Autoren Steckbrief:

Anna Michalak wurde am 30. März 1986 in Breslau geboren. In Weidenhausen besuchte sie die Grundschule. 1997 erlitt Anna Michalak schweren Seh- und Hörverlust. 1998 musste sie deshalb auf eine Sonderschule für Hörgeschädigte wechseln, wo sie dann 2002 eine überragend gute mittlere Reife machte. Eine Integrationsmaßnahme ermöglichte ihr den Besuch des hiesigen Oberstufengymnasiums in Wetzlar. Das Abitur bestand Anna Michalak im Juni 2005. In Gießen, studiert sie Germanistik und Computerlinguistik .

Presse

 

 

Annas Bücher

Die Schlange von Amegien
ISBN: 3-938607-22-X
1. Auflage Auflage 2005/04 bei Engelsdorfer Verlag
Preis: 18,00 EURO

 

 

  

 

         

 

                           

Leseprobe aus  "Die Schlange von Amegien"

 88   

Die grünen Gestalten zogen mich durch diese Tür, im gleichen Moment

stürzten Farben, Geräusche, Gerüche und Eindrücke in solcher Wucht auf

mein Wahrnehmungsvermögen ein, dass ich schützend einen Arm vors

Gesicht heben wollte, doch die beiden Roboter duldeten es nicht. So

musste ich halb benommen von all der Vielfalt alles mit mir geschehen

lassen. Die beiden Geschöpfe begannen schneller auszuschreiten. Ich

würde über allerlei Unebenheiten geschleift. Das war ziemlich unbequem

und schmerzhaft.

Das Durcheinander um mich war exotisch, es gab alle möglichen und

unmöglichen Farben, Formen und Gebilde, die ohne jeglichen Zusammenhang

durcheinander wirbelten und sich mischten. Ebenso war es mit

den Geräuschen und den Gerüchen. Aber außer dem Boden bekam ich

keine von diesen Dingen näher zu spüren.

Die Reise durch dieses Chaos dauerte nur kurz. Die seltsamen Gestalten

schienen ein Ziel zu haben, das, wie ich gleich feststellen sollte, ein Palast

war.

Der größte Palast, den ich je zu Gesicht bekommen hatte, erstreckte sich

vor mir. Es handelte sich auch um ein sehr farbenfrohes Gebäude, alle

möglichen Farben prangten von den Mauern herunter, aber der Palast ging

nicht unter in den neben liegenden Gebilden, er hatte etwas Überragendes

an sich, was ihm ins Auge des Betrachters prägte.

Meine zwei Entführer zerrten mich durch eine riesige Eingangshalle, die

durch Farbenvielfalt durch nichts zu übertreffen war.

Ich wurde erbarmungslos eine Treppe hoch geschleift und landete in einem

erstaunlich schlichten Raum, der mit weißen Matten, einem kleinen

schwarzen Tisch und gelben Wänden relativ dezent wirkte.

Die grünen Wesen platzierten sich vor der Tür, und ich nahm auf eine der

Matten Platz.

Fast augenblicklich war ein melodischer Pfeifton zu hören, der sich einige

Male wiederholte. Der Raum wurde von einem dichten Nebel verhüllt. Es

war ein so dichter Dampf, dass ich keinerlei Einzelheiten identifizieren

konnte, sein Ursprung war mir genauso rätselhaft, denn von der Tür kam

er keineswegs. Der Nebel verschwand schlagartig. Ich blinzelte ein wenig

verwirrt und gewahrte eine Bewegung schräg hinter mir. Ich fuhr herum.

An der Wand saß auf der Matte eine seltsame Gestalt. Sie hatte einen

langen Schleier um ihre Gliedmaßen geschlungen, nur der Kopf war frei.

Das Wesen hatte ein strahlend weißes, sehr schmales Gesicht, in dem zwei

purpurne Augen glänzten. Ich erinnerte mich an Gweneths Warnung vor

den Wesen mit purpurnen Augen. Durchsichtige Federn bildeten die

89

Kopfbedeckung des Wesens, dabei war es zweifelhaft, ob das ein eigenes

Körperteil oder nur Kopfschmuck war. Es hatte einen sehr kleinen Mund

mit golden schimmernden Lippen, die anders als beim Menschen nicht in

der Mitte breiter wurden, sondern schmaler. Die Mundwinkel waren mit

kleinen Perlen geschmückt. Eine Nase war nicht zu entdecken, ebenso

wenig wie die Ohren.

