Walter Kiesenhofer

KURZVITA:

Walter Kiesenhofer, geb. 11.11.1947 in Oberösterreich.
Ich bin ein literaririscher Dilettant, dem sich die Gelegenheit der Herausgabe eines eigenen Buches noch nie (mühelos) bot, der sich aber freut, in Anthologien aufgenommen zu werden, welche ein gutes Niveau besitzen. Insgesamt 30 Veröffentlichungen bisher.
Interessen: Alles was diesen Planeten und dessen kosmischen Umkreis betrifft. Ausnahme: Gewalt und Bombenstimmung – egal aus welcher Ecke.
Beruf: Zuletzt Leiter des Passamtes Linz/Donau. Frühpension nach Dialysepflicht. Besonderheit: Ich lebe seit Sept. 1999 mit einer Niere, welche mir meine Frau spendete!

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War das Wunder nur geträumt?

Modernes Wintermärchen von Walter Kiesenhofer

In der Stadt, in der ich seit dreißig Jahren lebe, werden jährlich im Dezember zwei Weihnachtsmärkte abgehalten: einer im Volksgarten und einer auf dem geräumigen Hauptplatz. Den Christkindlmarkt auf dem Hauptplatz meide ich, seit es dort bereits in der Dämmerung intensiv nach Punsch riecht und die lautstarke „Fröhlichkeit“ der Angeheiterten alle feinen Stimmungen unterdrückt.
Gestern zog es mich aus unerklärlichen Gründen dennoch zum Hauptplatz. Vielleicht, weil ich mich wegen einer unerwarteten gesundheitlichen Verschlechterung traurig fühlte, oder wegen der Meinungsverschiedenheit, die ich am Vortag mit einem geliebten Menschen gehabt hatte. Dergleichen kommt überaus selten vor und schmerzt daher besonders. Ich weiß es nicht genau, warum ich gerade die glitzernde Welt der Buden aufsuchte. Eigentlich war das unlogisch und paßte gar nicht zusammen!

Es war am frühen Nachmittag, die Sonne schien freundlich vom blauen Himmel. Weit und breit kein Schnee. Nur wenige Menschen schlenderten an den Buden vorbei oder verkosteten hier und dort eine Kleinigkeit. Ich bewunderte gerade kleine Kunstwerke aus buntem Glas an einem der Stände, als mich ein kleiner Knabe am Jackenärmel zog. „Du – möchtest du etwas ganz ganz Schönes sehen?“ Der junge Dreikäsehoch, etwa sieben oder acht Jahre alt, war etwas altertümlich, aber nicht ärmlich gekleidet und sah mit leuchtenden Augen zu mir hoch. Ich war nicht wenig überrascht, denn ich kannte diesen Knaben überhaupt nicht. Meine Antwort fiel daher zwar freundlich, aber nicht sonderlich intelligent aus; eher nichtssagend und ausweichend. Es mag sich wohl wie ein unverständliches Brummen angehört haben. „Möchtest du das Christkind sehen?“, setzte der Kleine erwartungsvoll hinzu und zupfte mich ein zweites Mal am Jackenärmel.

„Das Christkind, junger Mann, das kann ich hier fast in jeder Bude sehen; aus Holz, aus Ton, aus Glas, in jeder Größe ...“ Er ließ nicht locker. „Nein, nicht diese Christkinder – ich meine das echte, das wirkliche Christkind. Willst du es sehen?“ Ich beugte mich zu ihm hinunter und sah nun sein rosiges, rundes Gesicht direkt vor mir. Es glühte vor innerer Erregung, seine braunen Augen sahen mich unverwandt an. Wir standen uns Auge in Auge gegenüber. Ein bezauberndes Gefühl ergriff von mir Besitz. Vielleicht ein erstes wirkliches Weihnachtsgefühl.

„Wer bist du?“, fragte ich zurück. „Ich bin der Weihnachtsknabe. Das ist nichts Besonderes. Ich bin überall dort zu finden, wo man an Weihnachten denkt. Ich zeige Menschen, die traurig sind, das Christkind.“ Punktum. Da guckte ich nun schön belämmert aus meiner warmen Jacke; ich war vor dem kleinen Mann in die Knie gegangen, unsere Augen guckten auf gleicher Höhe. Er strahlte mich an. Wie konnte er wissen, daß ich heute traurig gestimmt war? „Oh, du bist doch der Kiesenhofer Walter, der eine kleine Zeitung für eine Selbsthilfegruppe macht, du hast deine Niere von deiner Frau geschenkt bekommen – du suchst nach einer neuen Weihnachtsgeschichte ... und du bist traurig!“
Einen langen Moment lang verschlug es mir die Sprache. „Woher kennst du mich, kleiner Junge, und wieso weißt du ...“ Er ließ mich nicht ausreden. „Stimmt das, oder stimmt das nicht?“ Ich bejahte, wandte jedoch ein, daß ich die Weihnachtsgeschichte für dieses Jahr bereits geschrieben hätte und eigentlich keine neue brauchte. „Oh, man braucht immer eine Weihnachtsgeschichte, aber nun komm, wir gehen zum Christkind!“

