Kontrast-Verlag      ISBN: 3-935286-30-9      Seiten: 200      14,90 Euro

 

Leseprobe

Aus "Abgerechnet wird zum Schluss"
oder "Liebe ist nur Illusion"


LIEBE IST NUR ILLUSION oder
ICH MACH'S DER BARONIN

EIGENTLICH wollte ich heute nach Eisbergen; Einkaufen, Tanken und halb zwölf zum Friseur. Plötzlich, über Nacht, hatte der Himmel unsere Landschaft strahlend weiß angezogen. Das hatte ich halbtrunken verschlafen. Deshalb lag allerhand Schnee.
Ich fuhr am Kloster Möllenbeck vorbei und bog dann links, durch die Weserwiesen, ab.
Hier, auf diesen engen Straßen, herrschte kaum Verkehr. Ich fuhr nicht all zu schnell, rauchte noch etwas verträumt und sah weit vor mir mitten auf dem Feld, vielleicht so zwanzig Meter neben der Straße, ein dunkles Auto stehen. Scheinbar ist der Fahrer eine Kurve zu rasant angegangen und von der Fahrbahn abgekommen? Ich fuhr etwas langsamer. Als ich so fast auf gleicher Höhe mit dem Wagen war, kurbelte eine Frau darin das Seitenfenster herunter und fuchtelte wild mit ihren Armen.
Ich hielt an, stiefelte über das Feld und versank knöcheltief im weichen Boden.
„Können Sie mir bitte helfen! Ich muss ganz dringend nach Lemgo und stecke hier fest."
„Ich habe eigentlich bei meiner Friseuse einen Termin..."
„Bitte! Wenn Sie Zeit haben, ich bezahle es Ihnen, und ein Handy habe ich auch dabei. Könnten Sie vielleicht Ihren Friseurtermin verschieben?"
Sie sah mich bittend, flehend aus schönen Augen an.
Die Frau war gut gekleidet; Ende Dreißig etwa. Ihr Wagen, ein fetter BMW, roch nach Geld.
„Okay, steigen Sie bei mir ein, aber ich muss erst einmal meinen Termin absagen."
Im Haarstudio Harlekin meldete sich die Chefin. Sie ist eine Landsmännin von mir und
stammt gebürtig aus Freiberg. Kurzer geographischer Einschub: Freiberg ist eine Kleinstadt in Sachsen und liegt im herrlichen Muldetal zwischen Chemnitz und Dresden.
Sie findet meine Bücher gut und ich immer die kurze Unterhaltung mit ihr beim Haareschneiden. Wir verlegten den Termin spontan auf morgen.
Dann fuhr ich los.
Die Frau zündete sich eine lange Zigarette an; die hatte einen weißen Filter.
Schon wollte ich sie in ein Gespräch verwickeln, doch sie kam mir zuvor.
„Fragen Sie mich bitte gar nichts. Ich sage Ihnen nachher, wo wir in Lemgo parken können."
Ziemlich nervös trommelten ihre Finger leise auf der Ablage. Im Radio dudelte was von Grönemeyer.
Wir fuhren also schweigend, fast eine dreiviertel Stunde bis Lemgo und parkten in einer Seitengasse in der Nähe der Post. Dann liefen wir in die Lange Straße und bleiben vor einem großen Haus stehen. Neben der Eingangstür hing ein glänzendes Schild: Rechtsanwalt.
„Warten sie bitte hier, bis ich wieder zurück bin", und schon war sie verschwunden.
Ich zündete mir eine Zigarette an und betrachtete einige Schaufensterauslagen. Der Hunger überfiel mich. Ich kaufte mir eine Bratfischsemmel und trank einen Becher heißen Tee. Die Zeit verstrich.
Ich fror.
Nach einer reichlichen Stunde tauchte sie dann endlich wieder auf. In der Hand hielt sie einen dünnen, hellbraunen Aktenordner.
„Wir können wieder zurück."
„Wohin?"
„Zu meinem Wagen natürlich."
Auch auf dem Rückweg sprachen wir kein einziges Wort. Ihr BMW stand noch immer auf dem Feld. Die Außentemperatur war nun etwas milder und es nieselte leicht. Der Schnee lief weg wie heiße Butter.
„Wir könnten zu einem Bauer fahren, dass der Ihnen den Wagen mit seinem Traktor heraus zieht", sagte ich.
„Kennen Sie denn hier jemand?"
„Ich wohne ja in Stemmen, also kenne ich dort auch einen Bauer."
„In Ordnung.
Wir fuhren die knapp zwei Kilometer zurück und neben der alten Schule, in der heute nur noch gewählt wird, oder nicht, wohnt der Bauer, der seine Kühe sommers auf „meiner" Wiese stehen hat.
Ich schilderte ihm kurz was los war, dann tuckerte er mit seinem Traktor langsam hinter uns her.
Es machte reichlich Mühe, den schweren BMW vom Feld zu ziehen. Die Räder steckten tief im Schlamm aber irgendwie gelang es dann dem guten Mann doch.
Die Frau drückte ihm einen Zwanzig-Euro-Schein in die Hand und stieg in ihren Wagen.
Aber der sprang nicht an. Er tat keinen Zucker!
Sie startete mehrmals.
Der Bauer meinte, wir sollten in Rinteln den Abschleppdienst anrufen. Nach einer geraumen Weile kam das Havariefahrzeug. Der „Fachmann" untersuchte den BMW.
„Das Auto müsste erst mal mit in die Werkstatt. Da ist hier vor Ort nichts zu machen."
„Sie könnten bei mir eine Tasse Kaffee trinken und wenn der Wagen fertig ist, bringe ich Sie nach Rinteln?"
„Einverstanden."
Ich gab dem Fahrer meine Telefonnummer, dann fuhr ich mit ihr auf den Ranzenberg.

