Wiegenlied    

 

Noch fast wie Atemholen, noch fehlen die Worte.

Nur beinahe ein Lied.

Hymne an die Leichtigkeit der Liebe des ersten Tages.

Wird Grundton des kommenden Künftigen –bis hin zum Fernsten...

 

Dieser Ton bringt Schicksal, das noch junge, unerfahrene, mühelose Schicksal, sich freundschaftlich um Unschuld rundend.

Formt in seinem Inneren Lebensraum:

eine kleine, verschlafene Welt und darüber wie der „echte“ große Himmel: das Versprechen der Zukunft.

Herausgetreten ist sie aus dem jenseitigen Schoss des Nicht-Sein, noch schattenlose Zuflucht für Grund-loses.

Und ein winziger Rest der vorvergangenen Seligkeit ist mit hineingedehnt, schon heimatlos, aber dem jungen Gewordenen noch völlig vertraut.

 

Um jeden Sinn ist Summen gelegt.

Wortlose, bedingungslose Zuwendung, noch zögernd in die so andere Liebe.

Um jeden Sinn ist Unsagbares gelegt und statt Begehren war Staunen über kaum greifbares Namenloses.

Und dieses Schwebende fassen und kaum spürbar hinnehmen an die Wange:

das allererste In-Besitz-nehmen, das allererste Antasten an noch verschlossene Sinnlichkeit.

Ist`s nicht der Anfang des Verlierens der Unschuld?

 

Gespannter, steigender Bogen des Atems, bringt klingende Bewegung in den noch unschuldigen Umkreis unbespielten Raumes, füllt ihn an mit zärtlichen Tönen: golden vor Freude und rund vor Liebe.

Herüber von der Zukunft und hinein in das Jetzt füllen sie unermüdlich den Bogen bis zum Rand,

und brechen ab.

Brechen ab, dort  wo der eine Atem endet und der andere noch kaum fühlbar beginnt.

Ein ungewollter Widerstand: ein Bogen des Atems um Eigenes.   

Plötzlich sichtbar gewordene Begrenzung und hier wie dort: gebrochener Einklang...

 

Und aus jeder Bruchstelle klingt die Unendlichkeit des Wechselgesanges von Seufzen und Lachen...

(c) Elisabeth Bauer

 

Fallendes Rosenblatt  

 

Dieses Nicht-mehr-sein anzufangen,

nichts ist schwerer.

War doch die ganze Fülle,

das versammelte Ende des vollbrachten Entfaltens

in diese Schwere des Falles gelegt.

 

Wo nur ist jetzt Da-Sein?

 

Ist dieses Nicht-mehr-sein nicht

der bis in das Unendliche vermehrte dauernde Besitz?

Ist dieses Nicht-mehr-sein wachsen

ohne Altern?

Ist dieses Nicht-mehr-sein niedergeworfener Überfluss!DudenDUDEN Der KonverterOriginalwort: Überfluß, Neues Wort: Überfluss; weitere Möglichkeiten: keine; angewandte Regeln: Doppel-s-Schreibung nach kurzem Vokal

des Vollendeten?

 

Und meine Hand - dazwischengeschoben - zwischen Schwerkraft

und Nicht-mehr-sein.

Mein Fühlen, mein unbestechlichster Sinn

setzt dort an, an dieser Heimatlosigkeit.

 

Und meine Hand - sich schließend - gerundet um unerschrockenes, furchtloses Vollendetes.

Künstliche Knospe um absoluter Gewissheit!DudenDUDEN Der KonverterOriginalwort: Gewißheit, Neues Wort: Gewissheit; weitere Möglichkeiten: keine; angewandte Regeln: Doppel-s-Schreibung nach kurzem Vokal.

Draußen droht

Ungewissheit!DudenDUDEN Der KonverterOriginalwort: Ungewißheit, Neues Wort: Ungewissheit; weitere Möglichkeiten: keine; angewandte Regeln: Doppel-s-Schreibung nach kurzem Vokal...

 

Und meine Hand spürt den Augenblick

des unterbrochenen Falles,

spürt die Überraschung des Verlustes.

 

Und die Macht der Schwerkraft ist erstaunt

über das Ausbleiben des so sicher Erwarteten...

 

Diesen erstaunten Moment der Schwerkraft:

ihn gilt es abzuwarten

und - sich ihrem Zugriff entziehend - eintreten in den allumfassenden Bann

des Nicht-mehr-sein. 

(c) Elisabeth Bauer

Die tote Möwe  

 

Leise abwärts bewegte Luft,

darin ein sonderbarer Rest von stürzender Schwere.

Abgebrochener oder

beendeter Bogen?

Zeichen im Sand

wie Runen einer Totenklage.

 

Ein letztes Ausbreiten der Flügel.

Und ein Schatten im Sand,

dunkler als sonst Schatten sind...

Ein letztes Ausbreiten.

Ein endgültiges Großwerden des Lebens?

 

Müde taumelnder Kopf:

Nein.

Stumme Klage,

sanfter Widerstand entgegen dem Jagenden,

stehen geblieben! DudenDUDEN Der KonverterOriginalwort: stehengeblieben, Neues Wort: stehen geblieben; weitere Möglichkeiten: keine; angewandte Regeln: Getrenntschreibung bei aufeinander folgenden Verben über der noch leise bewegten Luft

des jäh abgebrochenen Fluges.

...Fluges.

 

Und die Weite des Himmels,

heruntergezogen,

klein zusammengefaltet in ineinander gelegten! DudenDUDEN Der KonverterOriginalwort: ineinandergelegten, Neues Wort: ineinander gelegten; weitere Möglichkeiten: keine; angewandte Regeln: Getrenntschreibung bei -ander + Verb Flügeln

mischt Leben und Tod

und hat die Lebensgröße überschritten.

(c) Elisabeth Bauer

 

Engeltorso  

 

Noch ein Rest langer Locken auf den nackten marmornen Schultern.

Doch wo ist dein Lächeln,

das dem Stein helfen würde emporzusteigen?

Hinabgesunken ist es in ein tieferes Lächeln,

in die tiefere Zukunft: der Herkunft des Unirdischen.

 

Flügel aus Stein, sie liegen dir zu Füßen,

zerbrochen - was sonst?

Nun vervielfältigter menschlicher Raum

an Unirdisches hingezwungen:

schmerzend verschobene Zukunft.

 

Du eigentlich Vergangenheitsloser,

nun verstrickt in den wildwuchernden Ranken

des berechenbaren Ursprungs.

Versteinertes Dasein eines sonst Unsichtbaren.

Eingeschlossene Unendlichkeit, jetzt mitsterbend.

 

Und die Zeit?

Zögernder geht sie an dir vorbei,

an dieser Erinnerung

die selbst sie nicht kennt.

Nur jenem erreichbar der selbst Flügel hat.

 

Das erschreckt,

dass!DudenDUDEN Der KonverterOriginalwort: daß, Neues Wort: dass; weitere Möglichkeiten: keine; angewandte Regeln: Doppel-s-Schreibung nach kurzem Vokal Zeit und Unzeit zusammentreffen.

Und diese Stelle:

nur ein Zögern,

statt ein Bleiben.

 

Die kleine Spanne Unsterblichkeit des Marmors,

wird sie hinüberdauern in das große Verweilende?

(c) Elisabeth Bauer

 

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