Valerie musterte ihn ausführlich, meinte, ihn irgendwoher zu
kennen. Es war ihr, als sei er ihr oft auf der Straße(?) begegnet. Der Mann
starrte sie durchdringend aus kalten, starren, blauen Augen an.
Er hatte die Hände in die Manteltaschen gesteckt. Valerie lief ein Schauer über
den Rücken, ein Gefühl von Angst. Sie war diesem Mann sicher nicht begegnet,
als sie gekommen war. Aber woher kannte sie ihn? Sie schaute zur Anzeigetafel
des Aufzugs hinauf. Noch zwei Etagen, bei diesem alten Fahrstuhl dauerte das
eine Ewigkeit. Der Mann zog langsam die Hände aus den Manteltaschen. Er trug
Lederhandschuhe. Er gaffte sie immer noch unbeweglich an. Sie versuchte seinem
eisernen Blicken auszuweichen. Aber es ging nicht. Jedesmal fixierte er erneut
ihre Augen. Sie überlegte, ob sie ihn ansprechen sollte. Doch das war ihr nicht
möglich. Denn ihre Angst wuchs. Sie fühlte sich hilflos und ausgeliefert - war
dieser Ort nicht ideal für ein Verbrechen? Neben dem Mann befanden sich viele
Knöpfe. Einer von ihnen diente dazu, den Lift anzuhalten. Er mußte nur die
Hand ausstrecken, um den Schalter zu betätigen. Niemand würde etwas bemerken,
niemand! Er blickte sie immer noch an. Sie überlegte, ob sie sich von ihm
wegdrehen sollte. Dann könnte er sie nicht mehr anschauen, aber sie ihn auch
nicht. Das hieße, sie würde sich ihm ausliefern. 'Was für ein Blödsinn',
schoß ihr durch den Kopf. Sie hatte sowieso keine Chance gegen ihn. Er war
wesentlich größer und vor allem kräftiger als sie. Er würde sie packen
und...was? Was würde dann passieren? Sie schaute wieder zu der Anzeigetafel
hinauf. Noch ein Stockwerk. Würde ER SIE vergewaltigen? Ausrauben? Töten?
Alles nacheinander? Der Lift hielt mit einem Ruck an. Er mußte ihn
ausgeschaltet haben. Er machte einen großen Schritt auf sie zu. Valerie drückte
sich an die Wand. Doch da war kein Fluchtweg. SIE WAR IHM AUSGELIEFERT. Seine
Lippen verzogen sich zu einem hämischen Grinsen. Plötzlich schien ihr das
Ende so nah.
Erst jetzt bemerkte sie, daß sich hinter ihr die Türen geöffnet hatten. Der
Aufzug war angekommen, angekommen im Erdgeschoß, da, wo sie hin wollte. Sie
verließ den Lift. Und der Mann eilte an ihr vorbei. Sie faßte sich an die
Stirn. Da stand ihr Schweiß. Auch ihre Hände waren naß. Valerie blieb
stehen. Sie schloß die Augen. "Reiß dich zusammen", sagte sie sich
leise. "Du darfst nicht die Nerven verlieren!" Dann gab sie sich das
innerliche Versprechen, das nicht zu tun. Sie würde niemals die Nerven
verlieren.
Sie schritt auf die Glastür zu, die nach draußen führte. Dort hatte es zu
nieseln begonnen. Es war dämmerig, und der Himmel war von zahlreichen Wolken
verhangen. Valerie haßte solches Wetter. Denn sie liebte die Sonne, den Frühling,
in dem die Natur und viele Menschen zu neuem Leben erwachen, und den Sommer, heiße
Nächte, in denen man heiße Dinge tun konnte. Auch richtiger Winter mit hohem
Schnee konnte ihr nichts anhaben. Aber triste regnerische Tage verursachten bei
ihr Depressionen. Glücklicherweise war es wenigstens warmer Frühlingsregen.
Als sie hinaustrat, hob sie für den Bruchteil einer Sekunde den Kopf und ließ
es sich ins Gesicht regnen - ein Überbleibsel einer alten Gewohnheit. Früher,
als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, hatte sie oft bei Regen die Zunge
herausgestreckt, um die Tropfen des Wolkenbruchs zu trinken. Natürlich konnte
sie nie ihren ganzen Durst stillen, da die meisten Tropfen an ihr
vorbeirauschten. Aber es war schön gewesen. Sie hatte damals viel Spaß gehabt.
Die Bushaltestelle war fünf Gehminuten von der Praxis entfernt. Unterwegs blieb
sie kurz stehen und gab einem Obdachlosen eine Mark. Sie blieb immer stehen,
wenn sie einen Bettler am Wegesrand sah. Doch heute brauchte sie das mehr als je
zuvor. Er bedankte sich, und Valerie marschierte weiter. Ein großer schwarzer
Rabe hockte auf einer Mülltonne und funkelte sie aus seinen düsteren Augen
an. Valerie erschauerte. Und als sie an ihm vorbeilief, krähte er, als wollte
er ein Unheil ankündigen. Dann erreichte sie die Fußgängerampel. Sie
brauchte den Schalter nicht betätigen, weil schon andere Passanten darauf warteten,
daß es grün würde. Und es wäre doch ein Witz, wenn nicht einer von ihnen
gedrückt hätte, oder? Eigentlich hielt sie nichts davon, an einer Ampel zu
warten, rannte einfach los, wenn sich kein Auto näherte. Aber heute war es
anders. Heute war vieles anders...