Kurzvita

Lebt in Springe/Deister. Erste Gedichte überraschend früh nach der Käseschmiere. Aufgewachsen auf einem niedersächsischen Bauernhof. Dann Umzug nach Hannover. Labortätigkeit. Hans-Dampf in allen Kurzformen der Schreibkunst. Zeichnet gelegentlich Cartoons und malt. Veröffentlichungen seit 2003 von KG, Gedichten und Haikus durch Teilnahme an Wettbewerben/Ausschreibungen in Verlagsanthologien und Zeitschriften.

Befristete Zuneigung

 

Als der Verwaltungsangestellte Hermann Krawutke die LPG-Arbeiterin Editha Pilokat ehelichte, war sie schon Ende Dreißig, eine „Übriggebliebene“, maskulin gebaut, schwarzhaarig, mit deutlichem Bartflaum in einem rotwangigem, fleischigem Gesicht. Der scheue Hermann hatte zwar von einer grazilen Schönheit geträumt, aber er war bereits über vierzig, dürr, kleinwüchsig und krumm, mit einer hässlichen Hakennase. Da konnte man keine Ansprüche erheben.

 

Er hatte vergeblich versucht, Editha für das zu begeistern, wofür nun mal sein Herz schlug, für die Poesie und die bildende Kunst. Er verzagte, denn diesen Dingen gegenüber erwies sie sich als undurchdringliches Bollwerk, und so zog er sich mehr und mehr von ihr in sich zurück, während sie enttäuscht ihren Tagträumen von einem handfesten Kerl, den sie sich eigentlich gewünscht hatte, nachhing.

 

Dann kam es zur überraschenden Grenzöffnung der DDR, dem Mauerfall. Am selben Abend noch fuhren sie in ihrem Trabi nach Berlin. Hermann und Editha erreichten problemlos das Westterritorium. Erst hier, im für sie exotischem Leuchtreklame-Flair, verloren sie alle Zweifel. Ihr Volk war wirklich frei. Und stürmisch fielen sie sich in die Arme. Eine viertel Stunde hielten sie sich fest umschlungen. Es war Monate her, als sie sich zuletzt umarmt hatten, und jetzt waren sie sich nahe wie nie zuvor.

 

Später erinnerten sie sich häufig daran. Jedes Mal fielen sie dabei in ein ratloses Schweigen, denn sie trauerten um dies sofort wieder abhanden gekommene Gefühl ihrer damaligen Seelenverwandtschaft, um dies innige Miteinander-Einssein, um diese kurzlebige Blitzliebe im Angesicht des Brandenburger Tores. Und sie wussten, die Grenzöffnung wird sich nicht wiederholen. Aber vielleicht käme ja ein Krieg . . .

 

 

Lust  

Ich liebe die Herbstfee
ihr störrischer Blick
aus dem Gemälde
hinter die unpassierbare Krümmung
streicht die Geige mir
frühlingstrunken möcht’ ich sie
entblättern
meine geflutete Leidenschaft
zum Entlauben
bis das Retikulum verwelkt.

Nachtfalterdepression/-Syndrom

 

Ein Völlegefühl beschleicht mich;

bin ich doch einst wie ein neuer Buntstift gewesen,

habe freudig wilde Kreise und bunte Blumen in die Seele gemalt;

lange schon ist die Spitze abgenutzt,

und nichts spitzt mich an,

um neue, fröhliche Kreise zu ziehen.

Wenn die Sonne sich verpisst

streiche ich um die Häuser,

in betrügerische Weinhandlungen,

die Etiketten der Flaschen preisen süße Verlockungen,

doch ihr Inhalt schmeckt meist fad.

Tags ist mir die Stadt zu aufgescheucht,

ein Gänsestall,

in den der Fuchs eindringt.

Das fahle Licht der Laternen ist süchtig nach Dunkelheit.

In überfüllten U-Bahnen

verharre ich wie ein Insekt in der Winterstarre,

das Leben hält den Atem an,

wie im Wartezimmer beim Zahnarzt.

Man wäre froh, wenn schon alles hinter einem läge.

Die Ruhe aber in den nächtlichen Straßen

lässt mein Blut in den Adern stocken.

Ich schmiege mich an Prostituierte,

drücke mich eng an ihre warme Haut,

Erinnerung an Hausschlachterei,

an eisgekühlte Schweinehälften.

Viele Ratten sind unterwegs und Falter,

Nachtschattengewächse,

die dürftige Blüten treiben,

im Freudenhaus nur eine einzige Funktion –

Sex gegen Geld.

