Herr I. und das Ende der Welt

oder

Ist die Erde nicht doch eine Scheibe?

 

Heimweg von der Fabrik, endlos lang, wenn man es eilig hat und Herr I. hatte es eilig. Fußball, sein zweites Leben, Sportübertragung im TV. Auch andere Menschen hetzten heimwärts. Gedränge auf der Straße und unser Held brauchte bis zu seiner Lieblingsbäckerei doppelt so lange. Rasch Gebäck und Brot gekauft und dann weiter. Warten an der Ampel und weiter die Hauptstraße entlang, von einem Haus zum anderen, vorbei an Toreinfahrten und Ladengeschäften... eines am anderen. Der Weg zog sich in die Länge, die Zeit zog sich in die Länge und auch die nächste Straße dehnte sich aus. Schon war Herr I. über zwei Stunden unterwegs. Es wurde dunkel, der Abend kam, doch keine Straßenlaterne ging an. Auf seinem weiteren Weg verloren sich auch allmählich die Passanten. Die Bürgersteige nahmen das Niveau der Fahrbahn an und beide waren bald im Dämmerlicht nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Rechts und links wurden die Häuser spärlicher, kein Auto war mehr zu sehen und der Asphalt der Straße wich ausgedünntem Gras und Moos. Schließlich war es ganz dunkel geworden. Vor Herrn I. dehnte sich nun eine Fläche, die sich vom Horizont nicht mehr abhob. Er stieß an einen kleinen Stein, der mit einem leisen Klang in irgendeine Tiefe fiel. Erschreckt ließ er sich auf die Knie fallen und robbte dann der Länge nach weiter, immer auf der Hut. Richtig. Seine Hände erfaßten eine Kante, einen Rand, was auch immer, es ging jedenfalls nicht weiter. Endstation.

„Das Ende der Welt“, rief Herr I. und ängstigte sich vor dem Abgrund, lag flach auf dem Boden und schrie um Hilfe.

„Nicht das Ende der Welt aber wohl dein Ende!“, donnerte eine Stimme an sein Ohr.

„Nein, nicht mein Ende. Die Erde ist doch eine Scheibe. Hier ist der Beweis!“, rief Herr I. der unbekannten Stimme zu.

„Dein Ende. Du kannst nicht mehr weiter. Versuche es doch einmal!“, forderte ihn der Unbekannte lachend auf.

Herr I. lehnte sich wenig über den Rand. In dem Schwarz öffnete sich ein Spalt und ließ tausend Sterne erstrahlen. Ein besonders helles Exemplar zwinkerte ihm freundlich zu. Er streckte erleichtert seine Hände aus, froh über die Rettung...verlor den Halt und fiel in die Tiefe.

Ein lautes Lachen begleitete ihn in den Tod.

(c) Angelika Pauly

Das Natur-Gen

 

Julius litt. Das Leid der Welt und auch privates Unglück nagte an ihm und ruhte auf seinen Schultern. Er wollte etwas dagegen tun.

„Ich will das Leid-Gen finden und eliminieren“, sagte er zu seinem Freund Bert, „und das kannst du dann ruhig in deinem Journal bringen.“

„Dann mußt du die Menschen eliminieren“, antwortete Bert, der Zeitungsmensch und lachte ihn aus.

„Das Leid ist nicht nur mit den Menschen identisch, es liegt in der Natur“, meinte Julius.

„In der Natur? Die Natur ist ein abstrakter Begriff, genau wie“, Bert dachte nach und legte einen Finger an die Nase, „wie Gott zum Beispiel.“

„Ja, aber Gott ist doch auch Fleisch geworden, erinnerst du dich nicht?“, Julius gab nicht auf.

„Wenn man es glaubt...“, wandte Bert ein und sich etwas ab, spielte mit dem Bunsenbrenner im Labor.