Das Wesen musterte mich ebenfalls kritisch. Ich bemerkte, dass es keine

Augenlider hatte, sondern schuppige Vorhänge, die bei Bedarf einfach vor

das Auge gezogen wurden.

Plötzlich begannen die durchsichtigen Federn auf dem Kopf zu tanzen.

Und ohne den Mund zu öffnen, sprach das Wesen mit hoher singender

Stimme.

„Du bist im Land der Sinne.“

Diese Feststellung entlockte mir ein Schmunzeln. Also, da war ich

gelandet. Treffender Name!

Das Wesen räusperte sich vernehmlich, dabei schob sich eine schmale

weiße Hand mit vier Fingern aus dem verhüllenden Schleier.

Ich wagte eine Frage: „Wer bist denn du?“

Die purpurnen Augen glitzerten listig. „Man nennt mich Jondey. Ich bin

sehr hochgestellt“, entgegnete es mit seiner hohen Stimme. „Ich bin ein

Sokolo“, fügte es gewichtig hinzu. Was ein Sokolo sein sollte, wollte ich

mir lieber nicht gleich überlegen.

Jondey schaute mich etwas streng an. Vielleicht konnte es auch Gedanken

lesen. Probeweise dachte ich an ein Messer unterm Hemd. Keine

Reaktion.

Jondey meldete sich wieder zu Wort: „Du bist unsere Gefangene. Da du

von der Erde stammst, werden wir einige Versuche mit dir durchführen.

Wir hatten noch nie jemanden von der Erde zu Besuch.“

Mit diesen Worten umhüllte uns abermals der Nebel und als er sich verzog,

war das sonderbare Geschöpf verschwunden.

Ich spähte nach draußen. Die zwei klobigen Wächter standen nach wie

vor zu beiden Seiten der Tür. Ihre roboterhaften starren Augen kreuzten

sich genau vor dem Ausgang.

An Flucht war nicht zu denken.

Ich übte mich mal wieder in Warten, obwohl ich am liebsten aufgesprungen

wäre und gehandelt hätte – bloß in welcher Weise, war mir unklar.

Stunden schienen vergangen zu sein, als vor meinem Gefängnis Getümmel

ausbrach.

90

Ehe ich irgendwie reagieren konnte, betraten zwei gewichtig aussehende

Personen den Raum. Beide waren groß und stattlich, steckten in

schwarzen Gewändern und hatten schneeweißes Haar, das bis zu den

Schultern herabbaumelte. Da hörte auch schon die Ähnlichkeit auf. Der

eine hatte ein herbes, vierkantiges Gesicht mit einer Hakennase und

schnee-weißen Augenbrauen. Das Unmenschliche an ihm waren zwei

schmale Tunnel anstelle der Augen. Diese Tunnel waren so tief

hineingebohrt worden, dass ich nur ganz am Ende ein klein wenig Blau

schimmern sah. Der zweite Schwarzgewandte hatte nicht minder etwas

Furchterregendes an sich. Er hatte zwar das Gesicht eines Jünglings, aber

das wurde durch einen Mund unterhalb des Kinns vereitelt. Dieser Mund

war so verformt, das man nur etwas Schwärze dahinter erahnen konnte.

Zwischen sich schleppten die beiden Schreckensgestalten eine kleine

Sänfte, die vollkommen rot angestrichen war und schwarze Vorhänge hatte,

die mir wie lebendige Wesen entgegen schlängelten.

Ich war bis an die äußerste Ecke zurückgewichen und starrte den Tunneläugigen

gebannt an. Er stand mir am nächsten.

Ohne ein Wort zu sagen, hob der Ältere die Hand. Sie war krallenförmig

und intensiv violett. Von ihr lösten sich drei violette Strähnen und zogen

sich in die Länge.

Alle gleichzeitig erreichten mich die Strahlen und stemmten mich in die

Luft, sie saugten sich einfach an meiner Kleidung fest und stiegen höher,

ohne sich durchzubiegen. Als ich immer näher an den lebenden Vorhang

kam, begann der unheimliche schwarze Stoff zu wallen und griff nach mir.

