Bernhard Kramer

Biographie

 

1961 bin ich geboren und wuchs auf einem Bauernhof in Marthalen auf. Nach meiner Schulzeit erlernte ich den Beruf Spengler Nach ca. 10 Jahren wechselte ich zum Verkauf den ich heute noch ausübe. Seit 1991 packte mich die Neugier, kaufte Farben und Papier. Neben verschiedenen Mal -und Zeichenkursen, habe ich mich Hauptsächlich autodidaktisch weitergebildet. Meine erste grössere Öffentliche Begegnung war 1993 mit der Kunstauktion "Schärme" in Schaffhausen. Danach folgten weitere Ausstellungen

 

Getrocknete Rosen - Einleitung

 

 

Auch ich, der ich mich immer für besonders vorsichtig und bedacht gehalten habe, war eines Tages nicht mehr davor gefeit, einem Menschen zu begegnen, der mich in einen Strudel aus Liebe und Leidenschaft, Angst und Schmerz, Abenteuer und Lust, Wut und Verdruss ziehen konnte. Ich war in dieser Zeit nicht immer Herr meiner Selbst, habe mich auf dem schmalen Grat zwischen Vernunft und Selbstaufgabe bewegt, wäre beinahe abgestürzt und konnte mich zum Glück in letzter Minute noch an das klammern, was mir lieb war:  Das war in diesem Fall ich selbst.

Aber ich bereue nichts. Wie könnte ich auch! Dieser Mensch ermöglichte mir, ein Neuland zu betreten, das ich bis dahin noch nicht einmal erahnen konnte. Ich lernte mich selbst kennen, meine verborgenen Gefühle, meine Lust am Abenteuer, die Gier  nach dem Unbekannten und eine Hoffnung, die nur das Gefühl der Liebe erzeugen kann.

Was ich damals erlebt hatte, musste ich einfach aufschreiben. Ein guter Freund riet mir, Tagebuch zu führen. Das tat ich dann auch. Am Anfang musste ich mich stark zurückerinnern, aber später fiel es mir leichter und ich konnte dann alles eins zu eins niederschreiben. Es fiel mir sehr schwer, aber es half mir, die Beziehung zu verarbeiten.

Auf den folgenden Seiten schildere ich diese Begegnung mit all ihren Höhen und Tiefen, die so prägend für das Zusammensein waren.

Es war schon lange mein Wunsch, diese für mich einschneidenden Erlebnisse zu veröffentlichen und ich hoffe, dass Leser oder Betroffene in ähnlichen Lebenssituationen aus meinen Erfahrungen Kraft und Mut schöpfen können.

 

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Das Buch

Vorwort

 

Ich erzähle meine ganz eigene Geschichte, unverblümt und wahr, wie ich als Mittdreißiger auf einen sehr viel jüngeren Mann traf, der mit mir seine Vergangenheit als Stricher teilte, einen Weg ins normale Leben suchte und mich in ein  Chaos eintauchen ließ, das ich nie für möglich gehalten hätte. Über die Grenzen der Vernunft hinaus habe ich mich mitziehen lassen, schwankte zwischen Hochgefühl und tiefster Depression, habe gekämpft und aufgegeben, verloren und neu aufgebaut.

Rezension

 

Sergej Magazin Deutschland, März 2006, Ausgabe 105

 

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MAREK - Wie es beginnt

 

Genau zwei Tage vor Silvester 1996. Dieser Tag sollte eine Wende in meinem Leben einleiten, von der ich nie für möglich gehalten hätte, dass sie ausgerechnet mich treffen kann. Ich hatte bisher auch kein trostloses oder gar lang­weiliges Dasein gefristet, aber was in den kommenden Wochen und Monaten so alles auf mich zukommen würde, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erahnen können.

