Maren Frank

wurde am 29. Oktober 1977 in Herne geboren
und entdeckte sehr früh ihre Leidenschaft für das
Schreiben und Zeichnen. Neben dem Lesen
(besonders von historischen Romanen) widmet
sie sich dem Reitsport.
Beruflich entwirft Maren Frank Stempel für die Solinger Firma
Kaleidoskop -Motivstempel .

Blumen von Tandor

 

Auf der Terrasse hantierte Susanne Bloch an den Befestigungsklammern des Tischtuches und wies gleichzeitig ihren Mann ein. Durch einen Stapel Geschirr vor seiner Nase konnte er nicht sehen, wohin er ging. Er erinnerte sich daran, dass irgendeine der Steinplatten lose war und hoffte, nicht gerade auf jene zu treten.

„Mama!“ krähte es in diesem Moment vom Rasen.

„Gleich Schatz!“ rief Susanne über die Schulter, ohne hin zu gucken, was ihr Sohn von ihr wollte.

Ferdinand Bloch fühlte seine Arme schwerer werden. Das mit Kaffeekanne, Saftkaraffe, Tortenplatte und dem Gedeck für fünf Personen beladene Tablett schien wundersamerweise von Sekunde zu Sekunde an Gewicht zu gewinnen. „Kann ich das hier nicht endlich abstellen? Es wiegt wirklich einiges.“

„Ach stell dich doch nicht so an. Das bisschen da.“ Susanne klemmte eine weitere Klammer an den Tisch. „Du willst doch wohl auch, dass alles ordentlich ist, wenn Mutter gleich kommt.“

Oh ja, das wollte er in der Tat, wenngleich dieses Ziel ohnehin nicht zu erreichen war. Seine Schwiegermutter würde garantiert irgendetwas finden, dass ihr Missfallen erregte. Das war immer so, wenn sie kam, egal ob angemeldet oder überraschend. Er wollte gerade eine Aufforderung sich zu beeilen an seine Frau richten, als erneut lauthals der Ruf „Mama!“ erklang. Diesmal war es jedoch Saskia, die krähte, nicht weniger laut als ihr drei Jahre jüngerer Bruder.

„Was ist denn?“ Susanne klang ungeduldig, lief aber zu ihnen und Ferdinand versuchte zwischen dem Tassenstapel und dem Orangensaft zu erkennen, was so wichtig war.

„Jonas hat meine Barbie in die Regentonne geschmissen.“

„Aber nur, weil du Luke gebadet hast. Und der schwimmt nicht. Da schau, Mama, er liegt auf dem Grund.“

Susanne betrachtete die Actionfigur, die recht gut sichtbar in dem 1.20m tiefen Wasser lag. „Ich hol ihn nachher raus, ja. Jetzt wollen wir doch sowieso erstmal Kaffee trinken.“

„Aber ohne Luke will ich nicht sein.“ Und um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, plärrte Jonas los, mit der ganzen Stimmgewalt eines Siebenjährigen.

Susanne seufzte. Sie trug ein sehr elegantes, apricotfarbenes Kostüm, undenkbar zu riskieren, daß es Chlorwasser ausgesetzt wurde. „Ferdinand, du hast es ja gehört, hol du die Figur mal eben aus dem Pool.“

„Kann ich denn jetzt endlich das Tablett abstellen?“ fragte er.

Verdammt, die Tischdecke, schoss es ihr durch den Kopf und sie flitzte auf die Terrasse zurück. Rasch steckte sie die restlichen Klammern fest. „So, jetzt vorsichtig abstellen, das mir ja das gute Porzellan nicht zu Bruch geht!“

Ferdinand gehorchte, atmete erleichtert auf und schüttelte seine Arme aus. Lange Zeit zum verschnaufen hatte er allerdings nicht, denn schon erscholl ein aufforderndes „Papa!“ von seinem Sohn.

Ferdinand warf einen kurzen Blick in den Pool, schnappte sich dann eine Harke und angelte die Plastikfigur hervor. Überglücklich schloss Jonas den tropfenden Minikrieger in die Arme und lief zur Terrasse.

Saskia zupfte ihren Vater fest am Ärmel. „Und was ist mit Barbie? Soll die etwa in der Regentonne bleiben?“

Nein, sollte sie nicht, obwohl er sie letzte Nacht genau dort hin gewünscht hatte, als er auf dem Gang zur Toilette mit bloßen Füßen auf sie getreten war. Also angelte er auch Barbie, was nicht so schwierig war, da sie obenauf schwamm. Er konnte sie mit der Hand greifen, musste aber weit herunter langen, da die Regentonne aufgrund der langen Hitzeperiode nur zu knapp einem Viertel gefüllt war.

Als er mit Barbie wieder ins Sonnenlicht kam, empfing ihn fast sofort eine Schimpfkanonade seiner Frau. „Bist du noch bei Trost? Guck dir bloß dein Hemd an. Zieh dir sofort ein anderes an, aber beeil dich.“

Er reichte Saskia im vorbei hasten eine tropfnasse Barbie, die sie mit einem „bäh, ist ja eklig, da sind ja Mückenlarven in Barbies Haaren“, empfing und sprintete dann nach oben ins Schlafzimmer.

Im Spiegel des Kleiderschranks sah er, was Susanne meinte, das Hemd hatte unter der Rettungsaktion ziemlich gelitten und rasch tauschte er es gegen ein sauberes. Im Anziehen war er immer schon recht flink gewesen, er konnte nicht ganz nachvollziehen, wieso Susanne dafür Stunden brauchte. Selbst Saskia fing schon damit an.

Unten war Susanne gerade damit fertig die Kuchengabeln neben den Tellern zu platzieren. „Oh nein!“ rief sie plötzlich aus. „Ich habe die Blumen ganz vergessen!“

Obwohl reichlich von den Kindern strapaziert hielten sich dennoch einige blühende Gewächse im Garten der Familie Bloch. Die Vergissmeinnicht richteten sich auch nach mehrmaligem Drübertrampeln immer wieder auf, Löwenmäulchen verziehen das Aufklappen ihrer Blütenblätter und die Rosen blieben dank ihrer Dornen weitestgehend verschont. „Dann schneid doch einfach ein paar Rosen ab und steck irgendwas von den anderen dazwischen“, riet Ferdinand.

„Unmöglich“, befand Susanne. „Du erwartest doch wohl nicht, dass ich für Mutter solch mickrige Blüten auf den Tisch stelle. Nein, nein, das kommt gar nicht in frage. Fahr sofort los und kauf einen Strauß. Aber laß dir nichts halb verwelktes andrehen, er muss eindrucksvoll sein.“

„Ja Liebling, ich weiß.“ Für seine Schwiegermutter hatte Ferdinand schon öfter Blumen kaufen müssen. Daran hatte sie auch immer irgendetwas aus zu setzen, entweder waren die Rosen schon zu verblüht oder noch nicht weit genug geöffnet, das Blattgrün zu blaß und einmal hatte sie beim kritischen Schnuppern an einer Nelke eine Biene aufgeschreckt, die sie daraufhin in die Nase gestochen hatte, die Biene die Schwiegermutter, nicht umgekehrt, was sicher für letztere günstiger gewesen wäre, denn so endete jener Kaffeenachmittag in der Notaufnahme des städtischen Krankenhauses. Im Gegensatz zur Biene überlebte die Schwiegermutter aber.

Ferdinand steckte sein Portemonnaie an, nahm die Autoschlüssel und fuhr los. Das Radio ließ er ausgeschaltet und genoss einfach nur die Ruhe. Zwar war es natürlich nicht wirklich ruhig, das war auf einer viel befahrenen Straße nicht möglich, aber es war eben ein anderer Lärm als der kommandierende Ton seiner Frau, das hartnäckige Quengeln der Kinder oder – allein der Gedanke löste ein schaudern aus – die herrische Stimme seiner Schwiegermutter.

Er erinnerte sich daran, daß an der Hauptstraße eine Baustelle war und sich gerade um diese Zeit dort die Autos stauten, also bog er in die kleine und meist kaum befahrene Waldgasse ab. Diese Straße führte in einem leichten Bogen zum Blumenladen, wurde aber, da ihre Einfahrt recht versteckt hinter einer überdimensionalen Plakatwand ( Keine Macht den Drogen und Gib Aids keine Chance ) lag, normalerweise nur von Anwohnern genutzt, die sich gut auskannten.

Tatsächlich schien die Waldgasse auf den ersten Blick ins nirgendwo zu führen. Vor allem führte sie erstmal in den Wald und der war so dunkelgrün und undurchsichtig, dass er sowohl Licht als auch Verkehrslärm schluckte. Obwohl die Stadt regelmäßig dafür sorgte, daß die Äste so weit geschnitten wurden, dass sie nicht die alle 20 Meter aufgestellten Laternen verdeckten oder zu weit auf die Straße hingen, wucherten sie doch so rasch und wild, dass einige besonders tief hängende das Dach von Ferdinands Kombi streiften.