Der Knabe nahm mich an der Hand. Ich stand auf und wir marschierten durch die Gasse mit den bunten Buden. Am Stand, wo ein großer schwarzer Ofen mit altertümlichen Verzierungen den wunderbar kräftigen Duft gebratener Kartoffeln verbreitete, hielt ich an. Ich bot ihm eine der in Stanniol gewickelten Prachtexemplare an, die ein freundlicher älterer Mann dort stückweise produzierte. Wir bekamen jeder eine, unserer Größe entsprechend. Der Kartoffelmann schnitt die runden Dinger in der silbrig schimmernden Folie vor unseren Augen auf und strich gewürzte Butter und Schnittlauchsoße in die dampfende Schnittstelle. Guten Appetit wünschte er uns, als wir sie entgegennahmen, um uns damit an einen der wenigen kleinen Tische vor dem Stand niederzulassen. Wir hielten die gebratenen Kartoffel an die Nase; er an seine kleine – ich an meine große.
„Mmhh, wie das duftet“, riefen wir beinahe unisono. Sie waren sehr heiß, daher beließen wir es vorerst beim Riechen und nahmen nur von der kühlen Soße. Dann erst schabten wir mit dem kleinen Kunststofflöffel erste Kostproben aus dem goldigen Inneren. „Köstlich!“ Wieder hatten wir es gemeinsam gesagt. Ich mußte schmunzeln. Das erste Mal, daß ich heute schmunzelte. Ein früherer Kollege ging vorbei. „Na, wie schmeckt’s?“ Wir wiederholten unser Qualitätsurteil und löffelten vorsichtig weiter.

„Wie alt bist du denn, und darfst du denn so alleine in der Stadt herumgehen?“, fragte ich nach einer kleinen Weile. Mein Bekannter hatte sicher gedacht, ich säße hier mit meinem Enkelsohn. Aber der Kleine an meiner Seite war ja ganz allein! Das kam mir bei diesem Gedanken erst so richtig zum Bewußtsein. Er schien es auch nicht eilig zu haben, zu Mutter oder Vater zurückzukommen. „Ich bin nie ohne Mutter und Vater. Mach dir keine Sorgen um mich, ich bin auch nicht zu klein, ganz gewiß nicht.“ – „Und du zeigst traurigen Menschen das Christkind, nicht wahr!“, unterbrach ich ihn und schabte ein besonders großes Stück aus meiner Kartoffel. Seine Kleidung war altmodisch, fast einem der Bilderbücher meiner eigenen Kindheit entlehnt. Ich selbst hätte diese Kniehose und die graue Jacke mit dem groben Schal als Kind tragen können, ebenso die Mütze. Oder hatte ich vielleicht tatsächlich einmal genauso ausgesehen? Mir wurde seltsam zu Mute. Was war das nur für ein Kind, mit dem ich Kartoffel löffelte und sprach, als würden wir uns seit Jahren kennen.
„Magst du eine heiße Limonade?“, fragte ich, statt weiter in ihn zu dringen. Er nahm gern an. Offenbar hatte er Durst gehabt, denn er trank den halben Becher auf einen Zug aus. Dann wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund. Seine Augen sahen mich treuherzig an. „Bist du immer noch traurig, Walter?“ Nein, ich war es nicht mehr. Keine Spur. Ich saß hier mit einem kleinen Jungen, den ich noch nie gesehen hatte, aß mit ihm eine Kartoffel, trank mit ihm Limonade und fühlte mich rundum wohl. Pudelwohl sogar!