Schon hatte der schwarze Stoff mich übernommen und ins Innere der

Sänfte bugsiert. Ich war überrascht, festzustellen, dass das Innere ebenso

grau wie das Äußere rot war. Es gab keinerlei Komfort, so blieb ich auf

dem Boden sitzen. Die Vorhänge schoben sich so vor die Ausgänge, dass

ich nicht sehen konnte, wohin die Reise ging.

Es dauerte nur kurze Zeit, dann wurde ich ziemlich unsanft hinausgestoßen.

Vor mir stand eine absonderliche Maschine, die mit vielen

Hebeln, Kabeln, Schaltern und Lämpchen versehen war, sie machte einen

überaus furchteinflößenden Eindruck. Wie ich mit einem Rundblick

feststellte, befand ich mich in einem Kellerraum mit Betonwänden und –

decke. Neonröhren warfen ein kaltes unpersönliches Licht auf die

Szenerie. Die zwei Schwarzgewandten standen hinter mir und schienen

über etwas zu debattieren. Sie erzeugten raue und unmelodische Rufe,

deren Sinn mir verwehrt blieb. Dabei gestikulierten sie wild mit ihren

violetten Händen.

91

Endlich schienen sie sich geeinigt zu haben. Sie wandten sich mir zu und

starrten mich an. Unwillkürlich wich ich einige Schritte zurück, das löste

sie in helle Aufregung aus, sie schrieen sich gegenseitig wild rumfuchtelnd

zu. Ich wich bis an die Wand zurück, derweil regten sie sich noch mehr

auf.

Ich hatte es satt: „Was soll das? Habt ihr noch nie einen Menschen gehen

sehen?“

Die beiden waren einem Herzanfall nahe, so sehr echauffierten sie sich.

Ich dachte mir, dass sie wohl wirklich keine Ahnung von Erdenleben hatten.

Sie dachten vermutlich an unintellektuelle Wesen, die sich nicht vorwärts

bewegen können und ihr Dasein auf der Stelle fristen.

Dieser Gedanke ließ mich ironisch lächeln, woraufhin die beiden Gelehrten

noch wüstere Schreie ausstießen.

Dann stürzten die beiden Gesellen fluchtartig aus dem Kellerraum, wobei

sie umsichtig die Tür hinter sich zusperrten.

Ich wanderte langsam im Raum herum, wagte nicht, die Maschine zu

berühren, es könnte ja etwas Unvorstellbares passieren. Die Tür war aus

massivem Beton und hatte keine Schlösser oder Klinke.

Die Sänfte stand total reglos an der Wand. Es war sehr ruhig.

Um so erschreckter war ich, als ich hinter mir ein knallendes Geräusch

hörte. Ich wirbelte herum.

Woher Anj von Thales denn herkam, mag wissen, wer will. Jedenfalls

stand sie da wie aus dem Erdboden gewachsen. In ihrer Hand steckte ein

langer Dolch, zum Zustechen bereit.

Ich musste angesichts ihrer drohenden Erscheinung lachen.

Anj schien mich erst jetzt wahrzunehmen. Sie sog die Luft ein und

steckte die Waffe zurück in die Lederscheide. Statt des weißen Hemdes

trug sie eine Art kurzer, eng anliegender Jacke aus Wasser abweisendem

Stoff, die in rot und blau das Neonlicht widerspiegelte.

„Ist dir klar, was für ein heilloses Chaos dein Verschwinden hervorgerufen

hat?“, fragte sie mit ihrer rauchigen Stimme, die weder Tadel noch

Belustigung andeutete. Prüfend schaute ich in ihr Gesicht. Sie gab nach,

und ein kleiner Funke von Schalk blitzte aus den steingrauen Augen. Dann

wurde sie wieder ernst.

„Ob Gweneth Ärger bekommen hat, brauchst du nicht erst zu fragen. Ich

war so maßlos wütend, dass ich ein Buch sozusagen aus Versehen herumschwirren

ließ. Leider traf es nicht ihren Kopf. Sie hat doch tatsächlich

absichtlich alles in die Wege geleitet. Das mit dem Stuhl und dem selbstständig

gewordenen Spiegel und dem Gefäß. Mir sagte sie, es war nur eine

Probe. Von wegen!“

92

Anj schien es nicht zu wundern, dass ich allein und frei herumging. Als

ich sie darauf ansprach, lachte sie.

