Kurzvita

Margret Küllmar erlebte ihre Kindheit, ab 1950, auf einem Bauernhof in Nordhessen. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung in der Hauswirtschaft und wurde Lehrerin in einer Berufsschule. Dort arbeitet sie seit 30 Jahren. Ebenso lange ist sie mit ihrem Mann verheiratet. In ihrer Freizeit engagiert sie sich u.a. für die Belange ihrer dörflichen Gemeinschaft und schreibt Geschichten und Gedichte zu Themen, die ihr wichtig sind.


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Masum

Masum saß neben mir und kippelte, wie immer, mit seinem Stuhl herum, erklärte seinen Mitschülern Rigoberto aus dem Kongo und Mirza aus Pakistan die Zubereitung seines Lieblingsessens. Er diskutierte mit Mehmet aus der Türkei über die Rechte der Kurden, flirtete, quer durch das Klassenzimmer, mit Oxana aus Kasachstan und ich versuchte verzweifelt, ihm die Feinheiten der deutschen Sprache beizubringen.

Ja Masum hatte Gesprächsbedarf und viele Probleme in der Schule, mit seinen Mitschülern und mit sich. Aber das waren eigentlich nur Randerscheinungen. Sein größtes und wichtigstes Problem war die Suche nach einem Ausbildungsplatz. Er wollte Koch werden, denn Essen war sein Hobby.

Ich hatte mit der ganzen Klasse, fünfzehn Mädchen und Jungen aus acht Nationen, alle mit einem schwachen Hauptschulabschluss, ein Bewerbungstraining durchgeführt. Die ganze Palette: Lebenslauf, Anschreiben, Zeugnisse sammeln, Mappe zusammenstellen und das Vorstellungsgespräch.

Der Lebenslauf war für Masum ganz schwierig. Geboren war er ganz unten hinten in der Türkei, an der Grenze zum Irak, sagte er und hätte viel lieber Kurdistan geschrieben. Wann er nach Deutschland gekommen war, konnte er nicht so genau sagen, jedenfalls im Winter, er hatte sehr gefroren. Seine ersten Schulzeugnisse waren in der Türkei geblieben und die Noten der deutschen Zeugnisse hätten einen Eiskunstläufer sehr erfreut. Ebenso schlimm war es mit dem Anschreiben, aber daran war ich schuld, weil ich immer wieder was zu meckern hatte und haufenweise Fehler anstrich. Das war doch alles so unwichtig, er wollte doch kochen, da musste er doch nicht schreiben.

Was tat ich also, als fürsorgliche Lehrerin, ich schrieb ihm eine Bewerbung auf dem Computer. Auf diese Weise bekam er eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Mit einer weißen Jogginghose, Köche tragen schließlich weiße Berufskleidung, einen T-Shirt mit Tarnmuster und einer roten Baseballcape marschierte er dort hin. Er kam zehn Minuten später als vereinbart und war sehr erstaunt, dass sich der Chef darüber aufregte. Dieser hatte auch kein Verständnis dafür, dass er von Masum mit den Worten: „He Mann, hast du Lehrstelle für mich?“
begrüßt wurde. Das Gespräch war schnell und erfolglos beendet und Masum bitter enttäuscht. Meine Kritik an seinem Verhalten hielt er für Schikane. „Ihr Deutschen habt was gegen uns,“ warf er mir vor, Rigoberto, Mirza, Mehmet und Oxana waren der gleichen Meinung.

Ich ließ meine Beziehungen spielen und verschaffte Masum eine neues Vorstellungsgespräch in einer Kurklinik. Es verlief recht gut und der Küchenmeister dachte über eine Einstellung nach.

Und nun plötzlich meldete sich Masums Vater. Seine Mutter hatte nichts zu melden und ich auch nicht. Der Mann betrieb eine kleine Pflastererfirma, seine Brüder und Neffen arbeiteten alle dort und er wollte, dass Masum das auch tut. Für ihn war das so selbstverständlich, wie das Amen in der Kirche, beziehungsweise das Amin in der Moschee.

Masum will auf keinen Fall dort hin und es wird noch eine Weile dauern, bis ihn sein Vater überzeugt hat. Davon, dass er es irgendwann schafft, bin ich überzeugt.

Bis es soweit ist, wird Masum neben mir sitzen, mit dem Stuhl kippeln und mit Händen und Füßen reden, über alles mögliche, nur nicht mit mir über die Zeichensetzung bei wörtlicher Rede.


© Margret Küllmar



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