Kurzvita

Agnieszka Rzadca

*1981 in Warschau/Polen, lebt und arbeitet in Berlin

Stationen u. a.: 2004-05 Studium in Warschau. Z. Zt. Studium Polonistik, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft in Berlin. Zusammenarbeit mit der polnisch-tschechisch-deutschen Zeitschrift Ziemia Klodzka  Od Kladskeho pomezi Glatzer Bergland“ (Neurode)

Arbeitsgebiete: Gedicht, Essay, Erzählung, Roman, Übersetzung

Auszeichnungen/Ehrungen/Preise (Auswahl): -
- Mitglied in der Gruppe im DK “Zacisze“ (Haus der Kultur), Warschau.

Veröffentlichungen (Auswahl): Im Bulletin der literarischen Gruppe im DK “Zacisze“ (Warschau). Auf www.barteczka.net. Auf www.bemowa.pl. In der Zeitschrift „Autograf“ Nr. 4 (92) (Danzig). Most między krajami/Brücke zwischen den Ländern, Essay, „Dt.- pl. Poesieprojekt mit Zbigniew Barteczka für Internetzeitschrift: www.HISTMAG.org. Auf www.Lyrikwelt.de.

Alice Sommer

Das Prager Klima 
half ihr.

Sie spielte in ihrem Zimmer
wunderschön Klavier.

Doch das Schicksal
meinte es nicht immer
gut mit ihr.

Ihr Mann wurde geholt.
Sie zog dann
mit ihrem kleinen Sohn um.
Er bekam hohes Fieber.

Als es ihm etwas besser ging,
spielte Alice Sommer für alle
geschwächten Menschen.
Die Musik kräftigte 
ihre jüdischen Herzen,
es war ein Hoffnungsschimmer.

So viele Menschen ließ sie zurück.
Danach kam sie auch nicht
in den Prager Straßen zu sich.
Sie musste doch irgendwie 
alles verarbeiten, 
aber da gab es nichts zum Verstehen.

An einem Nachmittag hörte sie
beim Spazieren die Etüden 
von Frédéric Chopin.
Erneut änderte sich ihr Leben.

Sie studierte die Musikstücke
des polnischen Komponisten
und sah wieder das Strahlen 
in den Augen ihres Sohnes.

Sie hatte noch viele schöne Momente,
aber auch große Trauer,
doch das Schutzschild der Melodie
verließ sie seitdem nie.

(c) Agnieszka Rzadca

Er

Er ging immer die Straße entlang.
Wer ist er?
Wohin möchte er ohne Socken
in den schwarzen Lederschuhen
bei  - 15° C gehen?
Weshalb hat er nur einen 
altmodischen, dunklen Anzug an?
Ist ihm nicht kalt?

Er ist gut aussehend,
hat blaue Augen und blondes Haar,
das sich bei dem eiskalten Wind legt.
Er ist schlank und groß.

Immer schaut er beim Gehen
selbstbewusst in die Ferne
oder zählt die Sandkörner
auf dem spiegelglatten Asphalt.

Wohin läuft er bloß?
Läuft er überhaupt  noch !?

Ich habe ihn  
vor einem Jahr in der Altstadt 
an der Weichsel gesehen.

Im Sommer war er nicht mehr dort. 

(c) Agnieszka Rzadca

Eine Mischung

 

Treppe rauf,

Treppe runter,

zwischendurch

ein Karussell.

Rausgeschleudert

wird man in die eine

oder in die andere Richtung.

 

Das ist eine Mischung !

 

Manchmal fehlt aber eine Erfrischung.

Der Weg zieht sich hin,

man weiß nicht wohin,

vieles ergibt keinen Sinn.

Und doch muss man weitergehen,

seine Linie sehen.

 

Das ist die Magie,

eine Lebensphilosophie.

(c) Agnieszka Rzadca

Im Zirkus "Kuss"

kann man sehen
wie der Clown
den Begrüßungskuss
und den Abschiedskuss
gleichzeitig ins Publikum
stumm
pustet.

Das Publikum 
ist in Hochstimmung.

Der Clown
ist aber down,
weil ihn 
nach dem Pusten
ein Husten
im Wagen überfällt.

Dort ist nichts gestellt.

Das Abschminken 
vor dem Spiegel
gleicht dem Versinken
und droht dem Ertrinken
beim Trinken.

(c) Agnieszka Rzadca

Mama sagt ...

   

Mama sagt,

dass ich so bin

wie ich bin,

weil ich

einen schönen Garten habe,

in dem verschiedene Pflanzen

und viele Kleintiere sind.

 

Ich sage aber,

dass ich so bin

wie ich bin,

weil ich

solch eine schöne Mama habe,

die für mich immer da ist

und mich nicht der Worte wegen

Mal mehr oder Mal weniger mag. 

