Peter und der Drache Ledunklu

Im Königreich hinter den drei Meeren, sechs Bergen und neun Wäldern lebt der junge Bursche Peter. Schon nach dem ersten Hahnenschrei steht er seit zwei Monaten im Wald und fällt dicke Eichen für das königliche Schloss.
„Wozu braucht König Karl nur so viel Holz? Er baut kein Schiff und wir haben den herrlichsten Sommer“, murmelt er vor sich hin und schlägt mit der Axt kräftig zu.
„Die braucht er für ein unterirdisches Schloss“, ertönt plötzlich eine piepsig heisere Stimme hinter ihm. Peter dreht sich blitzschnell um, erschrickt aber nicht, da er kein Hasenfuß ist. Vor ihm steht ein hutzeliges Männlein mit grünem Hütchen, einem Wanderstab in der Hand und schaut ihn aus lustigen großen grünen Augen an.
„Wer bist du denn? Hab dich hier noch nie gesehen“, sagt Peter verwundert, stellt die Axt beiseite, setzt sich mit dem Rücken gegen eine Eiche ins weiche Moos und macht Pause.
„Ich bin Agratz, Waldtroll und Beschützer der Bäume und Tiere des Waldes“, stellt sich das Männlein vor und nimmt neben ihm Platz. Peter wickelt ein großes Päckchen aus. Das Käsebrot duftet so verführerisch, dass sich die Nase des Trolles wie von selbst dem Brotpäckchen nähert und er unwillkürlich schlucken muss.
„Na, hast wohl auch Hunger?“, schmunzelt Peter, reicht ihm ein großes Stück und nimmt selbst erst einmal einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche. Das Männlein lässt sich nicht lange bitten und hast du nicht gesehen, ist kein Krümelchen mehr übrig. Genüsslich leckt es sich die Finger ab, klopft zufrieden auf sein Bäuchlein und bedankt sich artig.
„Jetzt erzähl mir mal etwas von diesem unterirdischen Schloss“, drängt Peter. „Wozu braucht unser König ein Schloss unter der Erde?“
Das Männlein verzieht das Gesicht, als hätte es Zahnschmerzen.
„Das ist eine verflixte Geschichte. Du musst wissen, im Nachbarreich regiert der schon etwas betagte König Ignatius. Eines Tages besuchte er unseren König und verliebte sich in alle drei Prinzessinnen gleichzeitig.“
Peter beginnt herzlich zu lachen: „Der alte Gockel ist ja ein rechter Nimmersatt.“
„Du sagst es“, seufzt Agratz sorgenvoll und schaut traurig auf die gefällten Eichen und eine aufgeregte Eichhörnchenmutter. „Schlimm ist, dass ihn keine der drei Prinzessinnen haben wollte. Da hat er Rache geschworen. Jedes Jahr will er sich mit Gewalt eine Königstochter holen.“
„Wie will er das denn anstellen? Unser König wird sich das doch nicht gefallen lassen, oder?“, fragt Peter bestürzt, sein Lachen erstarrt urplötzlich. Das Männlein kneift seine grünen Augen zusammen.
„Kaum einer weiß, dass Ignatius einen Drachen besitzt. Er hat ihn selbst groß gezogen und ist ihm hörig wie ein Hund. Er soll die Prinzessinnen eine nach der anderen stehlen. Unser König weiß von dem Drachen. Er heißt übrigens Ledunklu. Komischer Name, findest du nicht auch?“
Peter ist verblüfft, achtet aber nicht auf die letzten Worte des Trolls.
„Nicht dumm, unser König. In einem unterirdischen Schloss kann der Drache nichts ausrichten. Das wird aber auf die Dauer auch kein schönes Leben für die Prinzessinnen, wo sie doch jede freie Minute in den Gärten herumlaufen und spielen. Ich sehe sie jeden Tag, wenn ich auf dem Weg in den Wald bin.“
Peters Augen werden ganz warm, verträumt lehnt er sich gegen die Eiche und denkt an die jüngste und lieblichste Königstochter.
„Ja und wegen diesem Ignatius musst du so viel Holz schlagen, was mich schrecklich ärgert. Die Vögel und Eichhörnchen jammern mir täglich die Ohren voll, da sie dauernd umziehen müssen und ihre Nester vernichtet werden. Das kann so nicht weiter gehen. Es muss etwas geschehen, was dem König, dem Wald und den Tieren hilft“, klagt Agratz, stützt sich beim Aufstehen umständlich auf seinen Wanderstab und baut sich vor Peter auf.
„Du musst ins Nachbarreich gehen und den Drachen Ledunklu vernichten. Schließlich bist du klug und stark, ohne Furcht und jung. Vielleicht bekommst du zum Lohn eine der Prinzessinnen und wirst selbst einmal König. Na, wie würde dir das gefallen, he?“
Ein verschmitztes Lächeln umspielt den faltigen Mund des Trolles, dabei kramt er wie zufällig in seiner Hosentasche, die wie weiche Baumrinde wirkt. Heraus zieht er eine Strippe. Aus seiner Blätterjacke holt er ein Messer. Beides hält er Peter hin und sagt: „Ich gebe dir drei Dinge mit auf deinen Weg. Sie werden dir sehr nützlich sein. Das sind die Strippe Bindab oder Bindzu, das Messer Schneidab und mein Wanderstab Hauzu oder Lassab. Je nachdem, was du befiehlst, diese Dinge werden es ausführen. Nur eines darfst du ihnen nicht übel nehmen. Sie quasseln viel, doch so fühlst du dich nie allein.“
Peter nimmt alles entgegen. Bevor er noch eine Frage stellen kann, ist der Troll verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.
„Na, auf was wartest du eigentlich noch? Oder traust du dich nicht mit so einem Schoßhündchen von Drachen zu kämpfen? Ich glaube kaum, dass du mit dem Viech viel Ärger haben wirst, auch wenn es ein Drache ist. Der kann vielleicht nicht mal Feuer spucken. Vielleicht qualmt er bloß noch.“
Die Strippe verkringelt sich in alle möglichen Knoten bei ihrer Rederei.
„Halt doch mal die Luft an, du Quasselstrippe. Geht ja gleich los“, grinst Peter.
Schmollend kriecht die Strippe wie eine Raupe am Körper hoch und hängt sich lässig über sein linkes Ohr. Das Messer macht es sich am Gürtel seiner Hose bequem. Der Wanderstab drückt sich fest in die rechte Hand des Burschen und zieht ihn mit einem kräftigen Ruck nach oben.
„Dann wird mir wohl nichts weiter übrig bleiben. Jetzt gleich gehe ich zum König. Wenn ich den Drachen erledigt habe, brauche ich auch nicht unnötig Holz schlagen“, ermuntert er sich selbst, schultert die Axt und singt ein Wanderlied. Die drei Gesellen stimmen ein und Peter hat tatsächlich das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein.