„Ich habe durchaus erwartet, dass die sich aufregen werden, weil es auf

der Erde intelligentes Leben gibt. Ich befürchtete nur, eine dieser grünen

Maschinen sei hier. Mit denen muss man vorsichtig sein.“

Noch während sie sprach, registrierte ich, die ich zur Tür gewandt stand,

dass zwei purpurne Strahlen die Betontür durchdrangen. Sie zögerten

einen kleinen Moment, dann schossen sie blitzartig vorwärts. Anj, deren

Aufmerksamkeit nicht nachgelassen hatte, machte einen bühnenreifen

Satz zur Seite. Die Strahlen gingen an ihr vorbei und prallten an der gegenüberliegenden

Seite ab. Zu meiner Bestürzung steuerten sie jetzt auf mich

zu, und zwar in solch rasender Geschwindigkeit, dass ich kaum erkennen

vermochte, wohin sie zielten. Ich tat es Anj nach und landete auf Händen

und Knien neben ihr. Die purpurnen Strahlen nahmen sofort Kurs auf

meinen Kopf. Ich hatte keine Zeit mehr zu verlieren, ich krümmte mich

und verbarg den Kopf in der Armbeuge. Die Strahlen hielten mysteriöserweise

vor der Stelle an, wo mein Kopf gewesen wäre. Sie schienen einfach

in der Luft zu verharren. Als ich aufsprang, änderte sich das jedoch.

Schlagartig begannen die Strahlen herumzuwirbeln, ohne ein Ziel anzusteuern.

Eben da waren sie sehr gefährlich. Anj zog mich in eine Ecke und

kauerte sich auf den Boden. Ich hockte mich neben ihr und, ohne die

Strahlen aus den Augen zu lassen, flüsterte ich: „Wie kommen wir hier

wieder weg?“

In diesem Moment öffnete sich die Tür und Jondey trat ein. Er war –

wenn das überhaupt noch ging – noch blasser. Sein schleierhaftes Gewand

schlug um einen nicht sichtbaren, aber doch vorhandenen Körper.

Sogleich bei Jondeys Eintritt hörten die purpurnen Strahlen auf, uns zu

attackieren. Sie lösten sich einfach in Luft auf. Anj sprang auf. Jondeys

schmales Gesicht verriet Besorgnis. Anj derweil herrschte ihm an: „Jondey,

was fällt Ihnen eigentlich ein? Wollen Sie denn eins dieser Probleme heraufbeschwören,

die wir das letzte Mal hatten?“

Jondeys Gesicht spiegelte eine Mischung aus Kummer und Trotz wider,

als er sagte: „Ach, die Herrin von Amegien hat sich hierher bemüht.

Wusste nicht, dass ihr das wichtig ist ...“

„Jondey! Ich will mir nicht dein Geschnatter anhören müssen. Bring uns

wieder zum Schacht, sonst vergesse ich meine Manieren.“

Ich musste mir mit Mühe ein Lachen verkneifen, Anj von Thales und

Manieren vergessen?

Jondey war vernünftig genug, dieser Drohung gleich Abhilfe zu leisten

und brachte uns unverzüglich zum Schacht.

93

Die Reise nach oben dauerte fürwahr sehr lange, und Anj schwieg die

ganze Zeit verbissen. Ich versuchte, sie mit Fragen aus der Reserve zu

locken, aber vergebens.

Unversehens erschien über unseren Köpfen eine spiegelnde Glastür,

schon flogen wir hindurch.

Statt wie erwartet in der Zauberhöhle, landeten wir in dem Raum, in dem

mich die Königin das erste Mal empfangen hatte. Es war inzwischen

fortgeschrittener Vormittag, die Sonne fiel mit ihrem kupfernen Licht in

den Salon ein. Anj ließ sich auf den Diwan fallen und streckte sich aus. Ich

blieb stehen.