Kein anderes Auto begegnete ihm und Ferdinand genoss die Stille, die hier nun wirklich herrschte. Das leise Rascheln von Blättern und das zarte Zirpen der Vögel war einfach herrlich wohltuend für seine lärmgeplagten Gehörgänge.

Er war auf den letzten 100 Meter, wusste, dass hinter der nächsten Biegung die Tankstelle auftauchen würde, dann ging es auf die Hauptstrasse und damit zum Blumenladen. Lichter kamen ihm entgegen, blitzten im dunklen Grün der Bäume auf und Ferdinand schaltete einen gang runter, drosselte die Geschwindigkeit. Die Strasse war recht eng, man konnte nicht einfach so aneinander vorbei sausen, besonders nicht, wenn eines der Autos ein breiteres Modell war, was er von den Abständen der Lichter her vermutete.

Schnell war es zudem, also fuhr Ferdinand an den Straßenrand, die rechten Reifen rollten über das aufgrund des fehlenden Sonnenlichts nur spärlich wachsende Gras. Er trommelte mit den Fingern leicht auf das Lenkrad und wartete. Nach einer Minute reckte er den Kopf, hatte er sich etwa so getäuscht? Aber das waren eben doch ganz eindeutig Scheinwerfer gewesen, die er gesehen hatte.

Wahrscheinlich hat der sich verfahren und gewendet, dachte Ferdinand und wollte eben wieder Gas geben, da tauchte das Gefährt vor ihm auf. Es war so groß, dass Ferdinand nun froh war, an den Rand gefahren zu sein. Staunend betrachtete er das .... Auto? Nein, wie ein normaler Wagen sah das Vehikel wirklich nicht aus. Er hatte nie zuvor etwas vergleichbares gesehen. Es war groß, nicht ganz so hoch wie ein LKW, eher so wie ein Geländewagen und schick in Silber lackiert. Überall waren Lichter angebracht, musste wohl eine Spezialanfertigung für einen absoluten Freak sein, denn er war sich ganz sicher, dass sich ein derartiges Modell in keinem Autohaus der Welt finden ließ. Dort, wo er die Stoßstange vermutete, waren die meisten lichter, ganz helle klein, so daß Ferdinand die Räder gar nicht sehen konnte. Das verstärkte noch den Eindruck, dass dieses futuristisch anmutende Gefährt in der Luft zu schweben schien.

Das seltsame Auto ( Ferdinand beschloss es so zu nennen, denn schließlich fuhr es ja auf einer Straße ) war nun zum Stillstand gekommen, keine zwei Meter vor seinem eigenen Wagen. Die Tür öffnete sich nach oben, ebenfalls selten, aber nicht merkwürdig, das gab es bei verschiedenen Autotypen.

Ferdinand vermutete, dass der Fahrer sich verfahren hatte und ihn nun nach dem Weg fragen wollte, daher stieg er ebenfalls aus und wartete, die Hände lässig in den Hüften und einen Fuß leicht vorgestellt.

Im Lichtkegel der vielen Lampen erschien ein Kopf, weiß mit spitzer Nase und vergleichsweise großen runden Augen. Ein Jack Russel Terrier, erkannte Ferdinand und wartete, dass der Besitzer erschien.

Doch statt dessen schob sich ein zweiter Hund neben den ersten, dann ein dritter. Alle betrachteten sie Ferdinand mit zuckenden Nasenspitzen.

Ferdinand mochte Hunde sehr gern und jetzt, wo die Kinder etwas älter waren, wollte er einen für sie kaufen. Einen Golden Retriver vielleicht, die waren freundlich und nicht zu groß. Jonas und Saskia wünschten sich schon lange einen Hund, allerdings sollte er so aussehen, wie die Hunde ihrer bevorzugten Helden, ein ziemlich unerfüllbarer Wunsch, denn Ferdinand hatte in keinem der Rassebücher ein Tier gefunden, daß entsprechend groß und zottelig oder weiß und seidenhaarig war, jedenfalls nicht so, wie die Minifiguren, die ihm die Kinder unter die Nase gehalten hatten.

Die drei Jack Russel sahen aber auch sehr niedlich aus, fand Ferdinand und wartete, daß endlich der Besitzer auftauchte. Oder suchte der etwa hinter der von außen nicht durchsichtigen Frontscheibe gerade auf der Karte auf welcher Straße er sich befand? „Hallo?“ rief Ferdinand.

Klicken erklang, wie von einem arbeitenden Computer, dann kam die Antwort aus dem Auto: „Er kann sprechen, dann ist er wohl das richtige Exemplar.“

Unsicher lachte Ferdinand, nun noch neugieriger, den Freak kennen zu lernen. Denn wer so ein Auto fuhr und ihn so dreist begrüßte, musste wirklich ziemlich schräg sein. „Ja natürlich kann ich sprechen. Ich vermute, Sie haben sich verfahren. Also bevor Sie weiter suchen, Sie sind hier auf der Waldgasse. Wo möchten Sie denn hin?“

Zwei der Terrier sprangen von dem Auto runter und liefen zu ihm. Ferdinand ging in die Knie und hielt ihnen die Hand zum Schnuppern hin. „Ihr seid ja süß. Wie heißt ihr denn?“

„Kiro. Und das ist Timtam. Die im Schiff ist Riva.“

Ferdinand erstarrte für einen Moment. Es hatte ihm fast so geschienen, daß der Terrier, der gerade so gründlich an seinem Hosenbein schnupperte, ihn angesprochen hatte. Aber das war natürlich unmöglich. „Wo ist denn euer Herrchen, mag es nicht mal eben aus dem Auto kommen? Oder habt ihr ein Frauchen?“

„Ich verstehe nicht.“ Diesmal war es der andere Hund, von dem die Stimme kam, der Timtam hieß und kleine braune Flecken an seinem ganzen Körper hatte.

Für einen Moment wurde es Ferdinand nun doch etwas unheimlich. Dann fielen ihm die Halsbänder auf. An ihnen waren kleine schwarze Sender angebracht, vermutlich winzige Lautsprecher. Ja ja, die moderne Technik, er staunte ja zu hause schon immer, wie virtuos seine Kinder mit der Tastatur des PC umgingen. Da hatte ihn der Typ, dem diese Hunde gehörten ja um ein Haar gehabt! Aber der Gag war gut, das musste er ihm lassen. „Okay, genug davon, leider habe ich es nämlich eilig.“ Mit Schrecken dachte er an seine Schwiegermutter, weit schlimmer als gar keine Blumen war zu spät kommen.

„Bist du ein durchschnittlicher Erdenbürger?“

Ferdinand überlegte. „Tja, das würde ich schon meinen. Ich bin 38 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, angestellt als Sachbearbeiter im Sozialamt, mittleres Einkommen. Aber he, Augenblick mal, wir kennen uns doch gar nicht, wieso sollte ich mit Ihnen über mein Gehalt sprechen? Darüber rede ich noch nicht mal mit Freunden und schon gar nicht mit Fremden.“

Es klickte und klackte in schneller Folge an den Halsbändern und Ferdinand begann sich immer unbehaglicher zu fühlen. Was, wenn dieser seltsame Typ von seinem Chef geschickt worden war, um ihn auszuhorchen? Hatte er etwa die falsche Antwort gegeben?

Kiro setzte sich vor ihn auf die Hinterbeine und legte den Kopf leicht schräg. „Ja, ich denke du bist ideal als Studienobjekt.“

„Studienobjekt?“ wiederholte Ferdinand verwirrt.

„Was ist daran zu missverstehen? Wir wollen einen Erdenbürger kennen lernen. So was wie dich gibt es nämlich auf unserem Planeten nicht. Zuerst hatten wir versucht mit Vierbeinigen zu sprechen, die uns ähnlich sehen, doch sie verstanden uns nicht. Auch unser Computer konnte ihre Sprache nicht übersetzen.“

„Aha“, sagte Ferdinand nur. Wo war er hier bloß rein geraten? Der Typ, der im Auto saß und über die Hundehalsbänder mit ihm sprach, musste völlig ausgeflippt sein. Davon hatte er schon gehört, im Fernsehen liefen ja oft genug schwachsinnige Talkshows mit Ufo-Gläubigen oder gelangweilten Hausfrauen, die angebliche Entführungsopfer waren. Scheinbar zählte der hier zu diesen Spinnern.

„Wir kommen von Tandor, einem Planeten im Pferdekopfnebel“, erklärte Timtam.

