
Am Strand
Die Frau hatte die
Augen geschlossen, träge ließ sie den warmen Sand durch die Finger rieseln.
Die laue Luft und das Geräusch der sich am Ufer brechenden Wellen lullten sie
ein.
Neben ihr spielte,
leise summend, ihr Kind mit Eimerchen und Schaufel.
Es trug eine rote Badehose und einen weißen Sonnenhut.
Der Mann lag ein
Stückchen von ihnen entfernt. Ab und zu warf das Kind aus den Augenwinkeln
einen Blick zu ihm hinüber.
Am Morgen hatten
sich Mami und der Mann während des Frühstückes gestritten. Das Kind war vier
Jahre alt und verstand nicht alles, was die beiden sagten. Aber eines begriff es
schon, dass es selber der Gegenstand der Auseinandersetzung war.
Mami sagte traurig
zu dem Mann: „Versuchen wir es noch einmal. Vielleicht brauchen wir nur mehr
Zeit alle zusammen! Wenn es nicht klappt, müssen wir uns eben trennen!“ „Du
kannst ja das Kind fortschicken, ich gehe jedenfalls nicht!“ brummte der Mann
.
Daraufhin schrien
die beiden sich an und der Mann sah das Kind mit zusammengekniffenen Augen böse
an, es machte sich ganz klein und wünschte sich mit Mami weit fort, die
jetzt leise weinte. Es nahm ihre Hand in seine kleine Hand und drückte,
um sie zu trösten.
Früher, als es
noch mit Mami allein lebte, war alles viel schöner. Mami hatte, wenn sie abends
nach der Arbeit das Kind vom Kindergarten abholte und sie nach Hause kamen, viel
Zeit. Sie spielten und schmusten und hatten Spass miteinander. Während des
Abendessens erzählten sie einander, was sie am Tage erlebt hatten.
Sie hatten nicht
viel Geld, klagte Mami oft und sah
dabei traurig aus. Geld war wichtig,
soviel verstand das Kind. Wenn man Geld
hatte, konnte man verreisen und sich hübsche Sachen kaufen. Aber so
schlimm fand das Kind das nicht, es war auch ohne hübsche Sachen und verreisen
schön mit Mami.
Manchmal
dachte das Kind daran, dass einmal ein Papi
bei ihnen wohnte. Erinnerte sich an starke Arme, die es herumschwenkten und hoch
in die Luft warfen und dann sicher wieder auffingen. Aber wenn es sich
versuchte, an das Gesicht von diesem Papi
zu erinnern, war dort nur ein weißer Fleck. Oft erzählte Mami, dass er jetzt
im Himmel war und von dort auf sie beide aufpasste. Warum war er denn erst
fortgegangen? Er hätte hier sie viel besser beschützen können!
Mami machte dann
immer ein Gesicht, als würde sie gleich weinen, das mochte das Kind nicht und
wollte keine Papigeschichten hören.
Trotzdem ließ sie
sich nicht davon abbringen, immer wieder fing sie damit an. „Du sollst Papi
nie vergessen, ich werde es auch nicht!“ sagte sie und seufzte ganz furchtbar,
dass es dem Kind im Bauch kribbelte.
Eines Tages
brachte Mami den Mann mit, einen Mann mit einem schwarzen Bart und einer tiefen
Stimme. Wie ein Riese ragte er über dem Kind auf, tätschelte dessen Kopf und
brummte: „Na du? Ich wohne jetzt hier. Wie findest du das?“
Er hob das Kind
hoch und drückte es. Das Kind zappelte, der Bart kratzte an seiner weichen
Wange.
„Dann eben
nicht!“ sagte der Mann und nahm statt dessen Mami in die Arme. Das Kind drängte
sich dazwischen, er schob es fort.
„Du mußt dem
Kind Zeit geben, sich an dich zu gewöhnen,“ sagte Mami und lachte dabei so glücklich,
wie schon lange nicht mehr.
Vielleicht
wurde es doch nicht so schlimm mit dem Mann und vielleicht hatte er Geld
und sie konnten sich hübsche Sachen kaufen, dachte das Kind.