„Fleisch geworden oder nicht, abstrakt oder nicht, ich bin mir sicher, daß die Natur einen genetischen Code besitzt und ich werde ihn finden“,  sinnierte Julius und war schon nicht mehr ansprechbar.

„Vergiß nicht, daß du Physiker und nicht Biologe bist!“, rief ihm Bert noch zu als er das Labor des Freundes verließ.

Julius dachte drei Tage und drei Nächte nach, dann machte er sich kundig in der Gen-Forschung, DNA-Analysen, DNS-Strängen. Da er ja an studieren gewöhnt war dauerte diese Aktion nur knapp zwei Jahre. Zur Seite stand ihm während dieser Zeit eine junge Biologin, jung genug, um von ihm für sein Projekt begeistert worden zu sein.

Nun begann seine Suche nach den DNA-Strängen der Natur. Er fand was er suchte im Erbgut der Pflanzen und Tiere doch bildeten sie den Begriff Natur? Wohl nicht.

Julius ging zu den Philosophen, erklomm die Elfenbeintürme, erkletterte die Seminare der Universitäten, lauschte Vorlesungen, fragte Professoren direkt und bekam zur Antwort, daß es wohl nur die Form Natur gäbe und deren Eigenschaften veränderbar wären. Unsinn, wie er meinte.

Er suchte weiter., sezierte Marienkäfer und Löwenzahnblüten und landete so auf einer schönen Blumenwiese. Auf dieser Wiese spielte ein Kind.

„Was machst du da?“, wollte es wissen.

„Ich suche das Innere der Natur“, sagte Julius und schaute das Kleine liebevoll an.

„Ach, bist du dumm“, lachte der kleine Mensch, „das Innere der Natur, das sind wir doch, wir Menschen. Bist du nicht hier auf einer großen Wiese? Und ist diese Wiese nicht mittendrin in der Natur und wir genau mittendrin?“

„So kann man es auch sehen“, murmelte Julius, „aber ich will doch das Innere faßbar machen.“

Das Kind hörte schon nicht mehr, ganz in sein Spiel vertieft vergaß es die Welt – und Julius.

Was ist die Natur und was sind die Bausteine davon? Mit dieser Frage ging Julius nun zu den Medizinern. Diese schickten ihn zurück zu den Biologen.

„Du suchst die Bausteine des Natur? Da mußt du schon Gott fragen“, lachten ihn diese aus.

„Gott fragen, ja“, Julius griff diesen Scherz als Idee auf, stellte sich auf eine hohe Leiter und rief Gott.

„Was willst du von mir?“, brummte dieser, der sich gar nicht gerne stören ließ.

„Bitte nenne mir den DNS-Code der Natur. Ich will das Leid-Gen ausmerzen“, bat Julius den alten Herrn (oder war es eine alte Dame?).

„Was hättest du davon?“, antwortete der Schöpfer und Herr der Welt, „ es würde dir nichts nützen, denn die Voraussetzung für das Leid ist das Einfühlungsvermögen in andere und willst du das auch beseitigen?“

„Um Gottes Willen!“, erwiderte Julius geschockt, besann sich dann darauf, mit wem er sprach, entschuldigte sich und fragte weiter: „Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“

„Vielleicht habe ich ja einen Fehler gemacht“, Gott dachte nach und legte, wie Bert, dabei einen Finger an seine Nasenspitze, denn nichts menschliches war ihm fremd, „aber daran kann ich jetzt nichts mehr ändern und du schon gar nicht!“

Das klang ein wenig drohend und böse, Julius erschrak.