Leere Hülsen treiben aus meiner Seele,

recken sich aus düsteren Katakomben,

wollen erfüllt werden,

die begrabenen Sehnsüchte,

die kleinen, närrischen Begierden nach Glückseligkeit wie

winzige Kobolde,

sie wollen sich vergnügen, wollen umhertanzen.

Mit einem Fingerhut voll Lebensfreude

könnt’ s mich ins Rampenlicht der Sonne drängen.

Aber morgen geht’s noch nicht,

da ist im Puff Whiskey-Time,

das Glas zu drei Euro fünfzig. 

 

Fabelhafte Posse

 

Die Heilige Schrift ragte aus dem Bücherregal hervor. 

Man gesellte eine Erotikausgabe dazu, 

und vor dieser hatte jemand einen abgewetzten Schuhanzieher abgelegt.  

Das Moralwerk empörte sich über die Erotikedition: 

„Es ist eine Schande, mit so einem Schmierenstück auf eine Ebene gestellt zu sein. 

Verbannen sollte man dich! Durch mich aber“, 

ereiferte die Bibel sich, „erlangen die Menschen ihr wahres Wohl. 

Dazu weise ich sie an, wie sie zu leben haben.“  

„Ich stimuliere die Leute und bringe ihnen Freuden“, triumphierte das Erotikbuch.  

Der Schuhlöffel aber hielt sich heraus und brummelte nur gelassen:

 „Was schert’ s einen wie mich.“ Schließlich wurde er von den Dreien am meisten gebraucht, 

den Erotikband nahm man hin und wieder aus dem Bord - nur die Bibel rührte keiner an.


*

Ein modernes Weltbild
von Enno Ahrens



"Ob Gedanken Pickel haben können? Natürlich können sie das im Prinzip." "Gedanken sind aber doch geistig und Pickel materiell." "Dein ganzes Weltbild ist eben falsch, ja mittelalterlich." In Biancas Stimme lag eine ungekannte Entschlossenheit. Ich bastelte stumm weiter an meinem Flugzeugmodell. Bianca saß nicht weit von mir entfernt und las "Die moderne Physik".

"Alle Dinge sind nur Quantenwolken im leeren Raum", beteuerte sie. "Gedanken können nicht aus Quanten sein, Gedanken sind Geist", warf ich ein. "So ein Quatsch, wohl noch nichts von biochemischen Prozessen gehört. Geist, Materie, das sind doch archaische Begriffe, über die ein moderner Physiker nur mitleidig lächelt. Gedanken sind Quantenwolken, basta, steht hier." "Hast du das im Buch überhaupt richtig verstanden?" "Verstanden? Verinnerlicht habe ich die moderne Physik!" "Wie lange beschäftigst du dich damit schon?" "Drei Tage, aber es ist unbedeutend; die Intensität und Aufnahmefähigkeit entscheiden."

Ich erhob mich aus meinem Sessel, beugte mich rechts neben Bianca, um an den Kleber für mein Flugmodell zu gelangen, der auf dem Sideboard hinter ihr stand. Und da stach sie mir förmlich ins Auge. Sie hatte sich in Biancas linke Gesichtshälfte eingewurzelt. Vor sechs Jahren, als wir geheiratet hatten, waren es etliche spätpubertäre Aknepickel, später nur noch vereinzelte. Doch jetzt ragte eine fette Vulgärwarze aus ihrer Wange hervor. Die musste sich als Pickel getarnt entwickelt haben. "Sie befindet sich an genau derselben Stelle wie bei ihrer Mutter", dachte ich, "nur dass die noch drei am Kinn hat; wird bei Bianca auch noch kommen."

Ich schaute schnell zum Kleber, um Bianca nicht zu kränken, ließ mich wieder in meinen Sessel sinken, strich den Leim auf den Flugzeugflügel und drückte ihn nach einer gewissen Antrockenphase fest. Plötzlich durchbrach Bianca das Schweigen mit spitzer Stimme: "Hast du sie also gesehen!?" "Was soll ich gesehen haben?" "Na, die Warze." "Och, die kleine Warze. Na ja." "Nun tu doch nicht so gleichgültig. Und ich weiß genau, was du denkst: Jetzt hat sie auch so eine widerliche Warze wie ihre Mutter und bald drei am Kinn dazu." "Nein, na ja, nun", stammelte ich. "Dass dich die Warze stört, ist ein klarer Beweis deines überholten Weltbildes." Ihre Stimme wurde wieder beängstigend energisch.