Von dem Tag an änderte
sich ihr Leben. Am Anfang tat der Mann, als wäre er nett und lächelte, seine
grossen weißen Zähne blitzten,
aber die Augen schauten kalt. Wenn
Mami abends mit dem Kind vom Kindergarten heimkam, war keine Zeit mehr um zu
kuscheln, zu spielen und Spass zu haben. Immer war der Mann da, wollte Mami
anfassen und streicheln, dem Kind wurde übel, wenn es das sah. Er drängte es
von Mami weg und sagte: „Geh in dein Zimmer spielen!“
Beim Essen sagte
er: „Jetzt unterhalten sich die Erwachsenen, Kinder haben den Mund zu
halten!“
Dabei es hatte so
wichtige Sachen zu erzählen, die es aber nur Mami sagen wollte. „Später,
mein Liebling!“ sagte sie, aber später war auch keine Zeit zum Reden.
Wie gerne würde
das Kind jetzt die Papigeschichten hören,
doch Mami schien diese vergessen zu haben. Das der Mann es auch überhaupt
nicht, mochte, wenn von dem Papi die
Rede war, merkte das Kind schnell und drängelte Mami, von ihm zu sprechen und
Geschichten zu erzählen.
Fing es davon an,
sagte Mami rasch: „Wir müssen nicht immer an die alten Zeiten denken,
Kleines!“
Bald war der Mann
nur noch böse und kniff das Kind, wenn Mami nicht hinsah. Begann es dann zu
weinen, zischte der Mann: „Wehe, du sagst ein Wort, dann gebe ich dich zu
fremden Leuten!“
Ein paarmal fiel
das Wort Kinderheim und das Kind solle
dort wohnen. Sein Heim war doch
hier, bei Mami. Warum sollte es woanders leben?
Das Kind wußte
nicht, was das Wort wirklich bedeutete, aber es hörte sich schlecht an, klang
nach Dunkelheit, Kälte, Einsamkeit und Tränen. Vielleicht war es ein Ort für
Kinder, die störten. Bestimmt durften sie nie
mehr heim. Nie, nie, nie! schwor sich das Kind, würde es an einem solchen Ort
leben, es sei denn, Mami kam mit.
Mami wurde immer böse,
wenn der Mann davon sprach und sagte: „Nie trenne ich mich von meinem Kind!“
Dann änderte sich
auf einmal seine Stimme, wurde ganz
sanft. Er nahm Mami in die Arme, strich über
ihre Haare und küsste sie auf den Mund. Das mochte das Kind gar nicht! Über
Mamis Schulter hinweg guckte er das Kind mit bösen Augen an und winkte mit der
Hand, es solle verschwinden.
Auch zu Mami war
er nicht immer lieb. In der letzten Zeit brachte der Mann sie häufig zum Weinen
und ging hinterher türenschlagend davon. Jedesmal hoffte das Kind, er käme
nicht mehr wieder. Mami holte das Kind an diesen Abenden zu sich ins Bett und
sie kuschelten wie früher, als sie noch allein waren.
Spätnachts hörte
es wie der Mann laut polternd heimkehrte. Er roch merkwürdig und sprach auch
anders wie sonst. Dann wurde das Kind ganz traurig, weil der Mann immer sagte:
„Schaff das Kind fort! Hier ist mein Platz!“
Es spürte wie
Mami zitterte, während sie es in sein eigenes Zimmer trug. Sie drückte es an
ihre Brust und flüsterte ihm sanfte Worte zu, die es jedoch nicht verstand,
denn das Kind hielt sich die kleinen Ohren zu.
Manchmal sah das
Kind, wie Mami abends kleine Bonbons schluckte, dann schlief sie so fest, dass
sie nicht hörte, wenn der Mann heimkam und das Kind stellte sich auch
schlafend.
Der Mann mußte
auf dem Sofa schlafen und war am nächsten Morgen böse auf die beiden. Dann
schluckte Mami andere Bonbons und lächelte sanft.
Es verstand nicht,
warum Mami den Mann nicht fortschickte.