Anj seufzte. „Du wunderst dich vermutlich, warum wir hier gelandet

sind. Das will ich dir erzählen: Nachdem Gweneth den Schlamassel

zustande gebracht hatte, lief sie zu mir. Sie wusste meinen Zorn zu

fürchten. Nachdem ich mich abreagiert hatte – und nebenbei gesagt, das

nicht gerade friedlich – machte ich mich auf den Weg ins Land der Sinne,

was gar nicht so einfach ist. Da ich denselben Spiegel benutzte wie du, war

es für mich nur eine Anstrengung von fünf Minuten. Anhand der magischen

Gedankenkraft konnte ich mich an den Ort begeben, wo du dich

auch befandest. Man kehrt normalerweise an den gleichen Ort zurück, wo

man seine Reise beginnt.“

Diese Rede war meines Erachtens nach ganz schön emotionslos. Anjs

Stimme verriet nicht die mindeste Wut, nicht irgendeine Gleichgültigkeit,

einfach nichts.

Ich schaute sie zögernd an.

Behände schnellte sie plötzlich hoch und schoss an mir vorbei zu eine der

Türen, die in diesem Moment aufging. Ein paar rasche Worte, und sie warf

die Tür mit solcher Wucht zu, dass das Holz knarrte.

Ohne mich noch eines Wortes zu bedenken, öffnete sie eine andere Tür

und ging hinein. Sie schloss sie hinter sich, und ich hörte das einrastende

Geräusch eines Schlüssels.

Seufzend stand ich da und überlegte, was ich tun sollte. Hier bleiben?

Wozu, Anj war das anscheinend gleichgültig. Also abhauen? Kannte den

Weg doch nicht. Mir fiel der Plan ein, der noch immer in meiner

Jeanstasche steckte. Ich holte ihn hervor und musterte ihn genau.

Kurz entschlossen machte ich mich auf den Weg, den spiralförmigen

laubgrünen Gang entlang, die Galerie und dann die Treppe runter.

Eine junge Frau begegnete mir unterwegs, ich wollte mich an ihr vorbeischieben,

aber sie hielt mich am Ärmel zurück. Sie sah Anj so ähnlich, dass

94

ich gleich an ihre Tochter denken musste. Zwar hatte sie ihr längeres,

gewelltes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Es fehlten auch die

Schatten um die steingrauen Augen. Und dennoch, eine gewisse Ähnlichkeit

war nicht auszuschließen. Sie war mager und sehr groß, trug Jeans

und die üblichen Lederstiefel, dazu eine jungenhafte karierte Bluse.

Sie musterte mich eingehend. „Carol-Henriette“, stellte sie sich schließlich

vor.

Ich nannte ihr ebenfalls meinen Namen. Carol-Henriette sagte: „Kommst

du von der Königin? Ich bin ihre erste Tochter.“

Ich erzählte ihr von meiner Reise ins Land der Sinne und Anjs Reaktion.

Ich schloss mit den Worten, ich wüsste nicht, was ich noch dort oben tun

solle.

Carol-Henriette wollte etwas erwidern, als jemand meinen Namen rief.

Ich drehte mich um und entdeckte Chris Doming, die mit atemberaubender

Geschwindigkeit auf mich zuflog. Sie bremste elegant ab und

verkündete: „Ich suche dich schon eine halbe Ewigkeit. Du musst wieder

zur Bekleidungshöhle kommen.“

Mir war es peinlich, und an Carol-Henriettes abschätzigem Lächeln sah

ich, dass sie das wusste. Ich verabschiedete mich flüchtig von ihr.

Die Halbelfe lotste mich zur besagten Höhle.

Ich ließ mir ein Kleiderbündel aushändigen, legte es in meinem Zimmer

ab und machte mich auf die Suche nach Anjej, Danyelle und Carol.

Da ich sie nirgendwo entdecken konnte, beschloss ich, einen Bummel

durch die Gänge zu machen.

Ohne den Plan zurate zu ziehen, wanderte ich Gänge entlang, spähte in

Korridore, kletterte steile Tunnel hinauf und wieder hinunter. Bald hatte

ich die Orientierung vollends verloren. Dieser Teil des Labyrinths wimmelte

nur so von sehr engen kurzen Tunneln, die mehrere Seitenwege enthielten.

Offenbar gingen sie ständig ineinander über. In manchen Gängen

befanden sich dunkle Höhlen, die ich lieber nicht näher untersuchte. Da

und dort gab es magisch verschlossene Eingänge. Es gab keine Flechtvorhänge.

Ich wanderte gerade mal wieder einen dieser kurzen, engen Tunnel entlang,

als ich überraschenderweise in eine kleine Höhle trat.

