
Bernhard Kramer
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Biographie |
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Getrocknete Rosen - Einleitung
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Auch ich, der ich mich immer für besonders vorsichtig und bedacht gehalten habe, war eines Tages nicht mehr davor gefeit, einem Menschen zu begegnen, der mich in einen Strudel aus Liebe und Leidenschaft, Angst und Schmerz, Abenteuer und Lust, Wut und Verdruss ziehen konnte. Ich war in dieser Zeit nicht immer Herr meiner Selbst, habe mich auf dem schmalen Grat zwischen Vernunft und Selbstaufgabe bewegt, wäre beinahe abgestürzt und konnte mich zum Glück in letzter Minute noch an das klammern, was mir lieb war: Das war in diesem Fall ich selbst. Aber ich bereue nichts. Wie könnte ich auch! Dieser Mensch ermöglichte mir, ein Neuland zu betreten, das ich bis dahin noch nicht einmal erahnen konnte. Ich lernte mich selbst kennen, meine verborgenen Gefühle, meine Lust am Abenteuer, die Gier nach dem Unbekannten und eine Hoffnung, die nur das Gefühl der Liebe erzeugen kann. Was ich damals erlebt hatte, musste ich einfach aufschreiben. Ein guter Freund riet mir, Tagebuch zu führen. Das tat ich dann auch. Am Anfang musste ich mich stark zurückerinnern, aber später fiel es mir leichter und ich konnte dann alles eins zu eins niederschreiben. Es fiel mir sehr schwer, aber es half mir, die Beziehung zu verarbeiten. Auf den folgenden Seiten schildere ich diese Begegnung mit all ihren Höhen und Tiefen, die so prägend für das Zusammensein waren.
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Das Buch
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Vorwort
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Ich erzähle meine ganz eigene Geschichte, unverblümt und wahr, wie ich als Mittdreißiger auf einen sehr viel jüngeren Mann traf, der mit mir seine Vergangenheit als Stricher teilte, einen Weg ins normale Leben suchte und mich in ein Chaos eintauchen ließ, das ich nie für möglich gehalten hätte. Über die Grenzen der Vernunft hinaus habe ich mich mitziehen lassen, schwankte zwischen Hochgefühl und tiefster Depression, habe gekämpft und aufgegeben, verloren und neu aufgebaut. |
Rezension
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Sergej Magazin Deutschland, März 2006, Ausgabe 105
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MAREK
- Wie es beginnt
Genau zwei Tage vor Silvester 1996. Dieser Tag
sollte eine Wende in meinem Leben einleiten, von der ich nie für möglich
gehalten hätte, dass sie ausgerechnet mich treffen kann. Ich hatte bisher auch
kein trostloses oder gar langweiliges Dasein gefristet, aber was in den
kommenden Wochen und Monaten so alles auf mich zukommen würde, hätte ich in
meinen kühnsten Träumen nicht erahnen können.
Dieser Tag, ein Samstag, schien eher trüb und
öde zu werden. In der vorigen Nacht traf ich einen Typen, den ich kurz zuvor in
einem Chat kennen gelernt hatte und ich entschloss mich kurzerhand, die
restliche Nacht mit ihm zu verbringen. Trotz der körperlichen Nähe und meinem
starken und unbändigen Wunsch nach leidenschaftlichen Berührungen blieb ich
kalt. Fast mechanisch absolvierten wir das, was man Lustbefriedigung nennt und
ich fühlte mich während des Aktes wie mit einer dicken Eisschicht überzogen.
Mir war kalt und ich blieb es auch, als ich am nächsten Morgen meine auf dem
Boden herumliegenden Sachen einsammelte und lautlos die Wohnung verließ. Ich
wollte einfach nur noch diese Nacht, dieses namenlose und nichts sagende Gesicht
hinter mir lassen. Die Tatsache, dass ich mal wieder eine Nacht mit einem mehr
als nur gewöhnlichen Typen verbracht hatte, stieß mir bitter auf. Meine
Stimmung war angeschlagen und ich verspürte den unbändigen Wunsch, in die
Stadt zu fahren um wenigstens ein bisschen Ablenkung und Zerstreuung zu finden.
Natürlich fuhr mit mir immer ein kleiner Funken Hoffnung mit. Hoffnung, einen
Menschen zu finden, der in mir Gefühle erzeugen konnte, die ich mir sehnlich
und schon seit langer, langer Zeit vergeblich wünschte.