Ich glaube, ich habe sogar zu lachen begonnen, als mir das Merkwürdige an der Situation mit einem Mal zu Bewußtsein kam. Er lachte mit; es war ein wundervolles helles Kinderlachen. So ungefähr mußte sich Weihnachten angefühlt haben als Kind, als man noch an das Christkind glaubte. Ich habe es übrigens sogar einmal gesehen, ganz flüchtig. Es sah aus wie ein weißer Engel mit Lichtern und flog gerade um die Ecke unseres Elternhauses.
Mir fiel wieder das Christkind ein, das er mir zu zeigen versprochen hatte. Das wirkliche, wahrhaftige Christkind. Ich fragte ihn danach. „Du mußt noch etwas Geduld haben, mein Freund,“ erwiderte er fröhlich und spitzbübisch. „Erst müssen wir unsere Kartoffel aufessen. Erinnerst du dich an deine Mutter; sie sagte immer: erst aufessen und dann alles andere!“ Ja, das war richtig, ich war sehr ordentlich erzogen worden. Wir aßen schweigend zu Ende. Jeder schabte die weiche gelbe Kartoffelmasse mit dem Löffelchen sorgfältig von der hartgebratenen Schale. „So, nun putz auch die kleinen Reste von deiner Folie.“ Ich tat, wie mir geheißen. „Jetzt streich’ sie ganz glatt!“ Ich strich sie glatt, der Knabe half mit seinen kleinen Händen dabei. Dann sagte er ganz langsam „Und nun stütze dein Gesicht in deine Hände, schließ deine Augen ganz fest und öffne sie erst wieder, wenn die Gedanken in dir drinnen ebenso glatt und ruhig geworden sind.“

Ich erwiderte nichts, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und vergrub mein Gesicht in die Hände. Auch der Knabe schwieg. Viele Gedanken zogen durch meinen Geist. Vor allem waren es Fragen. Aber auch die Traurigkeit von vorhin meldete sich wieder. Einen Moment war mir sogar, als müßte ich weinen. Aber das ging rasch vorbei, die Gedanken beruhigten sich. Es war alles wie es war. Es gab Wunder. Was ich nun wohl sehen würde, wenn ich die Augen öffnete? Vielleicht zeigte er mir ein Spielzeug, auf das er stolz war; ein kleine Krippe etwa, die man aufziehen konnte und die Stille Nacht spielte ...

„Jetzt“, sagte mein kleiner Begleiter leise und zupfte mich wieder leicht am Jackenärmel, so daß ich die Hände vom Gesicht wegnahm. Ich öffnete die Augen noch nicht gleich, nahm durch die Lider lediglich die Helle wahr, die ohne die Hände vor den Augen fühlbar war. Dann macht sie sie langsam und sacht auf.
Vor mir lag die große schimmernde Folie. Auf ihr war eine Krippe aufgebaut, mit Maria, Josef, den Tieren – ein vertrautes Bild zu dieser Zeit. Nichts Außergewöhnliches. Oder doch? Das Kind strampelte ja mit seinen Beinchen! Ich sah genauer hin. Und lachte es nicht ganz leise? Maria strich ihm über den Scheitel. Josef stand auf und ging zu den Tieren, um sie zu füttern. Mit einem Mal war die Szene groß und lebendig geworden. Selbst der Duft eines Stalles und des frischen Futters für die Tiere stieg mir in die Nase. Ein Wunder! Und doch war alles ganz selbstverständlich. Tiefer Frieden, tiefe Freude erfüllten mich. Ob ich das Jesuskind wohl streicheln durfte? Maria nickte mir freundlich zu. Ich sah das Kind in der Krippe nun aus der Nähe. Es hatte dieselben braunen Augen und dasselbe Lachen im Gesicht wie der Knabe, der mich heute am Weihnachtsmarkt angesprochen hatte.
Ich hätte das Christkind tatsächlich gestreichelt, wenn mich nicht von hinten unvermittelt eine Stimme angesprochen hätte: „Na, wo ist denn dein Kleiner? Ist ihm wohl zu langweilig geworden, wenn du hier am hellichten Tag träumst! Komm, suchen wir ihn gemeinsam, wir werden ihn schon finden!“ Ich blickte auf und fand mich vor dem Kartoffelofen auf dem Weihnachtsmarkt wieder. Tatsächlich war von meinem jungen Begleiter keine Spur mehr zu erblicken. Irgendwie verwunderte mich dies jedoch nicht. „Ja“, antwortete ich meinem Freund, der mich vorhin flüchtig gegrüßt hatte und nun zurückgekommen war, „ich weiß, wo er ist. Ich habe ihn gefunden. Ich habe ihn wirklich gefunden!“

Mein alter Freund schüttelte den Kopf, klopfte mir auf die Schulter und zog mich von der Bude mit den köstlichen Kartoffeln weg. Er meinte es gut mit mir. Vielleicht bin ich ihm früher schon so manches Mal etwas sonderbar erschienen. Ich dankte ihm sehr höflich für sein Anerbieten und machte mich auf den Heimweg. Meine Schritte waren nun viel leichter als zuvor. Geradezu leichtfüßig ging ich auf die Brücke zu. Und so wie in meiner Kindheit hüpfte ich sogar einige Male ein wenig beim Gehen. Alle Traurigkeit war verflogen.

© Walter Kiesenhofer


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