Die Höhle war dunkel, bis auf das andere Ende. Dort war vor einer Öffnung

ein gelber Vorhang gespannt, durch den ein helles Licht fiel. Die

Höhle verengte sich an dieser Stelle wieder so stark, dass nur eine einzige

Person durch den Vorhangsteil treten könnte, der sich ihr präsentierte.

Dass der Vorhang in der Öffnung nur einen kleinen Teil des eigentlichen

95

Stoffumfangs darstellte, konnte ein genauer Beobachter an der Höhlendecke

feststellen, wo der Stoff weiter nach oben führte.

Die Neugierde trieb mich, an diesen Vorhang zu treten. Direkt vor dem

Stoff am Boden befand sich eine große Steinstufe, wie perfekt zum Hinsetzen

geeignet.

Ich ließ mich vorsichtig nieder und schob behutsam den Samtstoff ein

wenig zur Seite.

Vor mir lag ein Steinboden, der sich nach oben hob. Ganz am erhöhten

Ende war ein weiterer Spalt, der mit einem blauen Stoff bedeckt war, und

dahinter konnte ich Stimmen vernehmen.

Als ich meinen Blick nach oben lenkte, fand ich meine Vermutung

bestätigt. Der riesige Vorhang hing hoch oben über mir, dicht neben einem

Spalt im Fels, durch den die kupferne Sonne schien. Doch der Spalt war so

weit weg, dass die Sonne wie ein winziger Glutball aussah. Das Erschreckendste

aber war schräg oben ein Felsvorsprung, auf dem erstarrte

Gestalten standen. Es handelte sich um ursteinzeitliche Statuen aus Stein,

die mit ihren blicklosen schwarzen Augen herunterstierten. Es waren groteske

Wesen, vier oder fünf Stück. Man konnte nicht erkennen, was für

Geschöpfe Amegiens es waren.

Ich saß einen Moment starr vor Schreck da und schaute die alten Figuren

an. Dann begann ich, so schnell wie möglich auf den gegenüber liegenden

Spalt zuzukriechen. Die Stimmen wurden lauter, es handelte sich unzweideutig

um Menschen.

Kurze Zeit später hatte ich die andere Seite erreicht. Ich kauerte mich vor

dem blauen Stoff zusammen und lauschte.

Ganz offensichtlich gab es dort eine rege Debatte, was schon eine Untertreibung

war, die beiden Personen stritten sich auf das Heftigste.

„... das ist eine hirnrissige Idee! Das würde doch aus Prinzip nicht klappen!“

„Was würdest du denn sonst machen? Die Koma-Ebenen können wir

doch nicht auf diese Art erreichen!“

Es dauerte eine Weile, bis ich die letztere sehr aufgebrachte Stimme als

die von Natalia Rubiner identifizierte. Die andere Frau schien mir bislang

noch nicht begegnet zu sein. Ich hörte weiter zu.

„Die Koma-Ebenen sind sehr gefährlich, von den Zauberbergen mal abgesehen!

Und Mereder ist ein sehr listiger Zauberer! Willst du dieses Risiko

wirklich eingehen? Allein der Gedanke an Jana Sells Gesicht, wenn sie

davon erfährt, sollte dich schon belehren!“

96

Die andere Frau war außer sich. Natalia Rubiner brüllte nicht annähernd

so laut, aber dennoch hörte man ihre Wut deutlich heraus:

„Hör zu, Anja Badain. Wenn wir die Katakomben benützen, nützt uns

das auch nicht viel. Aber wenn wir eine Opferbahn ...“

Anja Badain unterbrach sie: „Nur um Mereders erste Angriffe abzulenken,

finde ich eine derartige Aufbietung töricht! Die Katakomben können auch

nichts ändern, aber eine Opferbahn ...“

Natalia Rubiner schien die Geduld zu verlieren. „Es ist sowieso egal.

Mereder tötet immer mehrere Personen. Mit einer Opferbahn könnten wir

ihn wenigstens ablenken.“

Anja Badains Stimme hob sich noch um einiges: „Ja, und wer soll diese

schändliche Aufgabe übernehmen? Ich weiß niemanden, der freiwillig für

Mereder ins Feuer rennen würde! Es sei denn ...“

Ich vernahm, wie eine Tür heftig aufgerissen wurde. Schnelle Schritte

stürmten in den Raum und eine Männerstimme rief: „Anja Badain! Hören

Sie auf, hier rumzubrüllen! Anja Verome sitzt vor dem Vorhang und lauscht!“

Ich erstarrte. Woher wusste der Mann von meiner Anwesenheit?

