2. Platz Wettbewerb "Herbst" *Kurzgeschichte*: Angelika Winkler

Kurzbiographie

"Ich bin 48 Jahre alt, Sachbearbeiterin und schreibe in meiner Freizeit Gedichte und Geschichten, meist für meine Bekannten oder Enkel. Habe auch schon einmal einen Wettbewerb Gedichte gewonnen."

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Herbsttage

Es war unheimlich still hier. Ab und zu, hörte er in der Ferne das Krächzen eines Raben. Das erinnerte ihn an den Friedhof, auf dem seine Frau schon drei Jahre lag. Die Morgenkälte ließ die Finger klamm werden. Sie durchdrang den Mantel aus grauem Tuch, und klammerte sich an der scharfen Bügelfalte seiner Karohose fest.

Die Bank auf der er saß, war aus Holz, und brauchte eigentlich dringend einen Anstrich. Tautropfen hingen an den Zweigen der Bäume, die jetzt im ersten Morgenlicht, noch dunkel und unheimlich aussahen. Er sah auf seine Uhr. Gleich musste die alte Frau mit dem Schäferhund zwischen den Bäumen erscheinen. Er hörte das Schnattern der aufgeschreckten Enten am nahen Teich. Ja, da waren sie schon! Zwei Jogger, dick eingepackt mit Kapuzen, musterten ihn verwundert im Vorbeilaufen. Na ja, es war auch gerade sieben Uhr, an einem trüben Oktobermorgen. Ihn fröstelte. Aber was sonst, sollte er den ganzen Tag tun? Seit drei Wochen, war er nun jeden Morgen hierher gekommen. Früher saß er um diese Zeit am Schreitisch, und unterzeichnete Papiere. Frau Rothmeier brachte ihm den Morgenkaffee, und die Telefone klingelten ununterbrochen. Aber gut, das war vorbei! Er musste es begreifen. Er war zu alt! Natürlich, er hatte es gespürt, schon eine ganze Weile. Der junge Chef wollte eine neue Linie ins Geschäft bringen, da passte ein alter Mann von 65 Jahren nicht mehr dazu. Seine Sekretärin hatte ihm eine Flasche Rum zum Abschied geschenkt. Wollte sie, dass er jetzt zum Trinker würde? Seufzend nahm er seine Thermoskanne aus der schweinsledernen Aktentasche, die neben ihm stand. Ein Geschenk seiner Frau, kurz vor ihrem Tod. Damals, hatte ihn nur die Arbeit vergessen lassen. Überstunden, kein Problem! Was sollte er auch zu Hause machen. Die Wohnung war so ruhig ohne sie. Ihr Geplapper nach der Arbeit, wenn sie ihm die kleinen Dinge erzählte, die sie während des Tages erlebt hatte. Das liebevoll gemachte Essen. Die bereitgestellten Hausschuhe für ihn. All das fehlte ihm schrecklich! Und nun hatte er noch mehr Zeit. Jeden Tag 24 Stunden. Er blickte auf. Am Ende des Waldes, kam langsam ein Mann heraus. Er trug drei Aldi Tüten, und einen großen Rucksack auf dem Rücken. Unter den Arm geklemmt, hielt er eine große Pulle Rotwein. Sein Haar war lang und strähnig und seine Jacke, hatte auch schon bessere Tage gesehen. Laut singend, marschierte er Richtung See. Ja, eigentlich konnte er sich nicht beklagen. Im Gegensatz zu diesem Trippelbruder, hatte er ein warmes Zuhause, Geld auf der Bank, und könnte zufrieden in seinem Bett liegen. Nur, wahrscheinlich hatte dieser Landstreicher mehr Freunde als er, und der Tag verging bestimmt wie im Flug bei ihm. Freunde hatte er nie gebraucht. Er und seine Inge hatten sich. Leise schlürfte er an seinem Tee. Heute hatte er ein bisschen Rum dazugetan. Irgendwie schien ihm, als wäre eine Erkältung im Anzug. Kein Wunder – hier auf dieser kalten Bank stundenlang zu sitzen . Da musste man ja krank werden. Langsam wurde es heller. Er sah den ersten orangen Schein der Sonne, über den entfernten See spitzen. Die Tautropfen glitzerten wie Perlen auf den Gräsern.