Dieser Tag, ein Samstag, schien eher trüb und öde zu werden. In der vorigen Nacht traf ich einen Typen, den ich kurz zuvor in einem Chat kennen gelernt hatte und ich entschloss mich kurzerhand, die restliche Nacht mit ihm zu verbringen. Trotz der körperlichen Nähe und meinem starken und unbändigen Wunsch nach leidenschaft­lichen Berührungen blieb ich kalt. Fast mechanisch absolvierten wir das, was man Lustbefriedigung nennt und ich fühlte mich während des Aktes wie mit einer dicken Eisschicht überzogen. Mir war kalt und ich blieb es auch, als ich am nächsten Morgen meine auf dem Boden herumliegenden Sachen einsam­melte und lautlos die Wohnung verließ. Ich wollte einfach nur noch diese Nacht, dieses namenlose und nichts sagende Gesicht hinter mir lassen. Die Tatsache, dass ich mal wieder eine Nacht mit einem mehr als nur gewöhnlichen Typen verbracht hatte, stieß mir bitter auf. Meine Stimmung war angeschlagen und ich verspürte den unbändigen Wunsch, in die Stadt zu fahren um wenigstens ein bisschen Ablenkung und Zerstreuung zu finden. Natürlich fuhr mit mir immer ein kleiner Funken Hoffnung mit. Hoffnung, einen Menschen zu finden, der in mir Gefühle erzeugen konnte, die ich mir sehnlich und schon seit langer, langer Zeit vergeblich wünschte.

 

Zürich. Ja, Zürich ist eine Stadt, in der man alles erleben kann. Die Hektik einer Groß­stadt, die kulturellen Schätze, die eine so ergreifende Geschichte erzählen, Hunder­te von Touristen, gestresste Men­schen, die eiligen Schrittes in der Innen­stadt herum­laufen und sich wohl lieber in die ruhige Idylle eines Dorfes zurückziehen würden. Natürlich wird das Stadtbild auch von Tagedieben, Straßenkünstlern und den Men­schen geprägt, die, wie ich auch, einfach nur den Drang verspüren, der Einsamkeit zu entfliehen. Man sieht sich, trifft sich;  das reinste Sehen und Gesehen werden. Nachdem ich minutenlang einen Parkplatz gesucht und schließlich einen gefunden hatte, stand ich unschlüssig vor meinem Wagen. Ich überlegte, ob ich lieber in eine Bar oder doch in eine einschlägig bekannte Sauna gehen sollte. Ich spürte eine gewisse Unruhe in mir und hatte das Verlangen, nach der ernüchternden Nacht diesen Tag noch irgendwie angenehm ausklingen zu lassen. Ich entschied mich für eine Bar, die ich sonst eher mied, da mir das ewig gleiche Publikum nicht  zusagte. Und doch, ich lan­de­te im Carussell. Ich wusste nur zu gut, was mich in dieser Bar erwarten würde. Hier sitzen fast ausnahmslos Männer, die sich den Tag vertreiben, nach getaner Arbeit einen Drink nehmen und ganz still und leise hoffen, nicht allein nach Hause gehen zu müssen. Ohne einen Blick nach rechts oder links schweifen zu lassen, steuerte ich die Theke an und bestellte mir ein Ginger Ale. Erst jetzt drehte ich mich gemächlich um und musterte die anwesenden Gäste. Nur langweilige ältere Typen saßen verstreut an den Tischen, nippten lustlos an ihren Gläsern und warfen immer wieder neugierige Blicke zur Eingangstür, sobald sich diese öffnete.