Ferdinand beschloss, dass es wohl das beste war, das Spiel mit zu spielen. Eigentlich konnte er recht gut mit Menschen umgehen, auch mit schwierigen, ängstlichen oder eben komplett Durchgeknallten. „Und was macht ihr so den ganzen Tag auf Tandor?“

„Wir sind Forscher, die meisten Angehörigen unseres Volkes sind in der Wissenschaft tätig. Wir drei reisen oft zusammen durch die Galaxis. Letzte Woche waren wir auf dem Pluto. Aber dort ist es langweilig, die Bevölkerung – so man sie denn so nennen kann – besteht aus Einzellern.“

„Ist Tandor ein schöner Planet?“ fragte Ferdinand und überlegte, ob der Verrückte wohl gefährlich war. Dummerweise hatte er in der Eile vorhin sein Handy ganz vergessen, es steckte noch in seinem Jackett, das an der Garderobe hing. Er konnte nur hoffen, daß früher oder später ( und zwar besser früher! ) ein anderer Autofahrer hier vorbei kam und er ihm irgendwie ein Zeichen geben konnte, dass er Hilfe brauchte.

„Das will ich doch meinen.“ Diesmal war es die Hündin, die sprach. Ihre Stimme klang wirklich weiblich, nun ja, mit dem Computer Stimmen zu verändern war nicht gar so kompliziert. „Du solltest ihn dir ansehen. Na, wie wär´s mit einer kleinen Spritztour durchs All?“

Ferdinand zögerte. Wenn er in den anderen Wagen stieß, konnte er vielleicht besser Einfluß auf den Mann nehmen, der hinter den Stimmen steckte. Wenn er handgreiflich wurde, hatte er allerdings kaum Chancen, Ferdinand war 1.75m groß und wog 70kg. Er war kein Fitness-Studio gestählter Muskelprotz, fuhr allenfalls mit den Kindern Rad und spielte hobbymäßig mit ein paar Arbeitskollegen Fußball. Im Nahkampf hatte er null Erfahrung.

„Na was ist nun, kommst du?`“ fragte Riva von der geöffneten Tür aus.

Mit möglichst ruhigen schritten und gerader Haltung legte Ferdinand das kurze Stück zurück. So nah vor dem anderen Wagen konnte er die Details noch besser erkennen. An ein Auto erinnerte wirklich nichts mehr, stattdessen sah die Stromlinienform ohne Ecken und Kanten mehr nach Raumschiff aus. Nicht die Art Rakete, die die NASA verwendete, sondern mehr die schicken Dinger, die man aus Filmen und Serien kannte.

„Los, steig endlich ein“, forderte Riva. Kiro und Timtam waren bereits flink hoch gesprungen und in die Luke gehüpft. „Übrigens, wie heißt du?“

„Ferdinand Bloch.“ Er schaute sich nach einem Haltegriff um, an dem er sich hoch ziehen konnte, fand aber keinen. Also griff er mit ausgestreckten Armen nach der Tür, trat mit einem Fuß an die Seite und rutschte ab. Nun hing er halb an dem spiegelglatten lack, trat nun mit beiden Füßen und schaffte es unter Ächzen und Keuchen schließlich sich hoch zu ziehen. Nun war er allerdings mit dem Kopf zuerst an der Tür und da die Hunde einfach seine Kleidung an Schulter und Ellenbogen packten und zogen, landete er äußerst unelegant im Inneren.

„Sind alle deines Volkes so unsportlich und wenig gelenkig wie du?“ fragte Riva.

„Nein, sicher nicht“, versicherte Ferdinand und rieb sich den Hinterkopf und den Rücken, die beide unsanft Bekanntschaft mit dem harten Boden gemacht hatten. Ein leiser Pfiff entfuhr ihm, auch das Innere war ganz im Raumschiffstil gehalten. Statt eines Lenkrads gab es ein Kontrollbord mit unzähligen Knöpfen. An den Wänden waren rundum Monitore, die allerdings ausgeschaltet waren. Möglicherweise waren es nur Attrappen, es mußte so schon ein Vermögen gekostet haben, diese ganzen Umbauten zu bewerkstelligen. Ob das wohl alles TÜV zugelassen war?

„Halt dich fest, wir starten“, sagte Riva und ihre Pfoten drückten verschiedene Knöpfe.

Mehr automatisch griff Ferdinand nach einer Strebe an der Wand. Wo zum Teufel saß denn der Urheber? Es schien, als wäre er mit den drei Hunden völlig allein. Bevor er dazu kam, weiter darüber nachzudenken, wackelte der Boden und die Nase des seltsamen Gefährtes stieg empor, wodurch Ferdinand nach hinten rutschte.

Rivas Pfoten drückten weitere Knöpfe. Sie hatte Ferdinand den Rücken zugewandt und es war ein absolut groteskes Bild. Da saß wirklich ein Jack Russel Terrier und bediente ein Schaltpult! Wenn er es nicht mit eigenen Augen sehen würde, könnte er es nicht glauben. Wobei er auch so Schwierigkeiten hatte, die Realität zu akzeptieren, besonders, als Kiro ihn nach etwa einer Minute aufforderte aus dem Fenster zu gucken.

Der Boden war nun ruhig, er spürte zwar, dass sich das Gefährt mit ziemlicher Geschwindigkeit bewegte, doch er konnte problemlos aufstehen und das Gleichgewicht halten. Aus dem Fenster sah er die rasend schnell kleiner werdende Stadt. Anders als bei dem Flugzeug, das ihn und seine Familie letzten Sommer nach Gran Canaria geflogen hatte schien hier alles im Zeitraffer zu geschehen. Natürlich, das war es! Er schaute gar nicht aus dem Fenster sondern stattdessen auf einen Fernseher, an den ein Recorder angeschlossen war, der im Zeitraffer ein Video abspielte. Es gab doch dieses berühmte Buch Zehn hoch, was auch im Wohnzimmerschrank der Familie Bloch stand, dazu war sicher irgendwann auch mal eine Kassette erschienen und die ließ der geheimnisvolle Freak nun ablaufen.

„Sollen wir über die Venus fliegen oder willst du lieber den Mars sehen?“ fragte Riva.

Vom Mars war zur zeit in jeder Nachrichtensendung viel zu sehen, da Wissenschaftler dort Wasser nachgewiesen hatten. Sich davon Bildmaterial zu besorgen war mit dem Internet ganz leicht. Bei der Venus sah es anders aus, die war so weit entfernt, dass es von ihr nur winzig kleine Abbildungen eines hellen Sterns gab. „Wenn ich die Wahl habe, würde ich lieber die Venus sehen.“ Ha, jetzt hatte er ihn, freute Ferdinand sich. Sicher war der Freak davon ausgegangen, dass er sich für den Mars entscheiden würde, war ja momentan überall das Hauptthema.

„In Ordnung.“ Wieder tippten die schlanken weißen Pfoten auf dem Kontrollpult herum. „So, in zehn Sekunden passieren wir die Venus, ich fliege ein bisschen langsamer, damit du auch richtig was sehen kannst.“

Angestrengt starrte Ferdinand aus dem Fenster, bisher war die Weltraumsimulation perfekt, qualitativ absolut hochwertig. Dagegen sah selbst dieses neue Computerspiel, das Jonas mit solcher Begeisterung spielte, blaß aus. In schimmerndem rot tauchte die Venus auf, wurde rasch größer und ließ die Unebenheiten auf ihrer Oberfläche erkennen. Wenn er es nicht besser wüsste, könnte er wirklich glauben sie zu sehen. Aber dazu war Ferdinand natürlich zu realistisch – oder phantasielos? Nun bedauerte er fast ein wenig, sich nie näher mit All, Aliens und Science Fiktion beschäftigt zu haben. Die Faszination, die die Fans davon spürten konnte er jetzt jedenfalls nachvollziehen. Sobald seine Schwiegermutter abgefahren war, würde er sich im Internet die Bilder der Marssonde ansehen, das Programm des Planetariums anfordern und morgen nach der Arbeit im Buchladen vorbei schauen, was es interessantes an Büchern gab, möglichst für Laien verständlich.

„Soll ich nun direkt Tandor ansteuern oder möchtest du vielleicht noch einen Abstecher zum Merkur?“ fragte Riva.

Liebend gern hätte Ferdinand der Simulation weiter zu gesehen, doch er dachte an seine Schwiegermutter und die Blumen. Außerdem war es wohl besser aus diesem verrückten Auto heraus zu kommen. Wer wusste schon, welch abstruse Ideen diesem Freak noch kommen würden? Womöglich gab es irgendeine Vorrichtung, die die Luft absog oder die Schwerelosigkeit beeinflusste. „Leider habe ich keine Zeit, meine Familie wartet auf mich.“

Wieder wurden Tasten gedrückt und einmal mehr staunte Ferdinand, wie gut die Hündin dressiert war. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, dass sie genau wusste, was sie tat. Die Befehle bekam sie jedenfalls über das Halsband, denn von dort klickte es fast unablässig. „Halt dich fest, die Landung ist ein wenig holprig.“

Das merkte Ferdinand, diesmal neigte das Gefährt sich nach vorn, doch er hielt das Gleichgewicht. Sicherheitshalber wartete er aber, bis sich nichts mehr bemerkte. „Kann ich nun loslassen?“

„Ja, wir sind da.“ Kiro sprang zu einem Schalter an der Wand und gleich darauf öffnete sich die Ausstiegstür.