Zürich. Ja, Zürich ist eine Stadt, in der man
alles erleben kann. Die Hektik einer Großstadt, die kulturellen Schätze, die
eine so ergreifende Geschichte erzählen, Hunderte von Touristen, gestresste
Menschen, die eiligen Schrittes in der Innenstadt herumlaufen und sich
wohl lieber in die ruhige Idylle eines Dorfes zurückziehen würden. Natürlich
wird das Stadtbild auch von Tagedieben, Straßenkünstlern und den Menschen
geprägt, die, wie ich auch, einfach nur den Drang verspüren, der Einsamkeit zu
entfliehen. Man sieht sich, trifft sich; das
reinste Sehen und Gesehen werden. Nachdem ich minutenlang einen Parkplatz
gesucht und schließlich einen gefunden hatte, stand ich unschlüssig vor meinem
Wagen. Ich überlegte, ob ich lieber in eine Bar oder doch in eine einschlägig
bekannte Sauna gehen sollte. Ich spürte eine gewisse Unruhe in mir und hatte
das Verlangen, nach der ernüchternden Nacht diesen Tag noch irgendwie angenehm
ausklingen zu lassen. Ich entschied mich für eine Bar, die ich sonst eher mied,
da mir das ewig gleiche Publikum nicht zusagte.
Und doch, ich landete im Carussell. Ich wusste nur zu gut, was mich in
dieser Bar erwarten würde. Hier sitzen fast ausnahmslos Männer, die sich den
Tag vertreiben, nach getaner Arbeit einen Drink nehmen und ganz still und leise
hoffen, nicht allein nach Hause gehen zu müssen. Ohne einen Blick nach rechts
oder links schweifen zu lassen, steuerte ich die Theke an und bestellte mir ein
Ginger Ale. Erst jetzt drehte ich mich gemächlich um und musterte die
anwesenden Gäste. Nur langweilige ältere Typen saßen verstreut an den
Tischen, nippten lustlos an ihren Gläsern und warfen immer wieder neugierige
Blicke zur Eingangstür, sobald sich diese öffnete.
Nach einiger Zeit musste ich aufs Klo. Natürlich
folgten auch mir dutzende Augenpaare, als ich mich an drei Tischen vorbei
schob und stur nach vorn blickend auf die Tür zusteuerte. In dem Moment, als
ich sie öffnete und reingehen wollte, kam mir ein junger Mann entgegen und
sauste unübersehbar an mir vorbei. Sein Arm streifte meinen Rücken und mit
einem kurzen entschuldigenden Blick musterte er mich kurz.
Minuten später stand ich wieder an meinem Platz an der Theke und wie
selbstverständlich gesellte sich der junge Mann zu mir. Unauffällig schaute er
immer wieder zu mir rüber und sobald ich seinen Blick erwiderte, wandte er sich
ab und beobachtete ohne jedes Interesse das gemächliche Treiben in der Bar.
So hatte ich die Gelegenheit, ihn auch ein wenig näher zu betrachten und überlegte
kurz, ob ich einen Versuch wagen sollte. Ich
nahm mein halbleeres Glas, prostete ihm zu und fragte ihn, ob er auch
noch was trinken wolle. Er bejahte dies und wir begannen ohne weitere Umschweife
ein Gespräch über Gott und die Welt.
„Was machst du eigentlich so, wenn du nicht
gerade in Zürich bist?“, fragte ich ihn interessiert. Mir war klar, dass er
sich nur hier aufhielt, weil er ebenso wie ich auf der Suche war.
„Ich habe in Tarnów eine Putzfirma. Die läuft aber nicht und ich
brauch dringend Geld.“, antwortete er.
„Sag mal, wo liegt denn Tarnów und was für eine Putzfirma
ist das?“, fragte ich weiter. Er erklärte mir ganz ausführlich, von wo er
kommt und erzählte über seine Firma. Ich hörte ihm einfach zu.
„Übrigens heiße ich Zibi.“
„Was ist denn das für ein Name?“, wollte
ich wissen.
„Sagen wir mal so, für euch Schweizer wäre
es bestimmt sehr kompliziert, meinen vollständigen Namen richtig
auszusprechen. Ich heiße nämlich…“ und er nuschelte etwas vollkommen
Unverständliches.
„Wie bitte?“ fragte ich verständnislos und
sah ihn groß an. Er lächelte und wiederholte seinen polnischen Namen noch
einmal. Aber wieder verstand ich ihn nur zur Hälfte.
„Was ist dir lieber?“ fragte er schmunzelnd.
„Ach, ich bleibe wohl besser bei Zibi.“,
sagte ich lächelnd und zwinkerte im zu.
Es war bestimmt eine geschlagene Stunde
vergangen. Ich mochte Zibi vom ersten Moment an und jede Minute steigerte sich
mein Verlangen, ihn näher spüren zu wollen. Also nahm ich all meinen Mut
zusammen, trank noch einen Schluck, um meinen mittlerweile trocken gewordenen
Mund zu befeuchten und sagte kurz und knapp:
„Sag mal, Zibi, wenn du heute nichts weiter
vorhast, kannst du auch noch auf ein Stündchen zu mir kommen“. Mit banger
Ungewissheit erwartete ich seine Antwort und räusperte mich verlegen. Er sah
mich einen Moment, der für mich eine halbe Ewigkeit dauerte, an, lächelte
unbestimmt und antwortete:
„Gern komme ich mit, das heißt, so ohne
weiteres natürlich nicht. Ich hab dir ja von meinen Schwierigkeiten erzählt.