Nach einiger Zeit musste ich aufs Klo. Natürlich folgten auch mir dutzende Augen­paare, als ich mich an drei Tischen vorbei schob und stur nach vorn blickend auf die Tür zusteuerte. In dem Moment, als ich sie öffnete und reingehen wollte, kam mir ein junger Mann entgegen und sauste unüber­sehbar an mir vorbei. Sein Arm streifte meinen Rücken und mit einem kurzen entschuldigenden Blick musterte er mich kurz.  Minuten später stand ich wieder an meinem Platz an der Theke und wie selbstverständlich gesellte sich der junge Mann zu mir. Unauffällig schaute er immer wieder zu mir rüber und sobald ich seinen Blick erwiderte, wandte er sich ab und beobach­tete ohne jedes Interesse das gemäch­liche Treiben in der Bar. So hatte ich die Gelegenheit, ihn auch ein wenig näher zu betrachten und überlegte kurz, ob ich einen Versuch wagen sollte. Ich  nahm mein halbleeres Glas, prostete ihm zu und fragte ihn, ob er auch noch was trinken wolle. Er bejahte dies und wir begannen ohne weitere Umschweife ein Gespräch über Gott und die Welt.

„Was machst du eigentlich so, wenn du nicht gerade in Zürich bist?“, fragte ich ihn interessiert. Mir war klar, dass er sich nur hier aufhielt, weil er ebenso wie ich auf der Suche war.

„Ich habe in Tarnów eine Putzfirma. Die läuft aber nicht und ich brauch dringend Geld.“, antwortete er.

„Sag mal, wo liegt denn Tarnów und was für eine Putzfirma ist das?“, fragte ich weiter. Er erklärte mir ganz ausführlich, von wo er kommt und erzählte über seine Firma. Ich hörte ihm einfach zu.

„Übrigens heiße ich Zibi.“

„Was ist denn das für ein Name?“, wollte ich wissen.

„Sagen wir mal so, für euch Schweizer wäre es bestimmt sehr kompliziert, meinen voll­stän­digen Namen richtig auszusprechen. Ich heiße nämlich…“ und er nuschelte etwas vollkommen Unverständliches.

„Wie bitte?“ fragte ich verständnislos und sah ihn groß an. Er lächelte und wiederholte seinen polnischen Namen noch einmal. Aber wieder verstand ich ihn nur zur Hälfte.

„Was ist dir lieber?“ fragte er schmunzelnd.

„Ach, ich bleibe wohl besser bei Zibi.“, sagte ich lächelnd und zwinkerte im zu.

Es war bestimmt eine geschlagene Stunde vergangen. Ich mochte Zibi vom ersten Moment an und jede Minute steigerte sich mein Verlangen, ihn näher spüren zu wollen. Also nahm ich all meinen Mut zusammen, trank noch einen Schluck, um meinen mittlerweile trocken gewordenen Mund zu befeuchten und sagte kurz und knapp:

„Sag mal, Zibi, wenn du heute nichts weiter vorhast, kannst du auch noch auf ein Stünd­chen zu mir kommen“. Mit banger Ungewissheit erwartete ich seine Antwort und räusperte mich verlegen. Er sah mich einen Moment, der für mich eine halbe Ewig­keit dauerte, an, lächelte unbestimmt und antwortete:

„Gern komme ich mit, das heißt, so ohne weiteres natürlich nicht. Ich hab dir ja von meinen Schwierigkeiten erzählt. Also wenn ich mitkomme, dann müsstest du schon eine Kleinigkeit springen lassen.“

Mein Kopf summte und innerlich sackte ich für einen Augenblick zusammen. Schade, dachte ich, ich hätte ihn so gern mitge­nommen. Es wäre bestimmt eine Nacht gewor­den, die ich nicht hätte vergessen wollen. Aber selbst für einen Zibi wollte ich keinen einzigen Franken ausgeben. Das Gefühl, ihn für entgegengebrachte Nähe und Zärtlichkeit bezahlen zu müssen, war mir einfach zuwider. Sicher, vielleicht suchte ich hin und wieder ein spontanes Treffen ohne große Anlaufzeit, aber das war selbst mir zuviel. Ich wusste, dass ich bisher noch nie für ein kurzweiliges Vergnügen zahlen musste und hatte mir fest vorgenommen, niemals so enden zu müssen, wie viele andere, die hier saßen und nur darauf warteten, angesprochen zu werden.