Ferdinand sah lavendelfarbenen Himmel und ging zögernd die wenigen Schritte zur Luke. Die Hunde waren bereits an ihm vorbei nach draußen gesprungen. Er suchte nach etwas zum hoch klettern und hoffte, daß er nicht versehentlich einen Alarm oder irgendeine Funktion auslöste, während er sich mit den Füßen strampelnd die Wand hochzog.

Das Gefährt stand auf einer Wiese, so viel war klar, allerdings war er noch nie hier gewesen. Die vereinzelt stehenden Bäume kannte er gar nicht, musste wohl irgendeine japanische Züchtung sein, so eigenartig geformt wuchsen sie. Auch das ins türkis gehende Blattgrün fand sich in keinem Wald in seiner Umgebung. Das brachte ihn auf die nächste Frage: Wo war er? Und vor allem, wie kam er zurück in die Waldgasse, wo sein Auto stand.

„Willkommen auf Tandor“, sagte Riva. „Fremde sind uns immer willkommen. Wir haben oft Gäste, besonders die Castorianer besuchen uns sehr gern.“

Ferdinand drehte sich langsam einmal um die eigene Achse. Weit und breit war nichts außer den paar Bäumen zu sehen. Er hatte auf eine Telefonzelle gehofft, nun ja, schätzungsweise hatte die Fahrt nicht mehr als fünf Minuten gedauert. Selbst mit einem sehr schnellen Auto konnte man in dieser Zeit höchstens zehn Kilometer zurück legen. Er musste also nur loswandern und würde früher oder später auf die nächste Straße kommen.

„He, wo willst du hin?“ Timtam hüpfte an seine Seite.

„Ich muß nach hause.“ Ferdinand spürte nun leichten Ärger in sich. Vor allem aber auf sich selbst. Wie hatte er bloß so dumm sein können einfach in ein fremdes Auto einzusteigen? Derartig leichtsinnig war er doch sonst nicht, er, der immer die Haustür zweimal abschloss, doppelt kontrollierte, daß der Herd ausgeschaltet war und noch nie seine Autoschlüssel im Wagen gelassen hatte.

„Willst du denn gar nichts von unserem schönen Planeten sehen?“ fragte Riva mit erstaunt klingender Stimme.

„Doch, natürlich. Würdet ihr mir die nächste Stadt zeigen?“ So kam er am schnellsten zum nächsten Telefon, konnte ein Taxi rufen und sich in die Waldgasse zurück bringen lassen.

„Gerne.“ Kiro lief voraus, die beiden anderen sprangen ihm lustig um die Füße. Sie waren wirklich niedlich mit ihrem weißen Fell und den braunen Flecken. Die unterschiedliche Zeichnung machte es leicht, sie voneinander zu unterscheiden.

Nach etwa zehn Minuten erreichten sie die ersten Häuser, die nicht weniger seltsam als die Bäume aussahen. Die Eingangstüren waren so niedrig, daß selbst Jonas seinen Kopf hätte einziehen müssen. Über die meisten der Dächer konnte Ferdinand drüber gucken. Meist waren sie weiß angestrichen, ohne Schnörkel an den scheibenlosen Fenstern. Ein bisschen erinnerten sie an Spielzeughäuser, wie sie aus buntem Plastik in jedem größeren Baumarkt zu haben waren. Spielzeug? Moment, das war es, er war in einem Freizeitpark! Das war die Erklärung und ihm fiel ein, dass ganz in der Nähe bald ein neuer Park öffnen sollte. Ein super modernes Ding, mit zig Attraktionen.

Aus einem der Häuser kam ein Jack Russel und Ferdinands drei Hundebegleiter liefen zu ihm. Der fremde trug kein Halsband und warf einen vorsichtigen Blick in Ferdinands Richtung.

Ferdinand ging in die Hocke und lockte den fremden Hund. Er streckte ihm die Hand entgegen und ließ ihn schnuppern. Als er ihm jedoch über den Kopf streicheln wollte, zeigte er kleine scharf aussehende Zähne und sofort zog Ferdinand seine Hand zurück. „Na du bist mir ja einer.“

Riva lief zu dem anderen Hund und drehte sich dann zu Ferdinand um. „Entschuldige bitte Rovos Verhalten. Er hat noch nie einen Erdenbürger gesehen. Ich soll dir von ihm sagen, daß er nicht vor hatte, dich zu beißen. Leider trägt er keinen Übersetzungscomputer, deswegen kannst du ihn nicht verstehen. Er dich übrigens auch nicht.“

Ferdinand lächelte nachsichtig. „Dann sag Rovo, daß ich ihm nicht böse bin. Es war mein Fehler, ich weiß ja eigentlich, daß man fremde Hunde nicht einfach so streicheln soll.“

Sie hielt Zwiesprache mit dem Rüden und wandte sich dann wieder an Ferdinand. „Komm, du wolltest doch die Stadt sehen, also schau dich um.“

Das tat er und staunte nicht wenig. Mehrere Dutzend Häuser standen zwischen Bäumen und Sträuchern und ab und zu tauchte mal ein Jack Russel auf. Wer auch immer diesen Park gebaut hatte, mußte eine Schwäche für diese Rasse haben. Einen öffentlichen Fernsprecher konnte er allerdings nirgends entdecken. „Wo ist denn das nächste Telefon?“

„Telefon?“ wiederholte Riva.

„Oh du meinst diese Fernsprechgeräte, die per Satellit funktionieren“, schaltete sich Timtam ein.

„Genau.“ Ferdinand schöpfte neue Hoffnung.

„So was haben wir hier nicht. Mit unseren Computern halten wir Verbindung, wenn es nötig ist. Tandor ist ja nicht so groß.“

„Könnte ich mit euren Computern dann vielleicht meine Frau anrufen? Ich muss ihr sagen, dass ich aufgehalten wurde und es später wird.“

„Tut mir leid, aber bis zur erde reichen die Leitungen wirklich nicht. Bisher hatten wir auch noch keinen Grund mit einem Erdbewohner sprechen zu wollen, wir haben lediglich auf unserer Hinreise ein paar der Satelliten angezapft, damit unser Computer die Sprache übersetzen kann“, erklärte Riva.

Ferdinand ließ sich auf einen Stein sinken und stützte die Unterarme auf die Knie. Was sollte er denn jetzt bloß machen? Kein Handy bei sich und weit und breit kein Telefon. Aber halt, so riesig konnte der Freizeitpark ja nicht sein, früher oder später mußte er an einen Ausgang kommen oder wenigstens auf irgendeine andere Person treffen. Ein Handy hatte heutzutage doch praktisch jeder.

„Möchtest du etwas zu trinken oder vielleicht einen kleinen Snack?“ bot Timtam ihm an. „Aber ich weiß nicht, ob dein Verdauungssystem unsere Nahrung verträgt, die Kaskadaner hatten letztens nach einem gemeinsamen Essen ziemlich mit Blähungen zu kämpfen.“

„Nein danke, ich möchte nichts“, lehnte Ferdinand ab. Kaffee und Kuchen wartete zu hause auf ihn, außerdem war er wirklich nicht wild darauf, an trockenen Hundekuchen herum zu knabbern.

„Gefällt dir Tandor?“ fragte Riva.

„Ja, es sieht sehr schön hier aus“, sagte Ferdinand. Das entsprach sogar der Wahrheit, die weißen Häuschen paßten gut zu den Lavendeltönen des Himmels und den eigentümlich gefärbten Bäumen.

Rica blickte ihn mit einem Ausdruck an, den man fast als Lächeln deuten konnte. „Doch es ist zu klein für dich, das habe ich mir schon gedacht. Aber Tandorianer sind eben nicht sehr groß, aber in der nächsten Siedlung stehen auch einige größere Häuser, die benutzen dann Gäste von Planeten mit größerer Bevölkerung.“

Was nutzten ihm größere Häuser wenn es dort kein Telefon gab. Außerdem wurde er sich langsam der Tatsache bewußt, daß er sich wirklich mit Jack Russel Terriern unterhielt – oder jedenfalls Wesen, die so aussahen. Denn die hier waren alles andere als normale Hunde, so gut dressiert konnte einfach kein Hund sein. „Bin ich etwa wirklich auf einem Planeten im All, weit entfernt von der Erde?“

„So weit ist die gar nicht entfernt, nur 7,5 Lichtjahre“, informierte Riva ihn. Sie legte den Kopf leicht schief und musterte ihn. „Freust du dich nicht? Bisher waren alle Völker, mit denen wir Kontakt aufnahmen, sehr angetan von uns und unserem Planeten.“

„Ich glaube, das ist alles ein wenig zu viel auf einmal.“ Raumschiff, Reise durchs All, Vorbeiflug an der Venus und dann Landung auf einem fremden Planeten, den nie ein mensch zuvor betreten hatte – kein Wunder, daß es Ferdinand nun ganz schwindelig wurde.