Spät am Nachmittag kommt Peter in Sichtweite des Schlosses. Schon von weitem sieht er schwarze Fahnen wehen. Ein ungutes Gefühl steigt in ihm hoch und beschleunigt seine Schritte. Die bis über beide Ohren in Rüstungen steckende Schlosswache will ihn nicht einlassen, doch als er sein Anliegen vorträgt, geleiten sie Peter sogar zum König. Karl sitzt zusammengesunken mit schiefer Krone auf seinem Thron und weint zum Steinerweichen. Neben ihm knien zwei Prinzessinnen, die Peter auf seinem Weg in den Wald schon gesehen hat und schluchzen herzzerreißend.
„Wo ist die dritte, die Jüngste?“, jagt es ihm durch den Kopf.
Die Schlosswache knallt die Hacken zusammen, dass es nur so scheppert und meldet den Holzfäller Peter. Die Prinzessinnen bemerken vor lauter Herzeleid vorerst gar nichts. Nur der König hebt traurig den Kopf, schiebt sich die Krone gerade und schimpft: „Peter? Na, du kommst mir gerade recht. Es ist alles deine Schuld. Du hast viel zu wenig Bäume gefällt. Mein unterirdisches Schloss wird so nie fertig werden und der Drache wird bald die nächste Prinzessin holen. Jetzt bist du auch nicht bei der Arbeit. Was willst du eigentlich hier?“
„Ich werde ins Nachbarreich gehen und den Drachen Ledunklu vernichten. Und deine Tochter werde ich dir auch zurück bringen. Das verspreche ich.“
Bei diesen Worten schauen die Prinzessinnen Peter zweifelnd und hoffnungsvoll zugleich an. König Karl scheint auch versöhnlicher gestimmt, wischt sich die Tränen aus den Augen, nickt zustimmend und meint: „Sicher brauchst du Geld.“
„Braucht er nicht“, ertönt die kindliche Stimme der Strippe, die jetzt als Schleifchen munter an Peters Ohr hin und her baumelt.
„Na, dann gebe ich dir die Schlosswache mit“, bietet der König an.
„Braucht er auch nicht“, kommt es metallen klingend vom Messer an Peters Gürtel.
„So, so. Ja, dann vielleicht ein Gewehr?“
„Er hat doch mich“, brummt der Wanderstab mit ruhiger überzeugender Stimme.
„Nun, Herr König, ihr seht mich bestens für den Kampf gerüstet“, sagt Peter heiter, jedoch nicht so überzeugt wie seine Weggesellen.
„Gut, aber einen Lohn erhält schließlich jeder, der seine Sache gut gemacht hat. Also, wenn es dir gelingt den Drachen zu töten und meine geliebte und jüngste Tochter zurück zu bringen, sollst du sie zur Frau haben und mein Königreich regieren. Meine beiden anderen Töchter sind bereits versprochen. Doch König Ignatius droht uns mit sofortigem Krieg, wenn ich sie verheirate. Ich bin alt und habe einfach nicht mehr die Kraft, mich mit den Geschäften und Widersachern meines Landes zu befassen. Meine beiden Töchter und die Schlosswache sind Zeugen, dass ich mein Wort nicht brechen werde. Und nun geh und komm bald mit meinem Prinzesschen wieder.“
Peter verneigt sich tief vor dem König und seinen Töchtern, dreht auf dem Absatz um und schreitet fest entschlossen aus dem Schloss. Die Schlosswache begleitet ihn bis zum Tor, wobei sie scheppern und klappern wie alte Blecheimer.

„Wo sollen wir nun langgehen? Bestimmt verirren wir uns. Dann müssen wir den ganzen Weg zurück und in die nächste Richtung und das immer so weiter. Na, das kann ja ewig dauern“, plappert die Strippe aufgeregt an der Weggabelung der Landesgrenze.
„Bleibt ganz ruhig. Ich kenne den Weg, halt dich nur an mir fest, Peter“, brummelt der Wanderstab gutmütig und zieht ihn nach Norden.
„Na, ein Glück aber auch, dass wir dich haben. Stellt euch mal vor, wenn keiner den Weg wüsste und wir immer …..“
Die Strippe an Peters Ohr quasselt ohne Unterlass und bindet sich dabei ruhelos in verschiedene Knoten und Schleifchen. Das Messer macht inzwischen ein Nickerchen und schnarcht leise.

Nach zwei Tagen Fußmarsch kommen sie am Gasthaus „Zum Drachen“ an. Müde und hungrig kehrt Peter ein. Eine seltsam wirkende Wirtin mit großen, an Fächer erinnernde rote Ohren, einem Gesicht wie ein Krokodil, Krallen an den haarigen schuppigen Händen und einem kurzen grünen Schwanz, den sie nicht völlig unter ihrem weiten schwarzen Rock verbergen kann, tritt an den Tisch.
„Womit kann ich dienen, hübscher Bursche“, fragt sie mit krächzender aber freundlicher Stimme.
„Wenn ihr etwas Brot und Wasser für mich übrig hättet, wäre ich sehr dankbar. Geld habe ich leider keines.“
Peter schaut die seltsame Wirtin so mitleidig an, dass sie mit ihren blauen Augen lustig zwinkert und das Gewünschte nebst einer großen Grützwurst schon bald auf dem Tisch steht.
Nach dem Essen setzt sich die Wirtin zu Peter an den Tisch und fragt nach dem Woher und Wohin des Weges. Peter erzählt ihr von dem Drachen, den er töten muss, um die Prinzessin aus den Händen des alten und bösen Königs Ignatius zu befreien. Die Augen der Wirtin werden immer größer und ihr Mund bleibt vor lauter Erstaunen offen stehen.
„So, und nun muss ich weiter. Vielen Dank für das Mahl“, sagt Peter höflich, steht auf, greift nach seinem treuen Wanderstab und verabschiedet sich. Die Wirtin bekommt einen nachdenklichen, dann sorgenvollen Ausdruck und sagt beim Abschied mit leiser, erstickter Stimme: „Wenn er es ist, tu ihm nicht weh, Peter.“

Nach einem guten Stück Weg kann die Strippe nicht mehr an sich halten.
„Wen hat die komische Wirtin bloß gemeint? Wem sollst du nicht wehtun? Etwa dem ollen Ignatius oder gar dem Drachen? Die spinnt doch wohl! Sollst du vielleicht warten, bis er dich ein bisschen angeknabbert hat und erst dann darfst du ihm eins auf die Mütze hauen?“
„Für das Hauen bin immer noch ich zuständig“, brummelt der Wanderstab belustigt.
„Reg dich ab, Strippe. Wir werden schon noch zeitig genug erfahren, wer unserer Schonung bedarf“, meldet sich das Messer zu Wort. Kurz darauf schnarcht es schon wieder. Peter will nichts mehr hören, singt ein Lied, worauf alle drei gleich mit einstimmen.