"Was soll das heißen?", entgegnete ich. "Nun, die moderne Physik kennt keine Warzen. Sie löst alles in Formeln mit Ordnungszahlen und mathematischen Zeichen auf. Nehmen wir mal dein graues Haar, das ich vor einigen Tagen bei dir entdeckt habe. "Ich hab kein graues Haar." Du brauchst nicht beleidigt zu sein; nach der neuen Betrachtungsweise ist das kein graues Haar - welch blöde und provozierende Formulierung auch; nein, dieses graue Haar hat nur ne andere Ordnungszahl als die übrigen. Schönheitswerte haben jetzt ausgedient, sie entstammten den irrenden Sinnen, sind Luftspiegelungen an der Nahtstelle "geistiger" Quarks, wie alle unsere Wahrnehmungen, haben die Menschen lange genug zu unsinnigen Eitelkeiten bewogen, eines der größten Übel unserer Zivilisation."

"Ja, aber so einfach wird die Menschheit die moderne Physik nicht aufnehmen." "Ja, weil die Forscher es nicht forcieren, es dem Gegenwartsmenschen nicht zutrauen. Es scheint, man hofft auf die Evolution. Ein Zukunftsmensch mit hochgewölbtem Schädel, mit dicht gepackter Hirnmasse und spitzem Kinn, sollte entstehen."

"Bianca, sei doch ehrlich, du flüchtest doch nur vor deiner Warze in diese Theorien." "Das ist typisch, so ein Primitivling, du verstehst nichts. Schau dir die Sonne an, eben noch stand sie dort am Himmel, jetzt dort. Genau so haben die Menschen sie im Mittelalter gesehen, nur mit dem entscheidenden Unterschied, sie hatten eine gegensätzliche Vorstellung als wir mit unserem kopernikanischen Planetenmodell." "Irgendwie einleuchtend, und da könnten wir genauso gut eine innere Evolution betreiben, unsere gesamte Welt in Quantenwolken und mathematische Begriffe verwandeln." "Genau, und da der Quantenschaum alle Zellen der Menschen miteinander verbindet, also die von einem Schwarzen aus dem Kongo genauso wie die von einem Eskimo aus Alaska, könnte die Welt endlich als Einheit begriffen werden, als ein Körper. Man würde diesen Verbund infolgedessen rationell versorgen, das bisherige Wertedenken verwerfen, auf Kriege verzichten, auch auf Ehekriege."

Ich blickte sie sanft an: "Und wenn ich dir sagte, dass ich dich liebe, es hätte keinen Wert." "Erst mal hast du mir nie gesagt, dass du mich liebst. Dies hab ich gesagt, und du hast anstandshalber ‚ja, ich dich auch' geantwortet. Deshalb ist es unwichtig. Wichtig ist, dass wir uns in Zukunft nicht hassen werden."

Ich ging an diesem Abend früh schlafen; sein Gehirn komplett zu renovieren ist anstrengend. Sanft schlummerte ich ein und in meinen Träumen zogen lauter Schäfchen an mir vorbei wie Quantenwölkchen aus einem leeren Raum.

Am nächsten Morgen, einem Sonntag, frühstückten wir auf der Terrasse. Bianca hatte jede Menge Bücher mit Formeln um ihr Tischset geschichtet, stocherte mit nachdenklicher Miene in dem Marmeladenaufstrich auf ihrem Brötchen herum und murmelte: "Die Ingredienzien haben die Formeln..., Zucker, welch blödes Wort, hat..."

Biancas Kopf verdeckte die aufgehende Sonne. Ganz deutlich zeichnete die Warze sich ab. Jetzt sah ich auch das Härchen daran. Blitzschnell blickte ich auf mein Frühstücksei und aß genüsslich mein Brötchen weiter, als Bianca plötzlich erneut mahnend zischte: "Du hast sie wieder gemustert." "Nein." "Gib es ruhig zu." "War nur ein kleiner Rückfall, soll nicht mehr vorkommen." Ich holte uns eine Flasche Eierlikör, um auf eine erfolgreiche Manifestation eines modernen Weltbildes in unseren Köpfen anzustoßen. Meine Begeisterung dafür wuchs von Schluck zu Schluck; ich holte noch drei Flaschen vom Kiosk.

Irgendwann tanzten Bianca und ich; die Warze an ihrer Wange wurde immer verschwommener, ja schien sich schließlich zu verlieren in einer Quantenwolke, rosafarben, mit diffuser Herzform.

*
Enno Ahrens, Kronsbrinkweg 5, D-31832 Springe, E-Mail:
Amenbi12@aol.com