„Sieh mal“, Gottes Stimme wurde wieder versöhnlicher, „ohne sein Einfühlungsvermögen könnte der Mensch dem Menschen gar kein Leid zufügen, denn nur so weiß er, was dem anderen weh tut. Aber ohne Einfühlungsvermögen...“

„Ja, ich weiß“, unterbrach ihn unser Physiker und stieg langsam von der Leiter herab auf die Erde, „da gäbe es auch keine Menschlichkeit in dieser Welt – und ich denke, da ist irgendwo ein Haken.“

Nein, Julius forschte nicht mehr weiter, er war angekommen – aber zufrieden war er nicht. Er engagierte sich in gemeinnützigen Vereinen, unterstützte Projekte für die dritte Welt und half seiner alten Nachbarin, die Einkaufstüten die Treppe hinaufzutragen. So hatte die ganze Leid-Gen-Aktion wenigsten für ein paar Menschen etwas Positives ... oder meinen Sie nicht?

(c) Angelika Pauly 

Das Angstmännchen

- eine Geschichte für Kinder, die viel Angst haben -

 

In einer hübschen kleinen Stadt lebte ein Junge, der für sein Leben gern spielte, auf dem Spielplatz herum tollte, spannende Kinderbücher las und am Abend im Fernsehen seine Lieblingssendungen sah. Er konnte rechnen wie ein Großer, schrieb fast fehlerfreie Diktate und seine Lehrer und Mitschüler mochten ihn gerne. Auch er mochte die Schule sehr und freute sich über gute Noten. Manchmal, wenn er einen unartigen Tag hatte, ärgerte er die Mädchen aber das gehört nicht hierher...

  1. Julian, so hieß dieser Junge, ging an einem Morgen wie jeden Tag zur Schule. Es war ein bißchen spät, schon zwei Minuten nach 8 Uhr und die große Schultür war schon geschlossen. Schwer war sie und er hatte Mühe, sie zu öffnen. Er drückte und lehnte sich mit seinem ganzen Körpergewicht dagegen, doch sie bewegte sich keinen Millimeter. Traurig ging er nach Hause.

Am nächsten Tag ging er schon um 7 Uhr aus dem Haus, um nur ja pünktlich in der Schule zu sein. Ja, und es klappte, die große Tür stand auf und er lief fröhlich hindurch, die Treppe hinauf bis zu seinem Klassenzimmer. Doch was war das? Die Klassenzimmertür stand zwar offen aber kam trotzdem nicht hindurch. Eine unsichtbare Wand, undurchdringlich und doch glasklar hinderte ihn daran, zu seinen Klassenkameraden zu gehen. Andere Kinder dagegen marschierten ungehindert in den Raum. Julian traten die Tränen in die Augen und er setzte sich voller Verzweiflung auf den Boden des Flures.

Acht Uhr, der Unterricht begann, die Lehrerin schloß die Tür und er saß immer noch auf dem Boden, suchte in einer Hosentasche nach einem Taschentuch, um sich die Tränen abzuwischen.

„Hier bitte!“, hörte er da eine Stimme neben sich.

Er sah sich um und da hockte doch ein kleiner Mann neben ihm, etwa 80 cm groß, mit weißem Haar, buschigen Augenbrauen und funkelnden schwarzen Augen. Er reichte ihm eine ganze Packung Papiertaschentücher. Julian bedankte sich, wischte sich die Nase und fragte dann:

„Wer bist du denn und was machst du hier?“

„Ich bin das Angstmännchen. Und ich komme immer zu Kindern, um ihnen zu helfen“, antwortete der kleine Kerl und zuckte ein wenig mit seiner linken Augenbraue.

„Aber ich habe doch gar keine Angst, ich komme nur nicht durch Schultüren hindurch“, sagte Julian.

„Deine Angst steckt in der Schultür und in der Klassenzimmertür“, entgegnete das Männchen und senkte seine Stimme, „so hält sie dich davon ab, zu deinen Mitschülern zu gehen.“

„Und was kannst du da machen?“, fragte Julian.

„Wir klopfen sie heraus“, sagte das Angstmännchen und sprang auf, „warte hier, ich hole einen Hammer.“ Es lief davon, den Flur hinunter und wohl in den Keller des Gebäudes und kam nach kurzer Zeit wieder, diesmal aber deutlich langsamer, denn es schleppte einen schweren, großen Hammer, ächzte und stöhnt dabei und ließ ihn beinahe Julian auf den Fuß fallen.