Am späten Abend des folgenden Tages stehen sie vor dem Schloss von Ignatius. Es ist alt und verwittert. Kein Garten, nirgends ein Blümchen.
„Nicht einmal ein Vogel schwirrt über dieser Gruft“, flüstert die Strippe ängstlich.
„Am besten, wir warten, bis es ganz dunkel ist und die Wachen schlafen. Dann schleichen wir uns ins Schloss. Bestimmt hält Ignatius die Prinzessin im Keller versteckt und der Drache bewacht sie. Aber der schläft sicher auch. So können wir ihn vielleicht überrumpeln“, schlägt Peter vor. Alle sind einverstanden.
Die Schlossuhr schlägt Mitternacht. Der Mond ist auf Peters Seite und scheint nur sehr dürftig. Unbemerkt schlüpft er an den Wachen vorbei und findet nach kurzem Suchen die Treppe zu den unterirdischen Gewölben.
„Hier stinkt es ja entsetzlich“, flüstert Peter.
„So? Ich rieche nichts“, wispert die Strippe in sein Ohr.
„Kunststück, bist ja auch nur eine Strippe“, kichert das Messer.
„Ruhe! Ihr weckt mit euerm Gequatsche noch jemanden auf“, brummt der Wanderstab grimmig. Wie aus dem Nichts erscheint vor ihnen eine große, leicht geöffnete Eisentür.
„Wir haben Glück“, flüstert Peter und schleicht in das Gewölbe dahinter.
„Was ist denn das?“, wispert die Strippe erschrocken.
Peter kann kaum etwas erkennen. Er nimmt eine Fackel von der Wand und geht ein paar Meter weiter. Plötzlich stutzt er. An der Wand hängen riesige Flügel, ein langer grüner Schwanz, Handschuhe mit langen scharfen Krallen, auf dem Boden stehen ein paar Eimer Wasser und liegen stinkende abgenagte Knochen von Ochsen und Schweinen.
„Das ist ja eine schaurige Schweinerei“, wispert die Strippe und verknotet sich ängstlich.
„Wer schnarcht denn da so penetrant? Schneidab, bist du das? Du weckst noch das ganze Schloss auf“, schimpft der Wanderstab leise.
„Spinnst du? Ich kann doch jetzt genauso wenig schlafen wie du. Das ist bestimmt Ledunklu. Wie günstig aber auch. Los Peter, überrumpeln wir ihn“, feuert das Messer an. Peter steuert festen Schrittes mit der Fackel in der Hand auf das immer lauter werdende Schnarchen zu. Da liegt er, der Tunichtgut. Aber was ist das? Peter leuchtet dem Drachen ins Gesicht.
„Das ist der böse Drache Ledunklu? Komischer Name übrigens. Den hab ich doch schon irgendwo gesehen“, murmelt er erstaunt. „Die gleichen roten Fächerohren, die kralligen schuppigen und behaarten Hände, der kurze grüne Schwanz und zu kleine Flügel hat er obendrein. Eigenartig!“
Im selben Moment schlägt der Drache die Augen auf.
„Sogar die gleichen großen blauen Augen“, bringt er noch heraus, da braust der Drache auf und Feuerschwaden stieben aus seiner Nase. Peter kann gerade noch zur Seite springen.
„Der qualmt ja doch nicht bloß“, schreit die Strippe entsetzt. Doch bevor der Drache eine zweite Ladung Feuerwalzen loslassen kann, schreit Peter: „Hauzu! Bindzu!“
Der Wanderstab verwandelte sich in einen Prügel und gerbt dem Drachen ordentlich das Leder. Bindab dehnt sich, wickelt sich blitzschnell mit einem ihr selber noch unbekannten Knoten um die krokodilförmige Schnauze von Ledunklu, so dass er nur noch ein bisschen zischt.
„Ganz schön heiß hier“, schreit die Strippe kläglich. Peter schnappt sich einen Wassereimer und schüttet ihn dem Drachen ins Gesicht.
„Jetzt qualmt er doch bloß noch“, kichert die Strippe erleichtert.
Der Drache weint plötzlich dicke Kullertränen. Peter bekommt Mitleid mit ihm und befiehlt: „Lassab! Bindab!“
Der Wanderstab befindet sich sofort wieder in seiner rechten Hand. Die Strippe windet sich wie verrückt, kommt aber nicht los.
„Das ist mir noch nie passiert“, keucht sie verbissen.
Der Drache beginnt vor Schmerzen zu wimmern.
„Schneidab!“, befiehlt Peter und schmunzelt über die wilden Verrenkungen der Quasselstrippe. Das Messer lockert die Strippe vorsichtig, um sie nicht zu verletzen. Geschafft zieht sie sich zusammen und hängt sich schnell über Peters Ohr. Der Drache dagegen sitzt wie ein begossener Pudel auf dem Boden und schaut Peter traurig aus seinen großen blauen Augen an.
„Ich weiß, dass du wegen der Prinzessin da bist. Willst sie befreien, stimmt’s? Hab ja gar nichts dagegen. Aber wenn das Ignatius rauskriegt, bin ich geliefert. Er jagt mich bestimmt fort, wenn er erfährt, dass mich jemand ohne mein Kostüm gesehen hat. Keiner würde ihm mehr glauben, dass ich so schrecklich bin, wie er immer behauptet. Bin ich auch nicht. Aber was soll ich machen. Er füttert mich schließlich. Er ist auch der Einzige, den ich noch habe. Meine Mutter kenne ich nicht. Sie war halb Mensch und halb Drache, hab ich Ignatius mal hören sagen, aber wohl nicht böse genug. Tot ist sie auch, hat er gesagt. Und ich bin froh, dass mich überhaupt jemand mag.“
Ganz nebenbei schießt Peter ein Gedanke durch den Kopf: „Hat die komische Wirtin im Gasthaus „Zum Drachen“ etwa ihn gemeint? Dann ist sie möglicherweise ...“
Doch zum langen Überlegen ist keine Zeit und er schlägt Ledunklu vor: „Weißt du was? Du zeigst mir jetzt, wo die Prinzessin ist. Wir holen sie und machen uns schnell aus dem Staub. Und du kommst mit, denn so böse willst du ja gar nicht sein, wie Ignatius dich hinstellt. Einverstanden?“
Die großen Augen des Drachen beginnen zu leuchten.
„Ich darf mit euch mitkommen? Von Herzen gern. Verlieren wir also keine Zeit mehr. Ich kenne alle Hintertürchen in diesem Schloss. Mir nach!“
Flink steht er auf, führt Peter in ein neben gelegenes Verlies und knackt das Türschloss auf. Unerwartet bricht ein Getöse aus, dass sämtliche Wachen und auch Ignatius aus dem Schlaf reißt. Peter stürmt ins Verlies, schnappt die noch halbschlafende Prinzessin und rennt dem Drachen nach, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Da sind auch schon Ignatius und viele Wachen auf schnellen Pferden zur Stelle. Ignatius brüllt: „Waschlappen! Verräter! Tod!“
Ledunklu bekommt es mörderisch mit der Angst zu tun und schreit: „Wir müssen es über die Schlossbrücke schaffen. Hätte ich doch mein Kostüm nicht vergessen, dann wären wir jetzt besser dran.“
„Lamentiere nicht, renne, was du kannst!“, schreit Peter und feuert den Drachen an. Doch seine krummen Beine können nicht so schnell. Der Wanderstab zieht Ledunklu so gut es geht. Nach dem letzten Schritt schreit Peter: „Schneidab!“
Das Messer schießt aus dem Gürtel. Die Reiter haben gerade die Mitte der Schlossbrücke erreicht, da wird aus dem Messer ein riesiges scharfes Schwert. Mit einem „Ratsch“ schneidet es die Brücke durch, wie ein Brotmesser einen Laib Brot. Die Wachen und auch Ignatius stürzen in die Tiefe. Keiner kommt dabei zu Tode. Sie werden alle nur pudelnass und da Ignatius nun keinen Bösewicht mehr hat, mit dem er andere erpressen kann, kehrt er in seine Schlossruine zurück und niemand hat je mehr etwas von ihm gehört.
Peter und Ledunklu bedanken sich beim Messer und beim Wanderstab für ihre großartige Hilfe. Der Wanderstab brummt zufrieden. Das Messer ist mächtig stolz auf sich. Die Strippe ist darüber frustriert und bindet sich aus lauter Trotz als Schleifchen um das Handgelenk der Prinzessin, die überglücklich nur noch Augen für ihren hübschen Retter hat.