„Kulturschock“, stellte Kiro fachmännisch fest. „Aber das gibt sich, wenn du erst länger hier bist.“

So interessant diese Erfahrung auch sein mochte, Ferdinand verspürte plötzliche heftige Sehnsucht nach der Erde und seiner Familie. Seine Frau kommandierte ihn herum, die Kinder waren Nervensägen und die mehrmals pro Woche zu Besuch kommende Schwiegermutter alles zusammen in konzentrierter Form, doch er liebte sie und vermißte sie alle. „Ich will zur Erde zurück, nach hause.“

Er hatte leise gesprochen, doch Rivas gutes Gehör hatte jedes Wort vernommen und auch die Traurigkeit in seiner Stimme. Sie legte ihm eine Pfote aufs Knie. „Vielleicht war es doch keine so gute Idee, dich mit zu nehmen, möglicherweise sind die Erdenbürger noch nicht so weit für einen Kontakt mit uns.“

Er hob schwach die Schultern. „Ich kann nur für mich sprechen. Ihr seid nett und sicher ist Tandor ein schöner Planet, doch ich gehöre nunmal auf die Erde. Ich wollte nur Blumen kaufen fahren und meine Familie sorgt sich sicher schon um mich.“ Oder verfluchte ihn, weil er ohne anzurufen weg blieb. Er hatte nicht auf seine Uhr geschaut, aber sicher war er schon weit länger als eine stunde weg.

„Sollen wir dich dann jetzt zurück fliegen?“ fragte Riva.

„Würdet ihr das wirklich tun?“ Sein Gesicht hellte sich auf.

„Natürlich.“

„Und ihr wärt nicht böse, weil ich eure Gastfreundschaft nicht annehme, um länger zu bleiben?“

„Nein, das verstehen wir schon. Tandorianer sind sehr intelligent.“

„Davon bin ich überzeugt“, lächelte Ferdinand.

„Möchtest du ein paar Blumen von Tandor mitnehmen? Dann musst du auf der Erde keine kaufen.“ Timtam sprang zu ihm, einen Strauß in der weißen Schnauze.

„Danke.“ Ferdinand bückte sich, um ihm den Strauß ab zu nehmen. Die Blumen waren in zarten Fliedertönen mit glockenartigen Blüten und ein ganz dezenter Duft entströmte ihnen, mit nichts vergleichbar, das er je gesehen und gerochen hatte.

Kiro rannte voraus und wenig später hielt das Raumschiff neben ihnen. Vom Stein aus fiel Ferdinand das Einsteigen viel leichter. In einer Hand die Blumen und sich mit der anderen festhaltend, sah er zu, wie Riva die Kontrollen bediente.

„Ich fliege auf direktem Kurs zur Erde“, informierte sie ihn.

Ferdinand schaute aus dem Fenster, in dem Zehn hoch nun live rückwärts vor ihm ablief. „Meine Familie wird sich schon fragen, wo ich bin. Ich bin schon seit...“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und stellte fest, daß sie stehen geblieben war. Die Batterie war erst letzten Monat erneuert worden, das hätte eigentlich nicht passieren dürfen.

Riva landete das Schiff und drückte den Öffnungsknopf. „Du machst dir Gedanken um die Zeit? Das ist nicht nötig, auf Tandor vergeht sie viel langsamer als auf der Erde. Nach deiner Zeitrechnung sind nicht mehr als zwei Minuten seit unserem Start vergangen.“

Mit den Blumen in der Hand kletterte Ferdinand aus dem Schiff und sah erleichtert, daß sie genau vor seinem Auto standen. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr, deren Sekundenanzeige nun wieder lief. „Ich danke euch herzlich.“

„Wir danken dir, es war interessant, mal mit einem Erdenbürger zu sprechen.“ Riva schaute neben den beiden anderen Hunden aus der Luke. Alle drei hoben kurz die Pfoten, dann schloß sich die Luke und das Raumschiff hob ab, verschwand innerhalb von Sekundenbruchteilen.

Einen Moment starrte Ferdinand noch auf die Stelle, an der es gestanden hatte, dann stieg er in seinen Wagen, wendete und fuhr nach hause.

„Na endlich“, empfing ihn seine Frau und nahm ihm den Strauß ab. Sie musterte die Blumen. „Was ist das denn für eine Sorte, die kenn ich ja gar nicht? Sehen ja ziemlich teuer aus.“

„Das waren sie aber gar nicht“, versicherte Ferdinand ihr und holte eine Vase.

„Ich bin da!“ erklang es in diesem Moment von der Haustür. Natürlich hatte seine Schwiegermutter einen Schlüssel. Das fand sie praktischer für ihre oft unangemeldeten Besuche.

Ferdinand rief die Kinder, hielt Susanne die Teller nacheinander hin und aß die selbst gebackene Erdbeertorte. Der Kuchen schmeckte himmlisch, der Kaffee ebenso und Susanne war die schönste und bezauberndste Frau der Welt.

Seine Schwiegermutter schnupperte an den Blumen. „Orchideen, wie ich sehe, wenngleich ich zugeben muß, daß ich mit dieser Art nicht ganz vertraut bin. Aber schöne Blüten, wirklich, diesmal hast du dich mal nicht mit halb verwelktem Zeug abspeisen lassen. Du lernst, mein Junge, weiter so.“

Ferdinand strahlte sie glücklich an. „Danke. Und übrigens, schön, dass du da bist.“

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Das goldene Drachenei

 

Die Drachenfrau Talia kannte viele Geschichten und jeden Abend erzählte sie ihrem Sohn Terzo mindestens eine. Terzo hörte stets gebannt zu und oftmals träumte er in der Nacht von den Geschichten. Dann war er ein starker großer Drache, dessen Flugkünste von allen bewundert wurden und den die Drachenmädchen mit schwärmerischen Blicken bedachten. Oder ein Held, der ein ganzes Dorf vor bösen, feuerspeienden Monstern beschützte und von allen bejubelt wurde. Terzos Lieblingsgeschichte aber war die von dem goldenen Drachenei. Immer wieder bat er seine Mutter, sie ihm zu erzählen.

Eines Tages beschloss Terzo, das goldene Drachenei suchen zu gehen. Das goldene Drachenei zu besitzen würde ein auf ewig sorgenfreies Leben bedeuten, denn wer es fand, würde für immer Glück haben. Und Glück konnte Terzo gerade wahrlich gebrauchen. Seine Flügel waren noch viel zu klein, um ans Fliegen überhaupt denken zu können und die Kinder, mit denen er tagsüber gern spielte, liefen viel schneller als er. Da nützte es auch nichts, dass seine Mutter ihm erklärte, dass er in einigen Jahren ganz bestimmt fliegen könnte und damit jeden Läufer überholen würde. Und ihr Argument, dass er mit seinen kurzen Beinchen viel besser durch kleine Öffnungen schlüpfen konnte, tröstete ihn genauso wenig.

Zuerst ging Terzo in den Wald, schaute unter Steine und in hohle Baumstämme, doch alles, was er fand, war ein Ameisennest. Die durch die Störung wütenden Ameisen setzten ihm so zu, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als in ein nahes Bächlein zu flüchten. Und das, wo er Wasser doch so hasste! Niesend und prustend watete er am anderen Ufer an Land. Wenn seine Beine doch nur länger wären! Dann hätte er jetzt keinen nassen Bauch. Wenigstens war heute ein sehr warmer Tag und er somit bald wieder trocken.

Doch trotz dieses unerfreulichen Zwischenfalls wollte Terzo noch nicht aufgeben. Er lief durch Felder und dann zum Strand. Seine Welt bestand nur aus der Insel, auf der er aus dem Ei geschlüpft war, also war für ihn klar, dass das goldene Drachenei irgendwo hier sein musste. Aber auch in dem Sand, den er durchwühlte und bei den Klippen, wo er unter Steine schaute, fand er nichts. Lediglich einen großen roten Krebs schreckte er auf, der ihn daraufhin verärgert in die Nüstern zwickte.

Aufjaulend schüttelte Terzo den Kopf, so dass der freche Krebs weit von ihm geschleudert wurde und mit einem lauten Platschen im Meer landete. Er schielte auf seine Nüstern und schnaufte und schniefte, was ihm, ebenso wie der Schmerz in ihnen, bewies, dass sie noch da waren.

Terzo trabte weiter am Strand entlang. Nachdem er nun schon so viel durchlitten hatte, wollte er nicht aufgeben.

Es wurde dunkel und plötzlich spürte Terzo einen leichten Windzug. Seine Mutter war neben ihm gelandet. „Was läufst du denn so spät noch durch die Gegend?“, fragte sie.

„Ich suche das goldene Drachenei“, erwiderte Terzo und war froh, sie zu sehen. Mutter wusste immer auf alle seine Fragen eine Antwort. „Weißt du, wo ich es finden kann?“

„Oh mein Liebling, das ist doch nur eine Geschichte. Es gibt keine goldenen Dracheneier.“

„Was?“ Terzo starrte sie groß an.