„Ne, lass mal. Das mache ich nicht mit. Aber wenn du mal Lust hast, kannst du mich ja anrufen.“, sagte ich, schüttelte bestimmt mit dem Kopf und schob ihm einen kleinen Zettel zu, auf den ich in Windeseile meine Telefonnummer schrieb.

Er sah mich groß an. Vielleicht hatte er erwartet, dass ich sofort darauf anspringen würde, aber schließlich begriff er doch, dass es mir ernst war und so zuckte er nur mit den Schultern, verabschiedete sich mit einem Lächeln und wandte sich von mir ab. Er ließ seine Augen durch die Bar schweifen und sie suchten unverhohlen einen anderen Gast. Es dauerte auch nicht mehr lange, bis er sich erhob und direkt und ohne Um­schweife auf einen Tisch zuging, an dem ein etwas älterer, grau melierter Mann saß, der ihn schon mit offenem Blick erwartete. Ich sah Zibi nach, wie er langsam und ruhigen Schrittes auf diesen Kerl zuging. Er war so jung. Gut, nach unserem Gespräch wusste ich bereits, dass er erst 21 Jahre alt war. Damit war er aber gut und gerne 15 Jahre jünger als ich. Seine kurzen, blonden Haare unterstrichen seine Jugend auf hervor­stechende Weise und ich kam mir in seiner Gegenwart fast ein bisschen alt und unmodern vor. Sein schlanker und sport­licher Körper zeichnete sich unter den eng anliegenden Jeans und dem Pullover ab. Zibis Gesicht empfand ich einfach nur als makellos schön. Sicher, es entsprach durchaus nicht dem alten griechischen Ideal, aber sein Gesicht hatte eine Geschich­te zu erzählen. Es war nicht nur einfach hübsch, sondern auch interessant und geheimnisvoll. Man konnte sich einfach nicht satt sehen. Seine blauen Augen wirk­ten intensiv und hintergründig, wenn er mich so ansah.

 

Ich hatte anfangs einige Probleme, seinem festen Blick standzuhalten und befürchtete fast, dass ich etwas Falsches sehen oder lesen könnte.  Seine Lippen waren fein geschwun­gen, fast wie umrandet, und von einer tiefen Röte.  Sobald er seinen Mund öffnete um mir etwas zu sagen, strömte ein Zug von Sinnlichkeit zu mir hinüber und ich klebte fast an seinen Lippen, wenn er mit mir redete.  Und er sprach nicht so viel, wie ich mir gewünscht hätte.  Er bemühte sich zwar sehr, aber da er dem Schweizerischen noch nicht ganz mächtig war, suchte er oft nach dem richtigen Wort und unterstrich dies mit vielen, hilflos wirkenden Gesten.

 

Als ich mich kurze Zeit später auf den Weg machte, dröhnte mir der Kopf. Ständig musste ich an Zibi denken. Immer wieder durchlebte ich unseren ersten Beinahe-Zusammenstoß und unser langes Gespräch. Immer wieder rief ich mir sein Gesicht, seine Gesten und Mimik ins Gedächtnis und verspürte Wärme und den Wunsch, ihn bei mir zu haben. Ständig fragte ich mich, ob er den Zettel mit meiner Nummer aufgehoben oder doch weggeworfen habe, ob er mich irgendwann einmal anrufen werde und was ich dann wohl machen würde. Irgendetwas in mir machte mich sicher, dass er sich bei mir melden würde und dann  keimten doch immer wieder Zweifel auf. Es dauerte lange, sehr lange, bis ich in dieser Nacht in einen unruhigen Schlaf fiel und auch am kommenden Tag musste ich unentwegt an Zibi denken. Mühsam quälte ich mich zur Arbeit, erlebte die Stunden wie in Trance und sehnte mich nach Hause, wo ich in Ruhe meinen Gedanken nachhängen konnte.

 

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