Nach zwei Tagen endlosen Laufens kommen sie am Wirtshaus „Zum Drachen“ an. Die Wirtin begrüßt Peter und die Prinzessin ganz herzlich. Dann entdeckt sie Ledunklu. Tränen schießen ihr in die Augen. Mit ausgebreiteten Armen tappt sie auf ihn zu und drückt ihn an ihr Herz.
„Mein Junge, mein geliebtes Herz. Dass ich das noch erlebe, du bist wieder da. König Ignatius hatte dich als Baby gestohlen und ich hatte keine Möglichkeit dich wiederzubekommen. Wer hilft schon einem Drachen?“
„Peter hat mir geholfen“, schluckt Ledunklu die Worte unter Tränen hervor. „Ich hab das alles nicht gewusst und bin glücklich, dass es dich doch noch gibt. Ignatius hat gesagt, du wärest tot und er hätte mich aus Mitleid zu sich genommen und ich war ihm dafür dankbar und habe schlimme Sachen für ihn gemacht.“
„Dafür hast du auch eine ordentliche Tracht Prügel bekommen“, lacht der Wanderstab lauthals.
Nach einem fürstlichen Mahl und einer ordentlichen Mütze voll Schlaf machen sich Peter und die Prinzessin am nächsten Morgen bei Zeiten auf den Weg ins väterliche Schloss. Schon bald erreichen sie die Landesgrenze und den nahe gelegenen Wald des Schlosses. Am Waldrand erwartet sie bereits Agratz. Peter erzählt, wie es ihnen ergangen ist. Natürlich weiß die Strippe immer alles besser, was zu allgemeinem Gelächter führt. Plötzlich rauscht es in der Luft.
„Das ist doch Ledunklu“, ruft Peter erstaunt. Da kommt der Drache auch schon auf die Erde getobt.
„Da staunt ihr, was? Ich bin noch mal zu Ignatius zurück, hab ihm kräftig meine Meinung gesagt, ein paar saftige Ohrfeigen verpasst, mein Kostüm geholt und bin euch gefolgt, um mich noch einmal zu bedanken.
„Ah ja, der berühmte Drache Ledunklu“, grinst Agratz.
„Hast du dich schon mal gefragt, warum du eigentlich Ledunklu heißt?“
Agratz schaut sichtlich vergnügt in die Augen des Drachen. Peter und die Prinzessin verstehen nicht recht. Der Drache schüttelt den Kopf und schaut mit großen erwartungsvollen Augen auf den Troll.
„Na, dann lies mal deinen Namen in umgekehrter Buchstabenfolge.“
Agratz schreibt den Namen in den Sand des Wegrandes.
L e d u n k l u
U l k n u d e l
Alle schauen einen Moment lang verwundert auf die Buchstaben bis jeder bereift. Der Einzige, der nicht lachen kann, ist Ledunklu. Er guckt recht bedeppert drein.
„Mach dir nichts draus“, jappst Agratz vor Vergnügen. „Den Namen hast du von deinem verstorbenen Vater bekommen. Er war schon ein rechter Spaßvogel, übrigens ein Riese, der sich damals unsterblich in deine Mutter verliebte. Ich gab ihr den Rat, den Namen so zu ändern. Die Buchstaben blieben ja, nur der Name klang dann doch eher nach einem Drachen. Und ich bin sehr froh, dass du unter dem Einfluss von Ignatius nicht wirklich bösartig geworden bist.“
Jetzt kann auch Ledunklu lachen, wenn auch nicht so, wie die anderen.
Peter und die Prinzessin bedanken und verabschieden sich nun bei Agratz und seinen Gesellen. Ledunklu nimmt die beiden auf seinen Rücken, breitet seine Kostümflügel aus und bringt sie schnell und wohlbehalten ins Schloss.

Nach einer Woche wird eine sagenhafte Hochzeit gefeiert. Nicht nur Peter und die jüngste Prinzessin, nein, alle drei Prinzessinnen heiraten am gleichen Tag. Alle Freunde sind herzlichst eingeladen. Nach kurzer Zeit übernimmt Peter Zepter und Krone und der alte König Karl erwartet voller Ungeduld seinen ersten Enkel.

Kira – das Buschmädchen

Kiras Stamm und ihre Freunde – Teil 1

Kira, ein Buschmädchen von etwa zwölf Jahren, lebt tief im Landesinneren Ostafrikas. Ihre dunkelbraune Haut schimmert seidig in der gleißenden Sonne, das schwarze Kraushaar ist in viele Zöpfchen gebändigt, die wie kleine Antennen vom Kopf abstehen. Lacht sie, sieht man ihre blendend weißen Zähne, die einer Perlenreihe gleichen. Obwohl sie keine wirkliche Freundin hat, kennt sie keine Langeweile. Oft hilft sie ihrer Mut-ter im kleinen Gemüsegarten hinter der Lehmhütte und erzählt, was sie Neues in der Schule gelernt hat. Beim Flechten von Matten oder Gerben der Tierfelle sitzen die Frauen des Stammes zusammen unter der breiten schattenspendenden Krone der Schirmakazie in der Mitte des Dorfes und singen traditionelle Lieder.

"Komm Kira, setz dich zu uns. Sing mit!", rufen die Frauen, wenn sie das Mädchen sehen. Kira lässt sich nie lange bitten und bereichert den Gesang ungemein durch ihre helle, klare Stimme. Gern schaut sie auch dem Vater zu, wenn er neue Pfeile schnitzt. Leider liegt ihr die Schnitzkunst nicht, dafür kennt sie sich recht gut mit Heilkräutern und Wurzeln aus, die sie anfangs aus einem uralten, recht abgelederten Buch als Bilder wahrgenommen hat. Doch seit sie lesen kann, weiß sie, wofür sie genutzt werden können.

Wie jeden Abend bevor die Sonne untergeht, hockt Kira auch heute auf einer geflochtenen Matte vor der Lehmhütte, schaut kurz in Richtung Kimdschas Hütte, grinst und blättert in dem bunten Kräuterwälzer. Wie zufällig schlendert Kimdscha, der Zauberer und Medizinmann des Stammes fast gelangweilt auf sie zu, baut sich mit verschränkten Armen vor ihr auf und schaut mit zusammengekniffenen Augen herablassend auf das Mädchen.

"Na Kira, guckst du dir wieder Bildchen an? Die musst du doch bald alle auswendig kennen. Oder kannst du besser einschlafen, wenn du in dieses Ding da reinguckst? Davon bekommst du bestimmt mal tote Augen oder den bösen Blick. Gib es lieber mir. Mir als Zauberer kann da nicht so leicht etwas passieren. Ich würde dir diesmal sogar ein Töpfchen mit Heilwasser dafür geben. Versteh mich richtig. Ich will dich doch nur vor Bösem bewahren. Na, was ist, wollen wir tauschen?"

Unbestechliche Augen schauen zu Kimdscha auf.

"Du gibst wohl nie auf, was? Warum willst du denn unbedingt dieses Buch? Wenn du wenigstens lesen könntest, würde ich noch einen Sinn darin sehen. Ich kenne auch keinen, der vom Lesen tote Augen oder den bösen Blick bekommen hat. So jemand wird eher klug durchs Leben gehen und sich nicht von jedem übers Ohr hauen lassen. Oh nein, das hier gebe ich für nichts her. Mutter sagt, dass dieses Buch von einer Ur- Ur- Urgroßmutter stammt, die einmal eine große Heilerin gewesen sein soll."

Wütend, hart getroffen von Kiras Worten dreht sich Kimdscha auf den Hacken um, marschiert in großen Schritten auf seine Hütte zu, wobei er mürrisch mit den Armen herumfuchtelt und mit beschwörenden Worten um sich wirft. Kira lacht leise, schüttelt belustigt den Kopf, streicht zärtlich über das Buch, als wäre es das Fell ihres Freundes und flüstert liebevoll: "Wie könnte ich dich jemals weggeben? Egal, was er mir noch alles zum Tausch anbietet. Außer dir gibt es nichts, worin ich lesen könnte. Du bist mein kostbarster Schatz. Ich bin ungeheuer stolz darauf, dass ich aus dir lernen darf wie früher meine Ur- Ur- Urgroßmutter."

Doch nicht nur Kimdscha kann weder lesen noch schreiben. Keiner im Dorf kann es und die Menschen des Stammes wollen es auch gar nicht. In ihren Augen ist so etwas pure Zeitverschwendung. Das sieht Kira ganz anders. Sie denkt oft daran, wie ihr Vater sie vor drei Jahren mit einer klugen Frau, die jetzt ihre Lehrerin ist, bekannt gemacht hat.