BEI mir zu Hause sah es ziemlich wüst aus. Auf Besuch war ich nicht eingestellt. Der Abwasch von zwei Tage türmte sich in der Küche, die Decke auf der Couch lag wirr ausgebreitet und hing herunter bis zum Fußboden. Auch zwei Aschenbecher waren noch randvoll mit Kippen.
Die Frau sah sich gründlich bei mir um, zählte mit den Augen meine fast zweitausend Bücher und betrachtete die vielen Bilder an der Wand. Alles Originale!
Vor Helmuts Bild verweilte sie am längsten. Es ist ein Ölgemälde. Er hat es mir vor zwei Jahren zu Pfingsten in Wien geschenkt. Es ist mein Lieblingsbild. Gelbe Blumen in einer blauen Vase sind darauf. Ich saß mal sturzbetrunken eine halbe Nacht davor. Wenn man betrunken ist denkt man, die Blumen haben Gesichter und machen Faxen. Sie haben mich damals nur an oder ausgelacht.
„Möchten Sie einen Cappuccino?"
„Ja, gern."
Sie war noch immer sehr kurz mit ihren Antworten, doch legte nun den teuren Mantel über meinen Schaukelstuhl.
Ich ging in die Küche und kochte Wasser. Dann trug ich die Tassen in das Wohnzimmer.
Die Frau stand nicht mehr vor dem Bild sondern lag auf dem Fußboden, ohnmächtig.
Auch das noch! Was sollte ich nun machen?
Ich befühlte ihren Puls am Handgelenk. Sie zuckte leicht. Dann trug ich sie, samt dreckigen Stiefeln rüber ins Schlafzimmer auf mein Bett und legte ihr anschließend einen nassen Waschlappen auf die Stirn. Sie erschreckte, bäumte sich kurz auf, doch fiel gleich wieder zurück ins weiche Kissen.
„Wo bin ich hier?"
Ich erklärte es. Scheinbar hatte sie sich an diesem Tag etwas zuviel zugemutet.
Ich schaltete den Wasserkocher noch einmal ein und wir tranken dann unseren Cappuccino.