Noch ehe ich kehrtmachen und hinter den gelben Vorhang die Flucht

ergreifen konnte, wurde der blaue Vorhang zur Seite gerissen. Natalia

Rubiner packte mich am Arm und zerrte mich durch den Spalt in den

Raum hinein.

Der Raum war groß und holzgetäfelt, es standen keine Möbel drin. Zwei

schwarze Türen gingen in Nebenräume aus. Der Mann, der die Warnung

ausgerufen hatte, lehnte an der Wand zwischen den beiden Türen. Er

hatte blondes Haar und sah im Übrigen aus, wie diese Männer aus der

Werbung. Nur dass sein Gesicht schon einige Fältchen vorzeigte.

Anja Badains Gesicht sah man keinerlei Regung an, die Stellvertreterin

Anjs schien nicht einmal überrascht oder ärgerlich. Ganz im Gegensatz zu

Natalia Rubiner, deren Miene aufbrausenden Zorn verriet. Eigentlich hatte

ich – nach dem, was ich gehört hatte, zu urteilen – eine wütende Anja

Badain und eine gelassene Natalia Rubiner erwartet.

Ehe Natalia Rubiner auf mich losgehen konnte, was sie zweifellos beabsichtigt

hatte, sagte Anja Badain ruhig: „Du weißt ja schon, wer ich bin.

Das hier ist König Julius XVI. von Berg.“

Der Mann schenkte mir ein kurzes Lächeln. Man sah ihm deutlich die

Königswürde an, aber er wirkte nicht hochmütig.

Anja Badain hatte eine hohe Statur mit der dazu gehörigen schlanken

Figur. Ihr strähniges braunes Haar umrahmte ihr ebenmäßiges Gesicht.

Ihre grünen Augen hatten etwas Herablassendes an sich, wie eine Katze,

97

was sich aber nicht zu sehr ausdrückte. Ihr Gesicht wäre ohne diese

Augen unscheinbar gewesen, denn die Augen verliehen ihm einen unbestimmten

Reiz. Sie steckte in einer schwarzen Uniformjacke mit blanken

Silberknöpfen, die bei jedem Lichteinfall glänzten.

Der König von Berg hatte seinen schlichten grauen Umhang ein wenig um

sich geschlungen, die Haltung militärisch und gestreckt, dennoch schaffte

er es nicht, die Stellvertreterin der Königin zu überragen, dafür konnte er

durchtrainierte Muskelpakete aufweisen.

Anja Badain musterte mich unverhohlen. Natalia Rubiners orange

Haarlocken kräuselten sich noch stärker in alle Richtungen, vor Wut

wahrscheinlich.

Anja Badain sagte: „Von Ann Croydon weiß ich von deinen Lauschangriffen.

Aber jetzt kommst du nicht so glimpflich davon, dem sei gewiss.“

Julius XVI. meldete sich zu Wort: „Mir fiele schon eine Strafe ein: Nehmt

sie doch mit auf den Feldzug nach Colois. Da wird ihr schon das Fürchten

beigebracht werden, vor allem in den entsetzlichen Zauberbergen.“

Natalia Rubiner machte ein missmutiges Gesicht, wohl stand jetzt fest,

dass sie weder die Katakomben noch irgendeine Opferbahn durchsetzen

würde.

Anja Badain überlegte. „Ein schlechter Vorschlag ist das durchaus nicht.

Aber bedenke, sie hat keine Erfahrung, mit Monstern vor allem nicht.“

Der alte König entgegnete: „Dann sammelt sie halt dort welche. Und sie

wird so oder so Kontakt mit Monstern bekommen, mit oder ohne

Teilnahme am Feldzug.“

Anja Badain grinste. „Hast ja Recht. Okay, ich spreche mit der Königin.“

In diesem Moment ertönte der Gong zum Mittagessen.

Anja Badain warf mir einen belustigten Blick zu. „Wir essen alle zusammen

im Speisesaal. Also los, gehen wir, ich brauche etwas zwischen die

Zähne.“

zurück