Sie sagte: „Ich
weiß es ist nicht einfach für dich. Aber wir brauchen doch einen Papi!“
Nein, brauchten
sie nicht! Auch von Geld war keine Rede, keine hübschen Sachen wurden gekauft.
Jetzt waren sie in
den Ferien.
Der Mann wollte
erst nicht, dass das Kind mitkam. Wieder fiel das Wort Kinderheim
und Mami schimpfte mit dem Mann. Daraufhin nahm er Mami wieder in die Arme um
sie zu trösten und sagte, er hätte es nicht so gemeint. „Ich wollte nur mal
mit dir alleine sein!“
Nach dem Streit am
Frühstückstisch suchte sie nach ihren Bonbons und war ganz aufgeregt, weil sie
sie nicht fand.
Sie fragte:
„Habt ihr sie nicht gesehen?“ Das Kind schüttelte langsam den Kopf und der
Mann brummelte irgendetwas vor sich hin
Das Kind
schaufelte unermüdlich Sand in seinen Eimer, kippte ihn wieder aus und
schaufelte weiter. Es schaute zu
Mami hin. Die war unter dem Sonnenschirm fest eingeschlafen.
Nun griff das Kind
Eimerchen, Schaufel und seine Saftflasche und hockte sich neben den Mann, der
auch die Augen geschlossen hatte.
Es lud eine
Schaufel voll Sand und ließ ihn über die Füße des Mannes rieseln. Bald
bedeckte eine warme Sandschicht die Füße und Beine des Mannes. Der Mann öffnete
blinzelnd die Augen und murmelte müde: „Na, willst du mich eingraben?“
Das Kind nickte
ernst und hielt dem Mann wortlos seine Saftflasche hin. Durstig griff er danach
und trank die Flasche leer.
Das Kind fuhr fort
Sand auf den Mann zu häufen, der schloß wieder die Augen und war kurz darauf,
leise schnarchend, fest eingeschlafen.
Langsam, ganz
langsam und behutsam arbeitete das Kind sich am Körper des Mannes aufwärts.
Die Frau erwachte,
ihr war kalt. Die Sonne hatte sich hinter einer dicken Wolke versteckt. Sie
setzte sich auf, hielt nach ihrem Kind und dem Mann Ausschau.
Das Kind hockte
auf einem flachen Hügel aus gelbem, warmen Sand und summte vor sich hin. Den
Mann entdeckte die Frau nicht.
Sie fragte:
„Hast du ihn gesehen?“ Das Kind schüttelte summend den Kopf.
Die Frau sah sich
suchend um. „Wahrscheinlich ist er schon ins Hotel gegangen. Komm pack deine
Sachen ein, wir machen uns auch auf den Weg.“ Lächelnd hielt das Kind Mamis
Hand und warf einen Blick zurück an den Strand, wo auf einem flachen Hügel aus
warmem Sand Möwen hockten.
Es nickte und
schaute nach vorn, dem Hotel entgegen.
Woher
kommen die schönen Träume?
Mama und Papa gehen aus.
Darum übernachtet Simon heute bei Tante Gabi. Aber er kann nicht einschlafen.
Hier ist alles anders als zu Hause. Die Bettwäsche riecht so komisch. Und das
Nachtlicht steht auf der falschen Seite. Außerdem hat sich ein Nachtfalter in
das Zimmer verirrt. Er findet nicht mehr unter dem Schirm der Nachttischlampe
heraus. Aufgeregt flattert er herum.
tock-tock-tock klopfen seine Flügel gegen den Lampenschirm.
„Tante Gabi!” ruft Simon laut.
Gerne würde er das Fenster öffnen. Vielleicht fliegt der Falter dann hinaus.
Aber wer wird sich durch das offene Fenster hereinschleichen?
Simon weiß Bescheid!
Rudi, der auch in seinen Kindergarten geht, hat es ihm erzählt. Durch offene
Kinderzimmerfenster kommen manchmal Baumgeister hereingeflogen. Sie schnappen
sich die Kinder und, hast-du-nicht-gesehen, fliegen sie mit ihnen davon.