Wenn die Regenzeiten ausbleiben, gibt es für die Ziegen im Dorf nicht genug Futter. Doch magere Tiere eigenen sich schlecht zum Tausch gegen Dinge, die sie zum leben brauchen. In dem Falle treiben drei Männer die Ziegenherde zum großen Fluss. Doch vor drei Jahren war auch der restlos trocken, sie mussten weiter ziehen und stießen zufällig mitten im Busch auf eine große Lehmhütte, die sich als Schule entpuppte. Kiras Vater, der Stammeshäuptling Kalim, war damals einer der drei Viehtreiber. Er unterhielt sich lange mit der klugen Frau, dachte sofort an die Kinder des Stammes, stieß aber zu Hause bei allen auf taube Ohren, nur nicht bei seiner Tochter.

Kiras Schule, die große kühle Lehmhütte liegt fast zwei Stunden Fußweg von ihrem Dorf entfernt, doch das macht ihr nichts aus. Eselchen Gulu trägt sie gern hin und wieder zurück. So braucht er nicht die Wasserbehälter zu buckeln, die die Frauen jeden Morgen der kleinen Eselgesellschaft auf den Rücken binden, um frisches Wasser vom Fluss zu holen. Auf der Rücktour schnaufen die grauen Kerlchen angestrengt. Die fein genähten, mit gummiartiger Masse geklebten Lederbehälter schwappen und wippen bei jedem Schritt rechts und links an ihren Bäuchen. In der Schule angekommen, bekommt Gulu eine Holzschale voll Wasser, grast, wenn etwas wächst, und legt sich anschließend genüsslich in den Schatten einer Schirmakazie.

Die Klasse besteht aus Jungen von umliegenden Dörfern sowie einem Mädchen. Kira lernt fleißig und ist eine ausnehmend gute Schülerin, sie steht den Jungs in nichts nach. Schulbücher, Hef-te und Stifte gibt es nicht. Buchstaben oder Zahlen werden einfach in den Sand gemalt. Etwas Besonderes ist die Tafel an der gegenüberliegenden Wand. Auf ihr schreibt, rechnet und malt die Lehrerin alles vor. Für jeden Schüler ist es eine Ehre mit dem weißen Stift, der wie festes Maismehl aussieht, etwas auf die Tafel schreiben zu dürfen. Die Kinder haben außerdem gelernt, dass es nicht nur diesen weißen Stift, genannt Kreide, sondern viele andere Dinge auf einem Basar in der großen Stadt zu kaufen gibt, aber dafür mit Geld bezahlt werden muss. Mit anderen Dingen zu tauschen, wäre auch eine Möglichkeit, Dinge zu bekommen, die gebraucht würden. Die Lehrerin zeigt den Kindern verschiedene Geldscheine und Geldstücke, die zwar bestaunt werden, aber als Bezahlung von den Jungen eher abgelehnt werden, schließlich wird seit eh und je unter den verschiedenen Stämmen getauscht. Kira interessiert die Sache mit dem Geld schon eher. Sie will irgendwann einmal mit dem Vater darüber reden.

Kalim ist mächtig stolz auf seine Tochter, im Gegenzug wird sie von den anderen Mädchen des Stammes gehänselt, verlacht und links liegen gelassen. Kira ist das egal. Hat sie keine Freundin, so hat sie doch einen ungewöhnlichen Freund und Beschützer. Nachmittags streift sie gern mit Ramir durch den nahe gelegenen Zedernwald. Wie man in Spuren und Fährten lesen kann, hat sie von ihrem Vater gelernt. Ramir ist ein Leopard. Kiras Vater hat ihn als verlassenes, halb verhungertes Katzenbaby im Busch gefunden und seiner Tochter in Pflege gegeben. Seit her sind sie unzertrennlich.

Diesmal entdecken sie eine große Herde Schimpansen. Die Af-fen schreien wild und stürmen durch die Bäume. Plötzlich schwirrt surrend ein Pfeil durch die Luft. Ein Schimpanse fällt getroffen zu Boden. Kira schaut sich um, schüttelt dabei ungläubig den Kopf.

"Wer war denn das? Bestimmt niemand von uns. Wir essen doch gar keine Affen. Na, dem sag ich meine Meinung."

Kira hält vergeblich Ausschau nach dem Jäger.

"Warum holt er denn das tote Tier nicht?"

Doch es bleibt still. Mutig schleicht sie näher an den getroffenen Schimpansen heran. Plötzlich bewegt sich etwas unter den schweren, schlaffen Armen. Zum Vorschein kommt ein Affenbaby. Taumelnd, all seine Kraft aufbietend, gelingt es ihm, sich aus den Armen seiner toten Mutter zu befreien. Ramir beschnuppert den kleinen Kerl, leckt ihn sanft mit seiner rauhen Zunge und schaut Kira an. Sie versteht. Worte brauchen beide nicht. Kira nimmt das Affenbaby auf den Arm, das sich sofort Schutz suchend an sie klammert. In diesem Moment durchrieselt Kira wieder jenes Muttergefühl, wie sie es schon bei Ramir empfand, als er ihr so winzig und hilflos anvertraut wurde.

Zu Hause angekommen, wickelt sie das Affenbaby in ein weiches Fell und legt es sanft in ein Bastkörbchen. Mit schwarzen Knopfaugen schaut der kleine Kerl fragend zu Kira auf, zieht augenblicklich eine Schnute wie zu einem Kuss, grinst im nächsten Moment breit übers ganze Gesicht und zieht dabei das weiche Fell über die Augen, wie ein Kind, das Verstecken spielen will. Kira amüsiert sich.

"Du bist wohl ein ganz Lustiger, was? Ich werde dich Timo nennen. Timo der Spaßmacher, das passt zu dir."

Nach einer liebevollen Streicheleinheit kocht Kira ihre bewährte Mischung aus fein zerquetschter Banane mit frischer Ziegenmilch, kühlt sie ab, füllt sie in eine Flasche, stopft einen Nuckel aus Leder, den sie einmal für Ramir angefertigt hatte, darauf und füttert ihren neuen Zögling. Es klappt prima. Wie er so in ihren Armen liegt, herumzappelt und gierig an der Flasche nuckelt, lächelt sie.

"Das Geschenk meiner Lehrerin ist wirklich sehr nützlich. Als Wasserbehälter taugt sie nicht, das hab ich schon mal ausprobiert. Nach einer Stunde hat das Wasser in der Flasche fast gekocht. Aber für Ramir und jetzt für dich mein Timo ist sie genau richtig. Ein Glück, dass Kimdscha nichts von der Flasche weiß. Sicher würde er sie mir abschwatzen wollen wie mein Buch. Der braucht immer alles, was ein anderer hat, vor allem, wenn es nicht jeder hat."

Kimdscha ist zwar der mächtigste Mann nach ihrem Vater, hat auch schon viele Leute aus ihrem Stamm mit seinen Wunderkräutern geheilt, aber in Kiras Augen ist er hinterlistig, tückisch und vor allem faul.


Timo macht gute Fortschritte und entwickelt sich wirklich zu einem rechten Spaßvogel. Gern sucht er im Fell seines Freundes Ramir nach Schuppen, Zecken oder Läusen, dabei schnurrt der Leopard wie eine Hauskatze, nur bedeutend lauter.


Es ist Nachmittag und Kira wie immer unterwegs von der Schu-le nach Hause, da sieht sie plötzlich ihre beiden Freunde entgegen kommen.

"Nanu? Wollen die mich etwa abholen? Eigenartig! Das haben sie ja noch nie gemacht."