Also wenn ich mitkomme, dann müsstest du schon eine Kleinigkeit springen
lassen.“
Mein Kopf summte und innerlich sackte ich für
einen Augenblick zusammen. Schade, dachte ich, ich hätte ihn so gern mitgenommen.
Es wäre bestimmt eine Nacht geworden, die ich nicht hätte vergessen wollen.
Aber selbst für einen Zibi wollte ich keinen einzigen Franken ausgeben. Das Gefühl,
ihn für entgegengebrachte Nähe und Zärtlichkeit bezahlen zu müssen, war mir
einfach zuwider. Sicher, vielleicht suchte ich hin und wieder ein spontanes
Treffen ohne große Anlaufzeit, aber das war selbst mir zuviel. Ich wusste, dass
ich bisher noch nie für ein kurzweiliges Vergnügen zahlen musste und hatte mir
fest vorgenommen, niemals so enden zu müssen, wie viele andere, die hier saßen
und nur darauf warteten, angesprochen zu werden.
„Ne, lass mal. Das mache ich nicht mit. Aber wenn du mal Lust hast, kannst du mich ja
anrufen.“, sagte ich, schüttelte bestimmt mit dem Kopf und schob ihm einen
kleinen Zettel zu, auf den ich in Windeseile meine Telefonnummer schrieb.
Er sah mich groß an. Vielleicht hatte er
erwartet, dass ich sofort darauf anspringen würde, aber schließlich begriff er
doch, dass es mir ernst war und so zuckte er nur mit den Schultern,
verabschiedete sich mit einem Lächeln und wandte sich von mir ab. Er ließ
seine Augen durch die Bar schweifen und sie suchten unverhohlen einen anderen
Gast. Es dauerte auch nicht mehr lange, bis er sich erhob und direkt und ohne Umschweife
auf einen Tisch zuging, an dem ein etwas älterer, grau melierter Mann saß, der
ihn schon mit offenem Blick erwartete. Ich sah Zibi nach, wie er langsam und
ruhigen Schrittes auf diesen Kerl zuging. Er war so jung. Gut, nach unserem
Gespräch wusste ich bereits, dass er erst 21 Jahre alt war. Damit war er aber
gut und gerne 15 Jahre jünger als ich. Seine kurzen, blonden Haare
unterstrichen seine Jugend auf hervorstechende Weise und ich kam mir in seiner
Gegenwart fast ein bisschen alt und unmodern vor. Sein schlanker und sportlicher
Körper zeichnete sich unter den eng anliegenden Jeans und dem Pullover ab.
Zibis Gesicht empfand ich einfach nur als makellos schön. Sicher, es entsprach
durchaus nicht dem alten griechischen Ideal, aber sein Gesicht hatte eine
Geschichte zu erzählen. Es war nicht nur einfach hübsch, sondern auch
interessant und geheimnisvoll. Man konnte sich einfach nicht satt sehen. Seine
blauen Augen wirkten intensiv und hintergründig, wenn er mich so ansah.
Ich hatte anfangs einige Probleme, seinem festen
Blick standzuhalten und befürchtete fast, dass ich etwas Falsches sehen oder
lesen könnte. Seine Lippen waren
fein geschwungen, fast wie umrandet, und von einer tiefen Röte.
Sobald er seinen Mund öffnete um mir etwas zu sagen, strömte ein Zug
von Sinnlichkeit zu mir hinüber und ich klebte fast an seinen Lippen, wenn er
mit mir redete. Und er sprach nicht
so viel, wie ich mir gewünscht hätte. Er
bemühte sich zwar sehr, aber da er dem Schweizerischen noch nicht ganz mächtig
war, suchte er oft nach dem richtigen Wort und unterstrich dies mit vielen,
hilflos wirkenden Gesten.
Als ich mich kurze Zeit später auf den Weg
machte, dröhnte mir der Kopf. Ständig musste ich an Zibi denken. Immer wieder
durchlebte ich unseren ersten Beinahe-Zusammenstoß und unser langes Gespräch.
Immer wieder rief ich mir sein Gesicht, seine Gesten und Mimik ins Gedächtnis
und verspürte Wärme und den Wunsch, ihn bei mir zu haben. Ständig fragte ich
mich, ob er den Zettel mit meiner Nummer aufgehoben oder doch weggeworfen habe,
ob er mich irgendwann einmal anrufen werde und was ich dann wohl machen würde.
Irgendetwas in mir machte mich sicher, dass er sich bei mir melden würde und
dann keimten doch immer wieder
Zweifel auf. Es dauerte lange, sehr lange, bis ich in dieser Nacht in einen
unruhigen Schlaf fiel und auch am kommenden Tag musste ich unentwegt an Zibi
denken. Mühsam quälte ich mich zur Arbeit, erlebte die Stunden wie in Trance
und sehnte mich nach Hause, wo ich in Ruhe meinen Gedanken nachhängen konnte.