Sandy Green

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Kurzvita

Absolventin des Fernstudiums „Literarisches Schreiben“ (Cornelia Goethe Akademie) und der Schule des Schreibens (Hamburger Akademie f. Fernstudien). Sie ist Mitglied in der I.G.d.A (Interessengemeinschaft deutschsprachiger Autoren), im Literarischen Zentrum Rhein-Neckar e.V. „Die Räuber 77“, in einigen Internetforen sowie im Webring Lyrik und im Weblog Lyrik.

Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien, Literaturzeitschriften und Internet-Foren in Deutschland und Österreich, mehrere Auftritte im Rundfunk. Lyrikband „Im Milchglas-Spiegel“ und Erzählband „La Casa“ erschienen 2004. Herausgeberin der Anthologien „Nicht ohne Konsequenzen“ 2005 und „Auf Feuerflügeln“ 2006. Produktion der des musikalisch inszenierten Märchens „Der König und die Ruhe“ gelesen von der Autorin, Musik: Martin Gerke, Köln. Herausgabe des eBook „Mordcocktail“.

Lesungen deutschlandweit.



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Martha und Martha

Martha Birnbeißer war zufrieden. Seit ihr Gustav vor Jahren „vorausgegangen“ war, lebte sie in einer zwei Zimmer Wohnung mit Balkon. Es waren kleine Zimmer, die Miete war günstig und mit ihrer Rente kam sie gut über die Runden. Jeden Tag wischte sie Staub, alle zwei Tage ging sie mit dem Staubsauger durch die Wohnung und am Samstag putzte sie alle Fenster. Davon ließ sie sich weder von Rheuma und Arthrose noch von irgendetwas anderem abbringen. In ihrem Alter brauchte man seine Ordnung.

So vergingen die Tage, einer wie der andere, still und friedlich. Bis zu dem Tag, als sie erfuhr, dass in das Nachbarhaus eine Familie aus Rumänien einziehen würde. Mit bangem Erwarten sah sie dem Monatsanfang entgegen, an dem es soweit sein sollte. Rumänische Familien hatten doch immer so viele Kinder. Sicher gab es dann ständig Geschrei und Gezanke im Nachbargarten. Und bestimmt konnten die alle noch kein Wort Deutsch. Wie sollte man sich denn da verständigen, wenn mal was sein sollte? Martha Birnbeißers Gedanken kreisten nun beständig um ihre zukünftigen Nachbarn und da sie niemanden hatte, mit dem sie über ihre Sorgen sprechen konnte, erzählte sie ihrem Gustav davon, wenn sie ihn auf dem Friedhof besuchen ging.

Schließlich war es soweit. Zuerst fuhr ein Umzugswagen vor das Nachbarhaus. Dem folgte ein vollgeladener Kombi. Da waren sie also, die neuen Nachbarn. Von ihrem Balkon aus beobachtete Martha, wie sie alle aus dem Auto kletterten – Mutter, Vater und eins, zwei, drei Kinder, der Älteste hatte ein Baby auf dem Arm. Hatte sie es doch gewusst! Den ganzen Tag schaffte die Familie Kartons und Tüten in das Häuschen, schleppte Möbelteile, Fernsehgerät und Waschmaschine. Die Kinder riefen durcheinander, die Eltern mahnten, geboten und schimpften. Aber das konnte Martha Birnbeißer nur am Tonfall erkennen. Denn, wie sie erwartet hatte, sprachen sie kein Wort Deutsch.

Die Tage vergingen. Während im Nachbarhaus tapeziert und gestrichen wurde, folgte Marthas Leben weiter seinen geordneten Bahnen. Die Fenster des Nachbarhauses bekamen Gardinen, auf den Fensterbänken standen eines Tages bunte Kübel mit Grünpflanzen. Es wurde wärmer. Immer öfter konnte Martha die Frau im Garten beobachten. Bald wuchsen Gemüsepflanzen und farbenfrohe Blumen in hübsch angelegten Beeten. Auf dem Rasen spielten die Kinder. Glücklicherweise verhielten sie sich einigermaßen ruhig und störten den Frieden der alten Dame nicht. Der Sommer kam und Martha, die die Wärme liebte, weil diese ihre Schmerzen linderte, verbrachte ihre freie Zeit auf dem Balkon. Von da aus hatte sie eine gute Aussicht über die Dächer der Vorortsiedlung und einen direkten Blick in den Garten ihrer Nachbarn. Die hatten auf dem Rasen fünf Liegestühle aufgestellt. Jeden Abend, wenn Blumen und Gemüse gegossen waren, versammelte sich die komplette Familie im Garten, jeder auf seinem Liegestuhl, und schwatzten miteinander. Wenn es anfing zu dämmern, zogen sie sich dann ins Haus zurück. Vermutlich mussten die Kinder ins Bett, dachte sich Martha, erhob sich ebenfalls, um ihre lustigen Musikanten im Fernsehen anzuschauen. Am nächsten Abend saß sie wieder auf dem Balkon bis die Nachbarfamilie ihre Liegestühle verließ. Diese feste Gewohnheit ihrer Nachbarn fügte sich so unmerklich in den Tagesablauf der alten Dame ein, dass sie es fast schon vermisste, wenn sich einmal ein kühler Regentag zwischen die Heiteren schob.
Eines Tages bemerkte Martha, dass beim abendlichen Zusammensein ein Liegestuhl leer blieb. Es war der Stuhl des ältesten Mädchens. Martha schätzte sie auf zehn Jahre. Auch am nächsten Tag blieb der Stuhl verlassen. Als die Kleine mehrere Tage wegblieb, begann die alte Dame, sich Gedanken zu machen. Sie konnte kaum den Abend abwarten, um zu sehen, ob das Mädchen wieder im Garten erschien. Doch der Liegestuhl blieb leer. Als aus den Tagen dann zwei Wochen wurden, erfasste die alte Dame eine immer stärker werdende Unruhe. Da auch ihr Gustav keine Antwort auf ihre Fragen wusste, reifte in Martha Birnbeißer schließlich der Entschluss, hinüberzugehen und nachzufragen.