Sie springt flink von Gulu, gibt jedem zur Begrüßung eine Streicheleinheit und nimmt Timo an die rechte Hand. Ramir tappt zu ihrer linken und Gulu trottet gemächlich hinterher. An der Weggabelung zieht der Schimpanse Kira in die Richtung, die zwar kürzer ist, um nach Hause zu kommen, jedoch über den großen Fluss führt, der auch jetzt, während der kleinen Regenzeit nicht ungefährlich ist.

"Was soll denn das?", wehrt sie ärgerlich ab. "Über den Fluss traue ich mich nicht."

Timo lässt nicht locker. Am Fluss angekommen fragt sie ratlos: "Tja nun, was soll ich denn jetzt hier?"

Dabei schaut sie auf die großen Steine, die in einer fast geraden Linie den Fluss in eine seichte und eine tiefe Seite teilen, wendet den Blick auf ihre Freunde, zuckt mit den Schultern und mault traurig: "Tja, die Jungen im Dorf, die springen von einem zum anderen Ufer über die Steine. Aber die können ja auch schwimmen, falls sie ins Wasser fallen und ich nicht."

Für die Jungen ist dies jedes Mal eine Mutprobe. Schlappschwänze gibt es unter ihnen nicht einen.

Ramir streckt sich abwartend auf die staubige rotbraune harte Erde und legt seinen Kopf auf die Pfoten. Gulu steht breitbeinig neben Ramir, schaut mit überraschten Augen auf Timo, der plötzlich wie von seines Gleichen gebissen ins flache Wasser springt, wie verrückt lospaddelt und nun Kira zuwinkt, sie solle auch reinkommen.

"Aber ich kann doch nicht schwimmen", ruft sie mürrisch. Timo kommt zurückgeplanscht, nimmt ihre Hand, drückt sie leicht, schaut ihr entschlossen ins Gesicht, verzieht seinen Mund zu einem breiten Grinsen und zwinkert ihr aufmunternd zu.

"Timo, du überraschst mich. Wann hast du denn Schwimmen gelernt?"

Der Affe schüttelt seinen Kopf und gackert ein Lachen, als wäre das gar nichts Besonderes. Zögernd geht Kira mit ihm auf der flachen, etwa einen Meter tiefen Seite des Flusses ins Wasser. Der Schimpanse zeigt, wie er schwimmt, nun versucht es auch Kira. Die ersten Versuche sind gar nicht so einfach und gehen auch nicht ohne ein paar kräftige Schlucke Wasser ab. Doch bald begreift sie die Technik und paddelt lachend neben Timo her. Sie hat es geschafft. Nun kann sie schwimmen. Kira ist mächtig stolz auf sich. Timo schürzt seine Lippen und drückt ihr einen Kuss auf die Wange. Ramir leckt Kira mit seiner rauhen Zunge übers ganze Gesicht. Sie lacht, denn seine Zunge kitzelt schrecklich. Gulu gibt ein lautes "hia, hia" von sich, wackelt lustig mit den langen Ohren und schaut Kira aus großen bewundernden Augen ehrfürchtig an. Auf dem langen Weg nach Hause, hoch zu Esel, singt Kira stolz ein selbst erfundenes Lied über ein mutiges Mädchen, dass sie sich damit meint, ist ja wohl klar.


Am nächsten Tag wird Kira wieder abgeholt, wieder geht es in Richtung Fluss. Dort angekommen will Timo nicht schwimmen. Nein, diesmal springt er leichtfüßig über die großen Steine im Fluss bis zum anderen Ufer und winkt, sie solle ihm folgen.

"Na gut", denkt sie. "Hab ich schwimmen gelernt, schaff ich es vielleicht auch, über die Steine zu springen."

Anlauf und los! Die ersten drei Steine sind geschafft, doch plötzlich plumpst Kira haltlos ins tiefe Wasser. Ramir springt er-schrocken hinterher. Aber zum Glück hat sie ja schwimmen ge-lernt. So ein bisschen Wasserschlucken gehört zum Schwim-men einfach dazu. Keuchend und prustend planscht Kira ans Ufer, legt sich flach auf den Rücken und schließt einen Moment die Augen. Ramir schüttelt sich das Wasser aus dem Fell. Nach einer kurzen Pause stupst der Leopard mit seiner samtweichen Nase Kira an die Schulter, geht plötzlich auf die Steine los, springt, hält ebenso plötzlich inne und schaut zurück. Kira beobachtet, wie er von Stein zu Stein ohne vorherigen Anlauf springt und begreift.

"Aha, ich muss jedes Mal kurz Schwung holen, sozusagen aus dem Stand springen. Na dann!"

Kira nimmt all ihren Mut zusammen, holt tief Luft und los geht es. Erster Stein, zweiter Stein ... Es klappt so prima, als hätte sie nie einen anderen Weg nach Hause genommen, wie den über die Steine im großen Fluss. Gulu schaut gelassen zu, wie einer nach dem anderen am gegenüberliegenden Ufer ankommt. Als er sich umdreht, begreift er plötzlich, dass er ganz allein ist und heult ein jämmerliches "hia, hiiiaa, hiiaaaa". Kira lacht lauthals, ein kurzer schriller Pfiff, Gulus Zeichen, sofort zur Stelle zu sein, und Gulu stakst vorsichtig ins flache Wasser. Als er feststellt, dass seine Beine bis zum Grund reichen, beeilt er sich, mit vorgestrecktem Kopf das andere Ufer zu erreichen und merkt dabei, dass ein kühles Bad doch etwas sehr erquickendes sein kann.

Zu Hause angekommen steht Kiras Mutter vor der Lehmhütte in Erwartung ihrer geliebten Tochter. Gulu trottet sofort zu seiner Freundin, einer weißen Eselin.

"Sicher hat er ihr eine Menge zu erzählen und aufschneiden wird er ganz sicher auch, der alte Schwerenöter", lacht Kira ihrer Mutter zu.

"Das möchte ich auch gern hören, aber eselisch kann ich nicht", lacht Kiras Mutter zurück. Kira erzählt wie ein Wasserfall.

Im Dorf ist sie nun das einzige Mädchen, das sich traut, über die großen Steine im Fluss zu springen wie die Jungen. An diesem Abend schläft sie glücklich ein und träumt davon, einmal dem Stamm zeigen zu können, was sie von ihren Freunden gelernt hat. Das soll sich bald ergeben.


Der Schwimmwettbewerb


Es ist Freitag. An diesem Tag wird nicht gearbeitet und die Kinder gehen auch nicht zur Schule. Kira spielt vor der Hütte mit Ramir und Timo Haschen. Die Frauen stampfen in einem großen Holzbottich Mais, kümmern sich ums Essen und die weisesten und ältesten Männer des Stammes sitzen im Kreis auf der blanken rotbraunen Erde und beratschlagen, was in nächster Zeit notwendig ist. Stammeshäuptling Kalim erhebt als erster seine Stimme.

"Bis zur großen Regenzeit müssen die Hütten ausbessert werden. Außerdem muss gejagt werden. Wir brauchen mal wieder frisches Fleisch."

"Doch bei all der Arbeit dürfen wir unsere Kinder nicht vergessen. Die Jungen sollten mal wieder ihren Mut und ihre Geschicklichkeit unter Beweis stellen dürfen", wirft Cato der Stam-mesälteste ein. Bei diesen Worten nicken die Männer, da sie ihre Kinder über alles lieben.