AUF meinem großen Wohnzimmertisch lagen neben den Kaffeetassen einige Manuskripte für mein nächstes Buch.
„Sind sie Schriftsteller?"
„Ja, aber ein schlecht bezahlter."
Endlich entspann sich so etwas wie eine Unterhaltung. Ich zeigte ihr einige Bücher von mir und sie fragte mich, über was ich so schreibe.
„Auch über die Liebe", fragte sie etwas später?
„Ja, aber darüber würde ich Ihnen lieber ein Gedicht zum Lesen geben, denn darin ist meine Meinung zur Liebe am besten beschrieben."
„Nur zu!"
Ich warf den PC an und wollte das Gedicht ausdrucken, aber dieses Scheißding von Drucker zeigte mir mal wieder nur eine Fehlermeldung. Das geht schon ein paar Tage so, doch Gott sei Dank hat mir mein Kumpel eine Anleitung da gelassen.
Ich mache also den PC wieder aus, drücke nach dem Neustart auf die Entf.- Taste, gehe dann mit der Pfeiltaste auf Integrated Peripherals, drücke Enter, gehe wieder mit der Pfeiltaste auf Parallel Port Mode und wähle mit der großen Plustaste bis dort SPP eingestellt ist.
Dann schließe ich mit Esc ab, gehe auf Save & Exit Setup, drücke Enter, dann die Z-Taste und wieder Enter. Neustart.
Es geht! Das schaffe ich gerade noch so, bin eben ein PC-Rindvieh. Ich reiche ihr mein Gedicht:

LIEBE

Sie trug längst keinen Schlüpfer mehr,
als ich ihr unten am bleiernen Weserfluss
meine Zunge in den Hals schob
und sie mit Küssen fast erstickte.

Von oben purzelten Kastanien auf uns
und unten herum war's einfach zu feucht,
um es im Gras zu machen.
So fickten wir also im Stehen.

Das ging dann bei mir ganz schön flott,
denn ich hatte es lange nicht gemacht
und großen Durst darauf,
dass es endlich kommt.

Nun war es also soweit.
Sie schrie wie ein verschreckter Nachtvogel
und ich sah in einen Mond,
wie ihn sonst nur Dichter besingen.

Dann flüsterte sie
das Fünf-Buchstaben-Wort.
Scheiße, dachte ich! Schon wieder eine,
die noch fest an Märchen glaubt...

Sie liest es und verzieht dabei keine Miene. Ich rauche und trinke den Rest Rotwein von gestern aus der Flasche. Sie liest es noch einmal.
„Würden Sie das bitte für mich signieren?"
Ich kritzel meine drei Buchstaben und das heutige Datum darunter: 5.02.2003.
Dann klingelt ihr Handy. Die Werkstatt aus Rinteln meldet sich endlich; ihr Wagen kann abgeholt werden.
„Woll'n wir los?"
„Ich gebe ihnen noch meine Karte und das Geld für ihre Mühe."
Sie schiebt mir 50 Euro und ihre Visitenkarte - Baronin Constanze F. C. - Schaumburg-Lippe, zu. Ich lege die Karte auf die Tastatur des PC's und fahre sie nach Rinteln in die Autowerkstatt.

DREI Tage später klingelt nachmittags das Telefon bei mir.
„Hallo Dichter! Wollen wir's machen?"
„Was?"
„Na das, was im Gedicht steht. Am selben Ort und gleich nachher?"
Im ersten Moment bin ich ziemlich sprachlos. Donnerwetter! Die geht aber ran!
„Okay. In einer Stunde?"
„Und wo treffen wir uns?"
„Wenn Sie durch Stemmen sind, fahren sie immer geradeaus bis kurz vor Erder. Da ist eine scharfe S-Kurve und rechterhand ein kleiner Waldweg. Am besten, sie stellen das Auto an der Straße oben ab."
„Ich werd's schon finden."
So bin ich dann hin und habe es mit ihr wie im Gedicht gemacht.

EBEN, es sind wieder ein paar Tage verstrichen, hat sie angerufen. Nachher geht es also wieder richtig zur Sache, nur heute werde ich sie fragen, ob sie vielleicht im Sommer einen Gärtner braucht.
PS: Es ist köstlich, von schönen, reichen Frauen zu träumen, zu schwärmen und sie zu lieben. Doch leider war alles bloß Illusion, eine Selbsttäuschung, wie eben auch oftmals die Liebe, der ich schon lange den Stinkefinger zeige...