„Hey, paß doch auf!“, beschwerte sich dieser.

„Entschuldige!“, sagte das Männchen und schaute traurig, „aber ich bin zu schwach für diesen Hammer. Bitte hilf mir doch.“

Und da Julian freundlich und hilfsbereit war, nahm er dem Kerlchen das viel zu große Werkzeug ab und stellte es neben sich auf den Boden. Das Männchen verschnaufte ein wenig und zog den Jungen dann zu der unsichtbaren Tür, die ihn noch kurz vorher am Betreten des Klassenzimmers gehindert hatte.

„Jetzt nimm den Hammer und schlag darauf ein!“, forderte es Julian auf. Dieser gehorchte, griff das Werkzeug an seinem Holzstiel und hieb auf die Türe ein, daß es nur so krachte und knallte. Das unsichtbare Glas zersprang in 1000 Stücke und der Weg war frei. Glücklich lief der Junge in seinen Klassenraum und setzte sich auf seinen Platz. „Wo bist du denn nur so lange gewesen?“, fragte ihn flüsternd sein Banknachbar. Julian erzählte von der unsichtbaren Tür aber sein Freund verstand ihn nicht, sah ihn nur mit großen Augen und meinte: „Ich habe da noch nie eine Tür gesehen.“

Ein paar Tage lang ging Julian wie alle anderen Kinder zur Schule bis...ja, bis er eines morgens wieder nicht zum großen Schultor hinein kam. Er drückte mit dem Arm dagegen, schob sie mit der Schulter, lehnte sich mit dem Rücken daran und drückte, rüttelte an der Klinke aber nichts, sie bewegte sich keinen Millimeter. Wieder stand er da, ausgeschlossen und allein und doch voller Sehnsucht nach seinen Schulkameraden und seiner Lieblingslehrerin. Da fiel ihm das Angstmännchen ein und daß es ihm wieder helfen könne. Er rief es herbei: „Hallo, wo bist du? Komm‘ doch her, ich brauche deine Hilfe!“

Schwupps war es auch schon da, zuckte mit seiner linken, dicken Augenbraue und drückte dem Jungen den großen Hammer in die Hand. Julian wußte ja jetzt schon Bescheid, ergriff den Hammer und hieb auf die Türe ein. Doch diesmal gelang es ihm nicht sie zu zerstören, das Holz war zu fest und zudem verstärkt mit Eisennieten und Stahlbändern.

„Ich kann das nicht, ich schaffe das nicht“, heulte er und das Männchen reichte ihm wieder eine Packung Taschentücher.

„Doch, du kannst das. Du bist stark. Du weißt es nur noch nicht.“

Die Worte des Männchens vermischten sich mit den Stimmen seiner Mitschüler, denn ein Lehrer hatte die Fenster seines Klassenzimmers geöffnet.

„Ich will zu euch!“, rief Julian voller Schmerz und Sehnsucht und hieb und schlug mit dem schweren Hammer und holte Luft und bearbeitete die Tür weiter und weiter und schließlich entstand ein Loch, durch das er hindurch krabbeln konnte. Er lief und lief so schnell er konnte zu seinem Klassenzimmer und rief hinein: „Ich habe es geschafft. Ich bin stark!“

„Das wissen wir doch schon lange“, sagte seine Lehrerin und lächelte ihn an. „Setz dich hin, wir haben auf dich gewartet.“

Von diesem Tag an ging Julian jeden Tag ungehindert zur Schule. Manchmal sah er auf dem Schulhof hinter eine Hecke die schwarzen Augen des Angstmännchens blitzen und ihm zuzwinkern. Dann lachte er, winkte ihm zu und spielte weiter Fangen mit seinen Freunden.

 (c) Angelika Pauly

 

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