„Wirklich, mein Liebling. Es ist nur eine Geschichte, nicht mehr und auch nicht weniger.“ Talia sah die Enttäuschung auf dem Gesicht ihres Sohnes. „Und du brauchst auch kein goldenes Drachenei, um glücklich zu sein. Du hast Freunde, die bedeuten Glück, genauso wie die Strahlen der Sonne und der Duft einer Blume.“

Terzo dachte daran, dass das Spielen mit den Kindern sehr viel Spaß machte. Mit einem goldenen Drachenei konnte man sicher nicht verstecken oder fangen spielen. Und es konnte auch nicht reden, um Geschichten zu erzählen. „Ja, ich glaube, du hast recht. Aber richtig glücklich wäre ich, wenn du mir jetzt eine Geschichte erzählst.“

Talia lachte und kam seinem Wunsch gern nach.

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Weihnachten bei Familie Maus  

 

England, 1895

 

Im Haus der Jamesons saß im Dezember niemand müßig herum. Luisa Jameson, die Mutter stand schon lange vor Tagesbeginn aus, schürte das Feuer in der Küche und setzte Wasser für Tee auf. Dann weckte sie ihre Töchter, Agatha und Clara, so wie etwas später David, ihr kleinstes Kind, der nur Davy gerufen wurde. Das schon zur besseren Unterscheidung von ihrem Gatten, der auch David hieß und den sie noch vor Davy weckte. Waren die Mädchen und ihr Mann erst aus dem Haus, schwang Luisa die Rührschüsseln und das Nudelholz und wenn der Kuchen in der Bratröhre steckte und seinen herrlichen Duft durch das kleine Haus verströmen ließ, setzte Mrs. Jameson sich in den Ohrensessel vorm Kamin um an einer Stickerei zu arbeiten oder etwas zu nähen.

Clara, die noch zur Schule ging, half ihrer Mutter bei der Zubereitung des Mittagessens. Sie konnte auch schon allein mit einem Korb zum Markt gehen, um frisches Gemüse oder einen Fisch vom nahen Hafen zu holen. Wenn Agatha dann kam, stand meist schon die dampfende Schale Kartoffeln auf dem Tisch und oft brachte sie noch etwas mit, denn Agatha arbeitete seit einem halben Jahr in dem Gemischtwarenladen in der Forestroad. So gab es manchmal eingemachtes Obst zum Dessert, für Davy Lakritz, ein Säckchen feines weißes Mehl mit dem ihre Mutter backen konnte und für die jüngere Schwester brachte sie schon mal ein Band fürs Haar mit.

Kehrte der Vater spät abends aus dem Bergwerk heim, ließen ihn die Kinder und seine Frau erst einige Minuten ausruhen, denn sie wußten, daß seine Arbeit sehr anstrengend war. Doch meist dauerte es kein viertel einer Stunde, dann stand er von seinem Sessel auf und spielte mit den Kindern, zeigte Davy und Clara, wie man aus trockenen Zweigen und Bast ein kleines Floß bauen konnte und setzte dieses nur handgroße Spielzeugs zu Davys Entzücken in den großen mit kaltem Wasser gefüllten Zuber, in dem die Familie samstags badete.

Im Dezember lag ein ganz besonderer Zauber über das kleine Haus der Jamesons, alles wirkte ein bißchen geheimnisvoll, aber sehr gemütlich. Das fand auch Familie Maus, die unter der Treppe wohnte und die Geschehnisse von dort genau beobachtete. Eusebia Spitzzahn, die Matriarchin der Mäusefamilie hatte dieses Haus ganz bewußt ausgesucht. Zu reich hatten die Eigentümer nicht sein dürfen, denn reiche Leute – so wußte die lebenserfahrene Mäusin – holten bei den ersten Anzeichen von Nagetieren gleich den Kammerjäger. Außerdem waren die Häuser Reicher so gut und fest verputzt, daß die zwar scharfen, aber kleinen Mäusezähnchen Schwierigkeiten hatten. Arm allerdings sollten die Bewohner auch nicht sein, denn auch wenn man bei Armen leicht unterkommen konnte, so gab es in solchen Wohnungen kaum etwas, von dem eine ganze Mäusesippe leben konnte. Die Jamesons dagegen waren goldrichtig, sie waren nicht wohlhabend, doch auch nicht bettelarm. Die Kinder, besonders der kleine Junge, vergaßen öfter mal einen Keks oder ein Marmeladenbrot, wenn sie in ein Spiel vertieft waren. Und die Käserinden schnitt die Mutter stets recht großzügig ab, auch war der Vorratsschrank von hinten für eine nicht zu große Maus gut zugänglich. Kurz, die Sippe hatte ihren Platz gefunden und residierte nun schon seit mehr als einem Jahr in jenem Hohlraum.

Eusebia, die schon einige Winter erlebt hatte, wußte um die Bedeutung von Weihnachten und hatte nun ihre Enkel und Urenkel um sich versammelt, die ihr staunend zuhörten und nur ab und zu Fragen einwarfen. So wie der kleine Knabber, der erst im Spätsommer geboren worden war und selbst jetzt noch kaum größer als ein zwei Wochen altes Mäusekind war. „Aber warum machen die Menschen denn das alles? Ich meine, wenn sie nur jetzt die Kuchen und Plätzchen backen ist das zwar schön, aber es wäre doch auch im Sommer schön. Mir jedenfalls schmecken Kekse immer.“

Eusebia nickte andächtig mit ihren langnasigen Kopf. „Ja ja, da ist schon was dran, was du da sagst. Aber die Menschen sind eben rätselhaft und genau weiß ich auch nicht, warum sie Weihnachten feiern. Aber ich finde gut, daß sie es tun, denn zu keiner anderen Zeit gibt es einen solch gut gedeckten Tisch für uns Mäuse.“

Taps nickte. Er hatte zusammen mit seiner Zwillingsschwester Tora einen großen Berg Rosinen in das Versteck der Mäuse geschleppt. Auch jetzt hatte er eine davon in den Backen. „Die schmecken herrlich, sollte es wirklich das ganze Jahr über geben.“

Neben den Rosinen lag eine stattliche Anzahl Nüsse, süße Mandeln, aromatische Haselnüsse und Walnüsse von gewaltiger Größe. Außerdem hatten zwei der kräftigeren Mäuseriche einen rotbackigen Apfel angeschleppt und es gab reichlich Käserinden. Die Mäusesippe schwelgte in den Köstlichkeiten und beobachtete gespannt das Geschehen im Haus.

Luisa rührte Plum-Pudding an und Clara, auf einer kleinen Holzbank stehend, half ihr dabei. Dann kam David eines Abends mit einem Tannenbäumchen nach Hause und fortan wurde das Wohnzimmer abgeschlossen, nur die Eltern gingen noch hinein. Über jedem Türrahmen wurden Mistelzweige angebracht und wenn David und Luisa sich darunter begegneten, küßten sie sich.

Dann, am Weihnachtsmorgen, durften die Kinder endlich wieder ins Wohnzimmer und liefen sogleich zu ihren am Kamin aufgehängten Strümpfen, die fast überquollen vor Zuckerwerk, Spielzeugen, Äpfeln, Nüssen und Orangen. Das Feuer warf ein angenehmes Licht und spendete wohlige Wärme. Das genoß auch die Mäusefamilie, die sich bis unter den Sessel vorgewagt hatte. Die Familie war sowieso zu beschäftigt, um auf Mäuse zu achten.

Unter dem mit Plätzchen und Äpfeln behängten Baum lagen weitere Geschenke, eingewickelte Kostbarkeiten, die bei ihren Empfängern Entzücken hervorriefen. Luisa umarmte ihren Mann mit Tränen in den Augen, als sie die Kette auspackte. Davy hatte nur noch Augen für das Holzpferd, auf dem er sitzen konnte und Agatha lief gleich mit dem neuen Kleid nach oben, um es anzuprobieren. Claras Geschenk allerdings war nicht verpackt gewesen, es war in einem geflochtenen Weidenkorb gekommen, den ihr Vater ihr mit feierlicher Miene überreicht hatte. Der Korb hatte Geräusche von sich gegeben, leise zwar, aber für die Mäuse mit ihrem feinen Gehör dennoch wahrnehmbar.

Zögernd hatte Clara in den Korb geblickt und vor Staunen große Augen bekommen. Dann, ganz vorsichtig, hatte sie das Kätzchen daraus empor gehoben. Es war ein kleiner Kater, grau getigert und mit einer hellblauen Schleife um den Hals. „Und er ist wirklich für mich?“ wollte Clara wissen und strich vorsichtig über das weiche Fell.