"Die Jungen können doch jagen gehen. So stellen sie ihre Geschicklichkeit am besten unter Beweis", wirft der Medizinmann Kimdscha mit zusammengekniffenen Augen ein und malt sich schon seinen Anteil an Fleisch aus, der ihm dem Rang nach zu-steht. Kimdscha ist der Einzige, der nicht wie die anderen Männer jagen und arbeiten muss. Seine Aufgabe besteht einzig und allein darin, böse Geister zu vertreiben und aus Kräutern und Wurzeln, die ihm teilweise auch noch gebracht werden, heilsame Arznei zu brauen. Außerordentlich bevorzugt versorgt wird er durch die Menschen seines Stammes.

"Ich glaube, wir denken uns dieses Jahr etwas anderes aus. Wie wäre es mit einem Schwimmwettbewerb am großen Fluss?", entgegnet Kalim und raubt dem Medizinmann schlagartig jede Illusion auf einen großen Batzen Fleisch.

"Warum eigentlich nicht", erwidert Cato. "Das ist wirklich mal was anderes und dazu braucht es nicht nur Mut und Geschicklichkeit, sondern auch Kraft und Ausdauer. Das ist genau das Richtige. Du wirst es den Kindern ankündigen und jeder, der sich meldet, darf mitmachen."

Kalim nickt kurz, erhebt sich und die Sitzung ist beendet. Kimdscha schaut missmutig drein, aber Kalim hat entschieden.


Kurz nach dem Mittagessen vernehmen sie ein eigenartiges Geräusch. Es kommt näher und näher und wird lauter und lauter. Als sie das rumpelnde große Ding sehen, das geradewegs auf sie zusteuert, laufen alle erschrocken in ihre Hütten. Doch es ist nur ein Kleinbus. Der Bus hält. Zwei große Männer, eine Frau, ein Junge und ein Mädchen in Kiras Alter steigen aus. Ein Mann sieht so aus, wie die Menschen ihres Stammes. Er ist nur anders gekleidet. Die Frau und die Kinder haben so helles Haar, wie ihre Haut. Kimdscha glaubt, die Götter seien gekommen. Kiras Stamm ist noch nie mit solchen Menschen in Berührung gekommen und verhält sich sehr scheu. Langsam, vor allem neugierig, treten die Buschmenschen aus ihren Hütten heraus. Das blonde Mädchen hält ein gelbes Tier in ihren Armen und lächelt Kira zu, die ihr in sicherer Entfernung gegenüber steht. Cato, der Stammesälteste guckt recht verdutzt, geht als erster ohne Scheu auf die Fremden zu, freut sich dabei wie ein kleines Kind und klopft dem dunkelhäutigen Mann nach ein paar Worten freundschaftlich auf die Schulter. Timo watschelt mit einem breiten Grinsen auf das weiße Mädchen zu, knufft das eigenartige Tier in ihren Armen, doch es bewegt sich nicht.

"Es scheint tot zu sein", überlegt Kira. Timo erahnt die Gedanken seiner Freundin, denn er schaut Kira erstaunt an, schüttelt plötzlich seinen Kopf und gackert sein "das da ist nichts besonderes" Lachen. Nun weicht auch in Kira die Angst. Mutig, vor allem neugierig geht sie auf das fremde Mädchen zu und streicht sanft über ihre weiße Haut und das hellblonde lange Haar. Das gelbe Tier mit den großen schwarzen Knopfaugen bleibt Kira unheimlich. Die anderen Dorfbewohner schauen unschlüssig, tuscheln miteinander, gehen nun aber doch, wenn auch zögernd, auf die Ankömmlinge zu, begrüßen und berühren sie. Zum Glück haben die Besucher jemanden mitgenommen, der selbst in einem Stamm aufgewachsen ist und einige Eingeborenensprachen beherrscht. Die schwerste Hürde, das Misstrauen, ist genommen.

Der Besuch, Kimdscha und Cato werden freundlich in die Hütte des Häuptlings gebeten und mit Wasser und Maisbrot bewirtet. Cato erhebt das Wort, ehe Kalim etwas sagen kann. Tränen rinnen die faltigen Wangen herab. Er nimmt die Hände des weißen Mannes in seine sehnigen verwitterten, schluckt und beginnt mit zitternder Stimme.

"Ich, ich habe nicht mehr geglaubt, dass ich noch einmal weiße Menschen zu Gesicht bekommen würde. Bevor ich vor unzähligen Jahren in diesen Stamm gekommen bin, habe ich als Fleischer in der großen Stadt gearbeitet. Mein Meister war ein Italiener. Ein feiner Kerl. Damals habe ich viele weiße Menschen gesehen. Hier sind mir noch nie welche begegnet. Ich hatte damals einen guten Freund. Er hieß Afrah. Er war noch sehr jung, als er nach Europa ging, um Arzt zu werden. Andere Freunde hatte ich nicht. Nach Afrahs Weggang hat mich nichts mehr in der Stadt gehalten. Telefon oder Papier, um einen Brief zu schreiben, haben wir hier nicht. Also höre und sehe ich ihn seit her nur noch in meinen Gedanken. Die bittere Armut vieler Menschen, der tägliche Überlebenskampf, das Alleinsein, immer die schwere Arbeit für das verflixte bisschen Geld, um zu überleben, haben mich dann wohl hier her verschlagen. Ich war lange unterwegs. Bin von Dorf zu Dorf gezogen und hier hab ich meine Frau, Allah sei ihrer Seele gnädig, kennengelernt. Na ja, bin ich eben geblieben. Das Leben ist hier so anders wie in der Stadt. Hier wird alles geteilt und keiner ist wirklich allein. Für alte Menschen wie ich es jetzt bin, ist das sehr wichtig."

Cato drückt noch einmal kurz die Hände von Herrn Kühne bevor er sie loslässt und wischt über sein tränenerfülltes Gesicht. Herr Kühne ist gerührt von der Vertrautheit und Redseligkeit dieses alten Mannes. Ihm ist, als würde er ihn schon eine Ewigkeit kennen. Wenn Kalim und die andern nicht schon auf Matten sitzen würden, spätestens jetzt würden sie auf ihre Hintern plumpsen. Wie geplättet gucken sich alle in der Runde an. Kira bekommt ihren Mund gar nicht mehr zu. Hätte sie so eine helle Haut wie das Mädchen neben ihr, würde jeder ihre glühenden Ohren sehen. Kalim ist fassungslos und erstaunt zugleich.

"Wieso hast du uns davon noch nie etwas erzählt?"

"Was hätte ich denn erzählen sollen? Das ich Lesen, Schreiben und Rechnen kann? In der großen Stadt für Geld gearbeitet habe? Keiner von euch hätte mir das geglaubt. Ihr hättet mich als Spinner abgetan und ich wäre verlacht worden. Nein, nein. Ich wollte sein wie ihr. Nicht mehr aber auch nicht weniger."

Hussein, der vom übersetzen jetzt fast Fransen an seinem Mund hat, ist im nachhinein genauso verblüfft über die Geschichte von Cato wie alle anderen. Der Name Afrah kommt ihm bekannt vor. Arzt in Europa soll er studiert haben. Darüber will er noch mal in Ruhe nachdenken. Im Moment ist Hussein zu sehr mit dolmetschen beschäftigt.

Der Vater der beiden weißen Kinder wendet sich jetzt Kalim zu, um die aufkeimende Stille zu unterbrechen.

"Wir sind auf unserer Fahrt an einem großen Fluss vorbeigefahren. Der führt wohl auch in der Trockenzeit ausreichend Wasser?"