Die Kälte war inzwischen seinen Rücken hinaufgekrochen. Er stellte seinen Teebecher neben sich, und erhob sich. Langsam machte er ein paar Kniebeugen, um warm zu werden.

Der Park war von einem gelben Licht eingehüllt, und die Vögel unterhielten sich leise zwitschernd. Krähen suchten auf dem lichten Rasen nach Abfällen. Mit dunklen Knopfaugen, starrten sie zu dem Mann im grauen Mantel. In der Ferne balgten sich zwei Hunde. Drei Frauen, in blauen Trainingsanzügen, gingen schnellen Schrittes mit Nordic -Walking Stöcken an ihm vorbei. Misstrauische Blicke streiften ihn. Die Gegend war so unsicher geworden. Er verstand das. Er holte die Tuberdose aus seiner Tasche. Sein Frühstück. Wie liebevoll seine Frau es immer gemacht hatte! Mit kleinen Gurken und Tomaten. Und einem kleinen Zettel dazwischen, auf dem stand, was er noch zum Abendessen mitbringen sollte. Lustlos, biss er in das viel zu dick geschnittene Schwarzbrot, mit einem Aufstrich aus Leberwurst. Frisch, war die auch nicht mehr. Ein leises Winseln ließ ihn innehalten. Nanu, was war das? Er spürte eine kalte Nase an seiner Hand. Dunkle Augen schauten ihn treuherzig an. Suchend sah er sich um. „Na mein Kleiner, wo ist dein Frauchen?“ Ein leiser Ton kam von dem kleinen zitternden Bündel, das sich da an seine Knie drückte. Ein Lächeln stahl sich über die Lippen des Mannes. Er nahm sein Brot, und streckte es dem Hund hin. „Da nimm, mir schmeckt es sowieso nicht.“ Schmunzelnd sah er zu, wie der Kleine das Brot mit einem lauten Schmatzen verschlang. Seine rosa Zunge, leckte immer wieder über seine Schnauze. Erwartungsvoll blickten die Augen des Hundes auf die Dose. Der Alte streichelte den Hund hinter den Ohren, und das Tier sah ihn vertrauensvoll an. Kein Halsband hinderte das weiche, zerzauste Fell des Hundes. Der Mann erhob sich , und verstaute Dose und Thermoskanne wieder in seiner Tasche. „Also mein Kleiner, machs gut.“

Seine Schritte führten ihn Richtung Friedhof. Ein Geräusch, schräg neben ihm, ließ ihn innehalten. Da saß es, das kleine Wollknäuel, und wackelte mit dem Stummelschwänzchen. Unsicher blieb er stehen. „Geh nach Hause, Kleiner!“ Er machte ein klatschendes Geräusch mit den Händen. Erwartungsvoll sah der Hund ihn an.

Und als er wieder weiterging, trappelte das dunkle Bündel tapfer neben ihm her. Er bemerkte, wie die alte Dame mit dem Schäferhund, ihn lächelnd grüßte. Schon wochenlang lief sie an ihm vorbei, ohne einen Blick. Sollte der Hund an ihrer Freundlichkeit schuld sein? Am Grab seiner Inge zündete er, wie jeden Tag, eine Kerze an und schloss die Augen. So, konnte er sie am besten hören. Sich mit ihr unterhalten. Er hörte in seinen Gedanken, wie sie lächelte und ihm sagte, dass alles gut werden würde. Als er den Friedhof wieder verließ, saß sein kleiner Freund brav vor dem Tor, und wedelte mit dem Schwanz. Irgendwie war ihm richtig warm um´s Herz. „Na, dann komm mein Kleiner, wir werden uns etwas fürs Mittagessen kaufen.“

Sein Schritt wurde ganz leicht und die beiden strebten dem Einkaufszentrum entgegen. „Vielleicht, ist Zeit zu haben, doch nicht so schlimm“, dachte er, und kickte mit Schwung eine leere Büchse von der Straße.

© Angelika Winkler

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