„Ja mein Schatz, er gehört dir ganz allein.“ Ihr Vater lächelte sie liebevoll an. „Unser Vorarbeiter erzählte letztens, daß seine Katze geworfen hat – so nennt man das, wenn Katzen Junge bekommen – und fragte, wer welche haben wollte. Da dachte ich sofort an dich und das so ein Kätzchen ein wunderbares Geschenk für dich sein würde.“

„Es ist wundervoll!“ rief Clara freudig. „Sag, ist es ein Mädchen oder ein Junge?“

„Es ist ein Kater“, erklärte ihr Vater. Das hatte er wohlweislich ausgewählt, denn eine Katze im Haus war gut und schön und würde die Mäuse fernhalten, doch eine weibliche Katze konnte sich rasch und reichlich vermehren.

„Hat er schon einen Namen?“ wollte Clara wissen.

„Nein, ich dachte es wäre nett, wenn du ihm selbst einen geben würdest.“

Clara hielt ihr Kätzchen auf dem Arm und streichelte nachdenklich das weiche Fell. „Ich weiß, ich wird ihn Leonardo nennen. Wie Leonardo da Vinci, über den haben wir letzte Woche in der Schule gesprochen.“

„Das ist aber ein doofer Name für eine Katze“, krähte Davy, der sich nun von seinem Pferd losgerissen hatte, um ebenfalls das neue Familienmitglied zu betrachten.

Auch Agatha war inzwischen zurück, im neuen Kleid, das dunkelrot schimmerte und sehr hübsch an ihr aussah. „Er sieht ein bißchen aus wie Mr. Bottlboom, der kleine alte Mann, der immer Mittwochs kommt um Schnaps zu kaufen, der hat auch so eine kleine rote Nase. Vielleicht sollten wir ihn so nennen.“

„Nein, auf gar keinen Fall“, wiedersprach nun Luisa.

„Dann Jeremy“, sagte Clara. „Den Namen finde ich schön.“

„Das geht nicht, Jeremy heißt doch unser Pastor mit Vornamen. Du kannst einen Kater doch nicht nach einem Geistlichen nennen“, sagte Luisa, die streng gläubig war und jeden Sonntag zur Kirche ging.

Clara schlug noch weitere Namen vor; von Philosophen und Literaten, von denen sie in der Schule gehört hatte, Vornamen, die ihr hübsch erschienen, doch immer hatte irgendwer von der Familie einen Einwand. Luisa war strikt dagegen einen Vornamen zu verwenden, den einer ihrer Bekannten trug, selbst wenn es sich nur um den Namen von dem Bruder einer Klassenkameradin Claras handelte.

„Dann nenne ich ihn eben Tiger, weil er ein getigertes Fell hat“, erklärte Clara schließlich.

Dagegen hatte nun niemand etwas einzuwenden und so wurde der kleine Kater gleich getauft. Gegen Luisas Protest bestand Clara auf eine richtige Taufzeremonie und in Ermangelung eines echten geistlichen übernahm sie diese Rolle selbst, nahm etwas Wasser in die hohle Hand und tupfte es auf die Stirn des Katers. Doch tiger wollte nicht getauft werden, kaum hatte das Wasser sein Fell berührt, fauchte er und sprang von Claras Arm. Dabei ritzten seine Krallen ihre Haut und weinend lief sie zu ihrer Mutter.

Tiger unterdessen flüchtete sich unter den Sessel. Die Eltern waren damit beschäftigt ihre jüngste Tochter zu trösten und ihr zu erklären, wie sie sich einer Katze gegenüber verhalten mußten, um nicht gekratzt zu werden, so daß die Mäusefamilie keine Aufmerksamkeit erregte, als sie vom Sessel durchs halbe Wohnzimmer floh.

„Kinder, nun ist die schöne zeit vorbei“, sagte Eusebia mit unheilvoller Stimme.

„Ein schreckliches Tier“, keuchte Triffle, der aufgrund seines Übergewichts leicht außer Atem war. Schnelles Laufen war er nicht gewohnt.

Schnuffel nickte. „Was können wir nur tun, er wird uns alle töten, eine nach der anderen, bis keiner mehr übrig ist.“

Eusebia warf ihm einen warnenden Blick zu, denn sie wollte nicht, daß der gelbliche Mäuserich den Kleinen solche Angst einjagte. „Noch ist der Kater klein, kleine Katzen sind nicht so gefährlich.“

„Aber er wird groß werden“, sagte Tora. „Und das sicher bald, er ist ja jetzt schon so riesig. Habt ihr seine Zähne gesehen? In dieses Maul paßt eine ganze Maus.“

„Wir bleiben auf jeden Fall in unserem Versteck. Niemand geht raus. Noch reichen unsere Vorräte und dann müssen wir uns eben überlegen, wie wir neue beschaffen“, entschied Eusebia.

„Aber was bloß?“ piepste Knabber.

Damit war selbst Eusebia überfragt. Und auch keiner von den anderen wußte Rat. Der einzige, der bereits seine Erfahrungen mit Katzen gemacht hatte, war Triffle; bis auf ihn war seine ganze Familie einer hungrigen Katze zum Opfer gefallen und er hatte nur überlebt, weil er, als die Sippe zum Küchenschrank floh, unter der Tür stecken geblieben war. Die Katze hatte sich den anderen Mäusen zugewandt und so hatte er sich vor Angst halb wahnsinnig irgendwie befreien können und war geflohenen. Hungrig und mit den nerven völlig am Ende hatte er nach langem lauf irgendwann Eusebia getroffen und sich ihrer Sippe angeschlossen.

Die schöne Stimmung jedenfalls war verflogen, selbst Taps konnte sich nicht an den Rosinen freuen. Das Versteck im Hohlraum unter der Treppe war größer als so mancher Unterschlupf, doch einer so quirligen Sippe wird auch in dem größten heim schnell langweilig. Wenn man den ganzen Tag nur auf Nüsse starren kann, macht es irgendwann auch keinen Spaß mehr, den Bruder damit zu ärgern die Schalen nach ihm zu werfen.

So dauerte es nur bis zum folgenden Abend, bis Tora und Taps die sichere Heimat verließen und bis ins Wohnzimmer huschten. Dort, auf dem weichen Teppich vor dem Kamin, spielte Clara mit Tiger und einem Wollfaden, nach dem er mit seinen Pfoten schlug. Die Krallen blitzten dabei gefährlich auf und erschrocken liefen die Zwillinge zurück.

Lange hielt die Angst über das gesehene jedoch nicht an, dazu waren die Mäuse einfach zu unternehmungslustig. Bis auf Triffle, der lieber schlafen wollte und Eusebia, die aufräumen wollte, waren am nächsten Tag alle Mäuse draußen. Und da nichts passierte, verflog die Angst vor Tiger rasch.

Doch dann, es waren erst drei Tage seit jenem Morgen vergangenen, stand Taps plötzlich Tiger genau gegenüber. Er hatte eigentlich nur gucken wollen, ob im Küchenschrank noch Rosinen waren und dabei hatte er den Weg unter dem Tisch durch gewählt, weil man dort am Boden eigentlich immer die eine oder andere Leckerei finden konnte. Er hatte aber nichts gefunden, stattdessen ragte wie aus dem nichts plötzlich der graue Katzenkopf vor ihm auf, mit weißen Schnurrhaaren, die so lang wie er selbst waren. Im ersten Moment war Taps vor Angst erstarrt, dann war er weggerannt, so schnell ihn die Beinchen trugen und hatte, völlig atemlos von seinem Erlebnis berichtet.

„Das sollte uns eine Warnung sein“, sagte Eusebia. „Taps lebt nur noch, weil er großes Glück hatte. Dieser Kater wird gut gefüttert, doch Katzen jagen Mäuse auch, wenn sie genug zu fressen haben. Er ist noch jung, doch wir müssen etwas unternehmen.“

„Wir sollten dieses Haus verlassen“, meinte Triffle. Einige andere nickten und murmelten zustimmend.

Doch so leicht war es damit nicht, schließlich war Winter, draußen lag zentimeterhoher Schnee und selbst ohne diese ungemütlichen Wetterverhältnisse war es schwer, ein passendes Haus zu finden. Also mahnte Eusebia die Sippe weiter zur Vorsicht.

Doch alle Warnungen nützten nichts, denn schon am nächsten Tag geriet Triffle in Tigers Pfoten. Der dicke Mäuserich hatte nur eben rasch zum Schrank huschen wollen, doch auf dem Weg unter dem Tisch durch hatte der junge Kater ihn erwischt. Tiger hatte seine Krallen eingezogen, so daß Triffle nicht verletzt wurde, doch schubste er den vor Angst wie erstarrten Mäuserich immer wieder leicht an. Das er so erstarrt war, war seine Rettung, denn Tiger wurde das Spiel mit der Maus bald langweilig. Er gab ihm noch einen letzten Stoß, der ihn einige Zentimeter über den glatten Boden rutschen ließ, dann lief er ins Wohnzimmer zurück, um sich auf seinem Lieblingsplatz vor dem Kamin zusammen zu rollen.