Am nächsten Morgen erinnern sich die Kinder an einen bösen Traum. In dem
wimmelt es nur so von Gespenstern.
Rudis Mama sagt, Rudi hat nur geträumt.
Aber vielleicht ist an der Geschichte etwas Wahres dran.
Simon zieht sich die Decke über den Kopf. Er will das Tock-tock-tock nicht mehr
hören. Aber das hilft nicht.
„Tante Gabi!” Simon ruft noch lauter.
Warum kommt sie nicht?
Er traut sich nicht aufzustehen. Vielleicht sehen ihn die Baumgeister. Dann
schlagen sie das Fenster entzwei und holen ihn!
Endlich kommt Mamas Schwester. Sie setzt sich auf die Bettkante und streicht ihm
über den Kopf. „Was ist denn los, Simon?”
Das tut gut! Simon fühlt sich etwas besser. Er erzählt Tante Gabi die Sache
mit dem Falter und den Baumgeistern.
Seine Tante fängt den Falter behutsam ein. Dann öffnet sie das Fenster und lässt
ihn hinaus. Sie lächelt Simon an: „Du musst keine Angst haben, Simon. Dieser
Nachtfalter ist in Wirklichkeit eine Traumelfe. Hast du noch nichts von
Traumelfen gehört?”
Simon schüttelt den Kopf: „Nein, was ist das?”
„Früher gab es viele Baumgeister, das stimmt. Heute können sie den Kindern
nichts mehr tun. Darauf passen Traumelfen auf, die ebenfalls in Bäumen wohnen.
Ganz am Ende der Zweige in winzigen Nestern. Zufällig auch in dem Baum vor
diesem Fenster.“
„Und bei mir zu Hause?” „Aber sicher! Schließlich bin ich dort
aufgewachsen. Deine Mama ist ja meine Schwester. Niemals konnten uns die
Baumgeister etwas zu leide tun.”
„Ich hab dort aber keine Nester gesehen”, sagt Simon.
„Natürlich nicht, weil sie so klein sind.”
„Was machen die Traumelfen?” Simon
kuschelt sich an Tante Gabi und schließt die Augen.
„Die Traumelfen sehen, wenn Baumgeister einem Kind etwas Böses tun wollen.
Rasch verwandeln sie sich in einen Nachtfalter und umschwirren die gemeinen
Kobolde, bis denen schwindlig wird. Sie kitzeln sie mit ihren weichen Flügeln.
Die Geister kugeln sich vor Lachen und fallen vom Baum. Mit einem dicken Plumps
landen sie auf dem Boden.
Sie müssen sich nun ein anderes Zuhause
suchen. Weil eine Traumelfe sie berührt hat, vergessen sie, dass sie fliegen können.
Mit ihren kurzen Ärmchen und Beinchen sind sie schlechte Kletterer. Sie kommen
nicht mehr den Baum hinauf. Die Kinder sind außer Gefahr.
Die meisten Baumgeister leben heute in Büschen.
Im Sommer kann man sie manchmal sehen. Sie irren mit kleinen Laternen in der
Hand umher.”
„Glühwürmchen”, murmelt Simon müde.
„Ja, so sagen wir dazu. Du weißt nun, es sind Baumgeister, die ein neues
Zuhause suchen.
Manchmal kommen Traumelfen durch offene
Kinderzimmerfenster. Sie streuen eine Hand voll Elfenstaub über das Kind. Es
reibt sich die Augen und wird sehr müde. In der Nacht hat es dann einen
wunderschönen Traum.
Denk daran, wenn du wieder einen Nachtfalter im Zimmer siehst. Es könnte eine
Traumelfe sein. Sie wird dir einen Traum schenken. Ich glaube, bei dir war sie
schon, nicht wahr?”
Simon reibt sich die Augen und nickt. Er
kuschelt sich unter die Decke. Sie riecht gar nicht mehr fremd.
„Welchen schönen Traum hat mir die Traumelfe wohl geschenkt?” denkt Simon.
Dann schläft er ein.