1. Platz Wettbewerb "Herbst" *Kurzgeschichte*: Thomas Bach S p ä t h e r b s t * * *
Es war ein frostiger, nebelgrauer Sonntagmorgen.
Ich erinnere mich noch gut daran. Ich hatte gerade mein Studium an der Kunsthochschule in Dresden, in der historisch bewegten Metropole Sachsens, der schönen Stadt an der Elbe begonnen.
Jung, zuversichtlich und zielstrebig, mit einer guten Portion Talent ausgestattet, wollte ich eines Tages ein großer Landschaftsmaler sein.
Mochten die Dozenten und Professoren die Richtung geben, wahrhaft blieb mir das Naturgeschaffene.
Die Natur sprach zu mir, ließ mich an ihrem Rhythmus teilhaben und zwang mich als ihr Werkzeug, bildnerisch zu gestalten.
Ich wurde eins mit ihr und wie im Rausch suchten meine Gefühle ihren Platz auf der Leinwand.
Dabei sind mir die Jahreszeiten bis heute Thema und Vision zugleich geblieben.
Eben dieser graue Sonntagmorgen, der eine letzte Herbstmelodie ankündigte, war auch mit dem Schicksal eines Menschen verbunden.
Form und Inhalt der Außenwelt waren tief in mein Herz eingedrungen. Unter großer nervlicher Anspannung stellte ich mich dem Thema meines Bildes:
Die gerade aufgehende Sonne fern am Horizont ist noch zu schwach, um ihre Strahlen bis zur nahe gelegenen Baumgruppe- unweit des Tales – senden zu können.
Die Bäume, ihrer bunten Pracht entledigt, nur mit Raureif bedeckt, wirken knorrig und einsam.
Schneidend weht der Wind über das freie, weite Feld.
Die noch vom Regen wassergefüllten Gräben am Wegesrand schließen auf ihrer Oberfläche die letzten verwelkten Blätter der Bäume mit einer zarten Eisschicht, die wie leicht zerbrechliches Glas wirkt, ein.
Die Blätter, starr und leblos, bizarr und fremd, türmen sich wie Eisschollen auf. Nur die feine, sichtbar gebliebene Äderung erinnert an das einstige Leben.
Als die Sonne höher steigt und ihre Wärme den Raureif verwandelt, so dass Stämme und Äste der einsamen Riesen feucht und nass werden, sehe ich Wassertropfen wie Tränen über die glitschig gewordene Rinde rollen. Die toten Blätter gleiten behäbig in die Horizontale und schwimmen jetzt frei wie kleine Schiffchen. In jenem Moment krächzt in der Ferne ein Rabe. Aufgeregt kommt der Schwarzrock mit noch müden Flügelschlägen quer über das Feld geflogen. Dieser offensichtlichen Anstrengung kleid, setzt er sich nieder und stolpert unbeholfen über die von der aufkommenden Wärme dampfenden Ackerschollen, zielstrebig zu den Wassergräben.
Er weiß wohl Bescheid hier, denn ich sehe ihn nicht zum ersten Mal so früh am Morgen sein tollkühnes „Muntermacherbad“ nehmen.
Mit letzten Pinselstrichen wurde an jenem Sonntagmorgen der „Abgesang des Herbstes“ fertig gestellt, so wie ich ihn hier geschildert habe und damit meine Trauer eingeleitet.
Dieses Bild war mein letztes Werk zu Lebzeiten meines Vaters, der damals nach langer schwerer, demütigender Krankheit Erlösung im Sterben fand.
Während der letzten Farbtupfer, die ich damals auf die Leinwand auftrug, hauchte er sein Leben aus.
Ich erfuhr es kurze Zeit später.
Mit diesem Werk aber begann gleichzeitig mein künstlersicher Weg, der mich in das Schaffen eines angesehenen Landschaftsmalers führte.
Der Herbst als Motiv sollte mich bis auf den heutigen Tag nie mehr ruhen lassen.
© Themo