Tora, die erschrocken vom Schrank aus zugesehen hatte, huschte zu Triffle hin und biß ihn leicht ins Ohr, um ihn zu erwecken. Am ganzen Körper zitternd folgte der Mäuserich ihr in den Unterschlupf.

Kam erfuhr Eusebia von dem gefährlichen Abenteuer, verbot sie strickt weitere Unternehmungen. Und um ganz sicher zu gehen, zog sie selbst vor das Loch und an ihr kam keine Maus einfach so vorbei. Das wollte nun allerdings auch keiner, nicht mal Taps wagte es, nach Rosinen zu fragen.

Die Ruhe der Mäuse wurde recht bald erneut gestört; Tiger hatte den Schlupfwinkel unter der Treppe nämlich entdeckt. Und nun lag er davor, seit Stunden schon, völlig unbeweglich mit jener immensen Geduld, die seiner Gattung eigen ist.

Drinnen waren die Mäuse zwischen Angst und Verzweiflung hin und her gerissen. Aus Langeweile hatten sie bereits den größten Teil ihrer Vorräte verzehrt und auf die trockenen Brotbröckchen, die noch in einer Ecke lagen, hatte niemand Appetit. Um neue Vorräte zu holen, warteten sie, bis Clara mit ihrem Kater spielte. Doch Tiger hatte seinen eigenen Willen und von dem Spiel schnell genug. Lieber lief er unter die Treppe, schnüffelte dort, roch frische Mäusespuren, die in die Küche führten und folgte ihnen.

Um genügend Vorräte mitzunehmen, war die ganze Sippe losgezogen und wuselte nun zwischen Schrank, Vorratskammer und Tisch herum. Dabei achteten sie nicht auf den Kater, denn den wähnten sie im Wohnzimmer. Und da es noch recht früh am tage war, waren David und Agatha noch nicht zu hause. Luisa saß strickend vorm Kamin, Davy spielte davor mit Holzfiguren, außerdem hatten sie vor ihm keine Angst. Der kleine Junge jubelte sogar entzückt, wenn er mal eine Maus sah.

Auf leisen Pfoten lief Tiger unter dem Tisch durch. Toras Warnschrei kam zu spät, Tiger hatte Taps schon erwischt und hielt eine Pfote auf den Mäuseschwanz gedrückt. Faszinierd betrachtete er das kleine Tier und schien zu überlegen, was er nun mit ihm machen sollte.

Eusebia hingegen handelte, sie huschte flink hinter den Kater und biß ihn mit ihren scharfen Zähnen so kräftig sie konnte in die Pfote. Tiger hatte recht dickes Fell, doch die Mäusezähne waren lang und scharf genug das zu durchdringen und mit einem wütenden Fauchen fuhr er herum.

So kam Taps zwar frei, doch nun befanden sich Eusebia und Schnuffel, der ihr zur Hilfe geeilt war, in seinem Fokus. Doch Eusebia kannte nun keine Angst, sie baute sich vor dem Kater auf und sah ihn herausfordernd an. „Dies ist unser Heim, wir sind schon länger hier als du, also laß uns in Ruhe, sonst sorgen wir dafür, daß du verschwindest.“

Tiger lachte. „Wie denn? Ich bin viel größer als ihr. Und mich mag die Familie. Ich habe ein herrlich weiches Fell, jeder streichelt mich gern und spielt mit mir. Wenn ich schnurre, freuen sich alle. Euch dagegen wollen sie gar nicht im Haus haben. Und ich soll dafür sorgen, daß ihr verschwindet.“

„Ich gebe dir noch eine letzte Chance“, sagte Eusebia. „Laß uns in Ruhe oder du wirst es bereuen.“

Tiger hob eine Vorderpfote und fuhr demonstrativ die Krallen aus. Er bewegte sie leicht vor Eusebia hin und her. „Siehst du die hier? Die könnten jede Maus ganz schnell in Fetzen reißen. Aber ich find euch ganz unterhaltsam, daher werde ich euch noch nicht sofort töten.“

„Gut, du hast es nicht anders gewollt.“ Eusebia gab den Mäusen ein Zeichen, dann huschten alle herum und einige zwickten Tiger in Beine und Bauch. Bevor der Kater sie fangen konnte, waren sie schon weg, auf den Tisch gesprungen. Das war für ihn kein Problem, dorthin konnte er ihnen leicht folgen.

Eusebia plazierte sich neben dem Milchkrug und wartete bis zum letzten Moment. Sie wußte, daß Tiger es auf sie abgesehen hatte und der durch seinen Sprung verursachte Windzug wirbelte ihr Fell auf. Vielleicht war es aber auch der Windzug des umfallenden Kruges. Vor den war Tiger nämlich genau geprallt und nun zerschepperte das irdene Gefäß auf dem Fußboden. Ein Schwall Milch ergoß sich, tränkte Tiger und bespritzte auch die Mäuse im näheren Umkreis.

Wütend fauchend schüttelte Tiger sich, verursachte so einen weiteren Milchregen. Er haßte es nasses Fell zu haben. Diese verdammte Maus würde er schon kriegen und diesmal würde er nicht zögern, ihr den Garaus zu machen. Er entdeckte Eusebia auf dem Sims, zwischen dem Salztöpfen, dem Buttertiegel und dem Mehlsäckchen.

„Fang mich doch!“ rief sie herausfordernd.

„Darauf kannst du dich verlassen“, zischte Tiger und sprang hoch. Der Sims war schmal, viel zu schmal für den Kater, der auf der glatten Oberfläche keinen Halt finden konnte und mit den Pfoten ruderte. Dabei warf er erst das Salz und die Butter herunter. Der schwerere Mehlsack stand etwas länger, dann fiel er zusammen mit Tiger herunter. Im Flug hatte er sich geöffnet und Mehlwolken vernebelten die Küche. Der größte Teil des feinen weißen Mehls aber war auf Tiger gelandet und haftete gut in dem milchfeuchten Fell.

Durch das Gepolter und Tigers Fauchen angelockt liefen Luisa und Clara in die Küche. Luisa faßte sich erschrocken ans Herz und bekreuzigte sich. „Mein Gott! Was hat dieser Kater nur angestellt? Er benimmt sich ja, als wäre der Teufel persönlich in ihn gefahren.“

Clara eilte über den rutschigen Boden zu ihrem Kater, ergriff Tiger, der sich immer noch wie toll gebärdete. Er wollte nicht auf den Arm genommen werden, sondern den Mäusen und ganz besonders Eusebia nachjagen.

Da er so zappelte und der Boden von Milch, Mehl und Butter schlüpfrig war, verlor Clara das Gleichgewicht und landete auf ihrem Hintern. Tiger stob davon und erstaunt sah sie ihm nach. „Was hat er denn nur?“

Luisa eilte zu ihrer Tochter und hob sie hoch. „Ist alles in Ordnung mit dir, mein Schatz? Oder hat er dich etwa gekratzt?“

„Nein“, sagte Clara und sah sich nach Tiger um, der nun vor dem Küchenschrank lauerte. Seine Schwanzspitze zuckte hin und her und die Schnurrhaare zitterten nervös auf und ab.

„Vermutlich hat er eine Maus gesehen“, meinte Luisa. „Aber auch wenn das der Fall war, keine Maus könnte so viel Schaden anrichten wie dieser Kater. Ich will ihn nicht mehr im Haus haben.“

„Aber Mami, wo soll er denn sonst hin? Tiger ist doch noch so klein und draußen ist es so kalt. Außerdem war er doch mein Weihnachtsgeschenk.“ Tränen schimmerten in den Augen des Mädchens. Sie liebte Tiger über alles und wenn er sie mal kratzte, verzeih sie ihm rasch.

„Ja ja, schon gut, wir reden später darüber, jetzt nimm ihn und geh ins Wohnzimmer mit ihm, ich räume hier auf.“

Tiger war klug genug, sich diesmal nicht zu wehren, als Clara ihn nun auf den Arm nahm und mit ihm ins Wohnzimmer ging. Dort verzog er sich hinter den Kamin und leckte ausgiebig sein arg strapaziertes Fell.

Am Abend hielt die Familie gemeinsam Rat und kam überein, daß der Vorfall der Jugend des Katers zuzuschreiben war. Luisa bestand lediglich darauf, daß Tiger fortan nicht mehr in die Küche durfte und sollte es dennoch eine Wiederholung geben, so müßte Tiger eben weg. Damit waren alle einverstanden. Auch Tiger, der nur am Abend noch einmal kurz beim Schlupfloch unter der Treppe vorbei schaute und sein Versprechen gab, die Mäuse in Zukunft in Ruhe zu lassen. Im Gegenzug gab Eusebia ihm ihr Wort, daß sie ihn nicht mehr in Schwierigkeiten bringen würden und versprach, ihre Raubzüge – die zur Nahrungsbeschaffung schließlich sein mußten, was Tiger auch einsah – sehr diskret zu halten.

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