Sie klingelte und musste nicht lange warten. Die Tür wurde geöffnet und die Mutter blickte die alte Dame aufmerksam an. „Mein Name ist Birnbeißer, ich bin Ihre Nachbarin.“ „Oh ja, ich weiß. Ich hab Sie schon gesehen. Sie sitzen auch gerne in der Sonne, so wie wir.“ „Sie sprechen aber gut Deutsch“, entfuhr es Martha. „Nun, wir sind schon lange in Deutschland. Nur, wenn wir unter uns sind, sprechen wir Rumänisch. Wir wollen unsere Muttersprache nicht verlernen. Verstehen sie?“
Die alte Dame brachte vor Verblüffung nur ein leichtes Nicken zustande. Unsicher wischte sie sich ein unsichtbares Staubkorn vom Ärmel ihrer Strickweste. Dann sah sie ihre Nachbarin an, die freundlich lächelte. Nach einem kurzen Zögern fasste sie sich ein Herz: „Seit zwei Wochen vermisse ich Ihre Tochter. Und nun wollte ich einmal nachfragen…“ Sie verstummte verlegen.
„Das ist nett von Ihnen, Frau Birnbeißer. Ja, unsere kleine Martha ist krank. Sie hat hohes Fieber und die Ärzte wissen keinen Rat. Sie ist eigentlich kerngesund. Vermutlich hat sie Heimweh. Sie wollte immer bei ihrer Großmutter bleiben.“
„Verstehe“, antwortete Martha. Ihre Stimme klang belegt. Von der Namensgleichheit seltsam berührt, fühlte sie, wie ihr Herz begann heftig zu pochen. Für einen kurzen Moment erschien das Gesicht ihrer Großmutter vor ihrem inneren Auge. Sie konnte die faltendurchfurchten Wangen deutlich sehen, die wachen grauen Augen, das verschmitzte Lächeln. Wie viel Zeit war seitdem vergangen!
Das Gesicht ihrer Großmutter verschwand so plötzlich, wie es gekommen war. Martha Birnbeißer blickte der jungen Frau in die dunklen Augen. Beherzt wagte sie einen Vorschlag: „Ich könnte der Kleinen vielleicht eine Geschichte erzählen. Das hat meine Großmutter immer getan, wenn ich krank war.“
Erstaunt lächelte die Mutter, bat die alte Dame herein und führte sie zum Zimmer des Mädchens.
Das kleine Köpfchen war fast vollständig in den dicken weichen Kissen versunken. Große fiebrig glänzende Augen schauten die alte Dame an. Martha versuchte es mit einem gewinnenden Lächeln. Das bleiche Mädchengesicht verriet keinerlei Regung. Weiterhin sahen die großen Augen der alten Dame entgegen.
„Hallo, ich heiße Martha. Genau wie Du. Ich wohne nebenan. Vielleicht hast Du mich schon gesehen. Möchtest Du, dass ich Dir eine Geschichte erzähle?“
Für einen kurzen Moment stahl sich ein Leuchten in die großen Augen des Mädchens. Dann nickte sie kaum merklich.

So setzte sich Martha an das Bett der kleinen Martha und erzählte ihr eine der Geschichten, die sie als Kind am liebsten gehört hatte. Am nächsten Tag kam sie wieder.
Bald schon ließ das Fieber nach und immer öfter war aus dem Kinderzimmer ein fröhliches Lachen zu hören. Nach jedem Besuch der alten Dame ging es dem Mädchen besser bis sie schließlich eines Tages wieder vollkommen gesund war.

Seitdem steht ein Liegestuhl mehr im Garten der rumänischen Familie. Martha Birnbeißer dagegen hat inzwischen festgestellt, dass ihre Wohnung auch ordentlich ist, wenn sie nur einmal in der Woche abstaubt und saugt. Und die Fenster, die sie vor fünf Wochen das letzte Mal geputzt hat, sehen eigentlich auch noch recht sauber aus.


© Sandy Green



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