 (c) Agnieszka Rzadca

Wie ein Germanistikstudent

Du stiegst Tiergarten ein
und sagtest dein' Text:
 "Ich grüße Sie herzlich
meine Damen und Herren!
Bestimmt bin ich heute
nicht der Erste
und der Letzte,
der Ihnen eine
Straßenzeitung anbietet
und Sie gleichzeitig
um Ihr Verständnis bittet.
Das gute Stück trägt etwas bei;
es hält mich am Leben,
auch ohne Segen."
Dann sagtest Du:
"Ich wünsche Ihnen
noch einen schönen Tag
und eine angenehme Weiterfahrt."
Danach hast Du
noch einige Zeitungen verkauft
und stiegst am ZOO aus,
wo ich erst einmal
tief Luft holen musste,
da Du wie ein Student aussahst
und ich jetzt zur Uni eile
für eine Weile
voller Gedanken
ohne die der ständigen 
Sorgen ums Leben,
das Menschen
einfach und vielfach
aus der Bahn wirft
und das sogar
in der S- Bahn.    

 (c) Agnieszka Rzadca

Dialog                                                     Für meinen Vater, Detlef Dehnert                   

 

Hallo, Frau Helena!

Ja, guten Tag, Sie sind ja wiedergekommen !

Das habe ich Ihnen doch versprochen.

Es kommt doch so selten jemand vorbei.

Nun bin ich ja da, wollen wir uns etwas unterhalten ?

Ja.

Wie geht es Ihnen denn heute ?

Ich hatte schon bessere Tage.

Warum, was ist denn passiert ?

Meine Mutti ist gestern gestorben.

Aber Ihre Mutter ist schon vor 25 Jahren gestorben.

Nein, gestern bei den Proben wurde ich angerufen.

Wo waren Sie gestern ?

Beim Tanzunterricht natürlich.

Sie können doch gar nicht mehr laufen.

Nein, das stimmt nicht, nur wenn schlechtes Wetter ist.

Ja, deswegen sind Sie doch hier.

Junge Dame, möchten Sie Kaffee trinken ?

Sehr gerne, Frau Helena.

Moment es klingelt. Ja, hallo, hallo, wer ist denn da ?

Hi, hi.

Warum lachen Sie denn ?

Fr. Helena, Sie halten eine Fernbedienung in der Hand.

Ach so, habe ich gar nicht gemerkt. Gießen Sie uns doch bitte Kaffee ein.

Mache ich.

Ach schade, dass ich nicht mehr tanzen kann.

Mhm.

Wissen Sie, nur auf der Bühne war ich wirklich ich.

Ja.

Da blühte ich auf. Das Feuer meiner Leidenschaft brannte.

Sie sind doch jetzt auch hübsch, Sie achten auf  Ihr Aussehen.

Mädchen, ich bin alt. Im Rollstuhl sitze ich nur noch meine Zeit ab.

Ja, aber sie singen doch immer noch so schön.

Früher da war meine ganze Familie bei und all die anderen Leute.

Und jetzt nicht mehr ?

Jetzt, jetzt starre ich graue Wände an, die kommen nur zu den Festen !

Wer sind die ?

Na die, die mich hierher gebracht haben und mich allein gelassen haben.

Ich bin nun da und Ihr Sohn muss arbeiten.

Muss er denn tags und nachts arbeiten ? Seine alte Mutter ist für ihn wohl Luft.

Soll ich den Kuchen schneiden ?

Machen Sie, was Sie wollen; meine Eltern sind gestorben und keiner hilft mir.

Weinen Sie doch nicht, nun sind wir zu zweit.

Ach Mädchen, ich habe gar kein Geld. Wie soll ich das alles bezahlen ?

Sie brauchen nichts zu bezahlen, Ihr Sohn regelt alles.

Ich habe einen Sohn ?

Ja, schauen sie sich das Photo an.

A ja, so ein kleiner süßer Junge mit blondem Haar.

Möchten Sie jetzt den Kuchen essen ?

Ja.

Ihr Mann war doch auch Tänzer, nicht wahr ?

Ja, er war der Leiter der Ballettschule und er war auch Lehrer.

Hier ein Stück Kuchen für Sie.

Danke! Aber der Tee schmeckt nicht.

Fr. Helena, das ist ein Kaffee, Sie wollten doch Kaffee.

Schauen Sie, die da guckt uns komisch an, die will doch bestimmt etwas.

Fr. Lotte wohnt mit Ihnen zusammen im Zimmer.

Hören Sie Mal, sie horcht uns aus, die will uns doch alles klauen.

Nein, Fr. Helena, die Frau liegt nur noch im Bett.

Aber Fräulein, wer weiß, wo sie sich nachts herumgetrieben hat.

Sie ist nicht aus Ihrer Tanzschule.

Das ist doch egal, alle Mädchen müssen über Nacht zu Hause sein.

Schmeckt Ihnen denn der Kuchen ?

Das geht Sie gar nichts an. Raus hier, Sie wollen ja bloß meinen Mann !

Danke für das Gespräch, bis zum nächsten Mal, Fr. Helena.

Ja, aber kommen Sie bald. Ich bin doch …

 

Agnieszka Rzadca

 

 

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