Kalim erzählt: "Seit einiger Zeit ist uns Mutter Erde wohl gesonnen. Doch wir haben auch schon Schlimmes erlebt. Da war der Fluss nur noch ein Schlammloch, in dem sich bestenfalls die Warzenschweine gesuhlt haben. Dann war er ganz trocken. Wir konnten durch das Flussbett von einem zum anderen Ufer laufen. Die große Regenzeit war ausgeblieben. Ein großes Unheil war das und viel Vieh ist uns dabei verdurstet. Aber seit drei Jahren haben wir dank einem neuen Zauber unseres Medizinmannes genug Wasser. In ein paar Tagen wird sogar ein großer Schwimmwettbewerb für unsere Kinder stattfinden. Wenn Sie bleiben möchten, sind Sie bis dahin herzlich eingeladen."

Dankend wird die Einladung angenommen. Gelangweilt von den Gesprächen der Erwachsenen verkrümeln sich die Kinder. Der weiße Junge schließt Freundschaft mit dem Jungen Omar und gemeinsam rennen sie zum großen Fluss. Auch Kira, das weiße Mädchen und Timo laufen dorthin. Ramir liegt faul vor der Hütte. Doch wo Kira ist, darf der Leopard nicht fehlen. Also rafft er sich auf, gähnt laut und trottet gemächlich hinterher. Unterwegs bleibt Kira plötzlich stehen und schaut sanft in die schönen wasserblauen Augen des fremden Mädchens.

"Addigga macka a?", fragt Kira. Das weiße Mädchen versteht kein Wort.

"Anigga Kira" gestikuliert Kira und zeigt mit dem Finger auf sich selbst.

"Io addigga?", fragt Kira weiter und zeigt mit dem Finger auf das weiße Mädchen.

"Ach so, du willst wissen, wie ich heiße. Ich heiße Sandra", entgegnet sie mit einem Lächeln.

"Sandra, Sandra", wiederholt Kira vergnügt. Der Name gefällt ihr. Hand in Hand spazieren sie weiter. Am Fluss wartet inzwischen Ramir auf Kira. Sandra fürchtet sich vor dem Leopard. Aber Kira schüttelt den Kopf, zaust Ramir liebevoll und Sandra bemerkt, dass der Leopard lieb ist wie eine Hauskatze. Mutig streichelt sie ihn und Ramir leckt ihr dafür über die Hand.

"Ich glaube, er mag mich", sagt sie zu Kira. Diese versteht die Geste und nickt. Die beiden Mädchen sehen nun den Jungen beim Schwimmen zu.

"Sie schwimmen ja ganz anders als ich", schießt es Kira erschrocken durch den Kopf. Fragend und zugleich traurig schaut sie Timo in die Augen. Der Schimpanse senkt verschämt seinen Kopf und hält sich die Augen zu. Sandra versteht die Sprache der beiden nicht.

"Kannst du nicht schwimmen?"

Sandra ahmt die Schwimmbewegung nach, zeigt mit dem Finger auf Kira und schüttelt den Kopf.

"Maja", antwortet Kira, schüttelt ebenfalls ihren Kopf und möchte am liebsten auf der Stelle losheulen. Maja heißt in Kiras Sprache - nein. Sandra geht vorsichtig ins flache Wasser, schwimmt los und winkt Kira zu wie vor ein paar Tagen Timo.

"Komm rein, ich zeige dir, wie man richtig schwimmt."

Kira staunt. Das Mädchen kann so schwimmen wie die Jungen. Schwups ist sie im Wasser und paddelt erst einmal so, wie sie es von Timo gelernt hat.

"Nein, nein, nicht so", lacht Sandra, "so schwimmen Ramir und Timo. Menschen machen das anders. Pass gut auf!"

Kira schaut zu und sie versucht es nun auch. Oh je, das ist noch viel schwerer als paddeln. Auch diesmal kommt sie um ein paar kräftige Schlucke Wasser nicht herrum, hat jedoch bald die neue Technik begriffen. Beine und Arme bewegen sich nun im Rhythmus mit der Atmung. Kira erklärt mit Händen und Füßen, dass sie unbedingt am großen Schwimmwettbewerb teilnehmen will. Sandra nickt, sie hat verstanden. Von nun an trainieren die beiden jeden Tag nach der Schule. Viel Zeit bis zum großen Fest bleibt nicht mehr. Nach drei Tagen kann Sandra mit Kira nicht mehr mithalten.

"Eine gute Schülerin", freut sich Sandra und ist mächtig stolz auf ihre Freundin.

Endlich ist der große Tag da und noch früh am Morgen. Alle Jungen haben sich gemeldet. Kira geht mit klopfendem Herzen zu Kalim und fragt zaghaft: "Vater, darf ich auch mitmachen?"

Dabei tritt sie verlegen von einem Fuß auf den anderen.

"Was du, aber du bist doch ein Mädchen", erwidert er erstaunt, aber auch belustigt.

"Bitte, bitte, ich habe von Sandra gelernt, wie man richtig schwimmt."

"Ja, warum nicht. Jeder, der sich meldet, darf mitmachen. So wurde es beschlossen. Also los, versuch dein Glück", meint Kalim und klopft ihr anerkennend auf die Schulter. Glücklich rennt sie zu den anderen. Sandra drückt ihr noch schnell im Vorbeirennen die Hand. Alle nehmen am Start Aufstellung. Die Jungen glauben nicht richtig zu sehen, grinsen Kira herablassend an und geben ihr in Gedanken sowieso keine Chance. Die große Trommel erklingt und mit dem letzten lauten Schlag springen alle Schwimmer ins Wasser. Jeder am Ufer will irgendeinen Kämpfer anfeuern, alle schreien und rufen durcheinander. Sandra ballt die Hände zu Fäusten und reißt sie siegesgewiss nach oben, ihre Rufe zu Kira gehen bei dem Radau total unter. Kira schwimmt wie besessen. Es ist ein tolles Schauspiel. Zug um Zug holt das Mädchen auf. Zwei Jungen sind noch zu bezwingen. Mit eisernem Willen und ganzer Kraft schafft sie es. Sie siegt, als Mädchen, kaum zu glauben für alle des Stammes. Es gibt einen riesen Trommelwirbel und Jubelrufe für Kira, die total erschöpft ans Ufer taumelt. Sandra umarmt ihre Freundin, gibt ihr einen Kuss auf die Wange und meint stolz: "Kira, addigga fian battern io nuss."

Kira guckt Sandra verblüfft an, dann lachen sich die Mädchen glücklich an. Es sind die ersten Worte, die Sandra fleißig geübt hat. Sie bedeuten so viel wie: "Kira, du bist die Allergrößte."

Natürlich gibt es eine echte Siegerehrung. Kalim hängt der Siegerin eine herrliche Kette aus verschiedenen Fischzähnen um den Hals. Sie verheißt dem Sieger weiterhin Kraft und Glück. Der zweite und dritte Preis sind Bänder, an denen verschiedene, bunte Federn befestigt sind. Die beiden Jungen legen sie als Kopfschmuck an. Noch einmal erhebt sich ein Trommelwirbel, der mit einem Tanz der Sieger endet. Mit Gesang, einheimischen Tänzen und einem Festessen klingt der tolle Tag aus. Lange bevor die Sonne sinkt, verabschiedet sich der Besuch, bedankt sich herzlich für die Gastfreundschaft und verspricht wiederzukommen. Sandra und Kira geben sich traurig die Hände.

"Hier Kira, ich möchte dir meinen Teddy schenken, damit du mich nicht vergisst."

Kira freut sich, denn sie weiß nun, dass man abends mit so einem Kuscheltier schön einschlafen kann. Ein letztes Mal umarmen sich die Mädchen und Kira winkt, bis das Auto nicht mehr zu sehen ist. Versonnen schaut sie sich ihr Geschenk an.

"Bestimmt hat Sandra den Teddy auf dem Basar in der großen Stadt gekauft. Vielleicht darf ich Sandra mal besuchen und dann frag ich sie, ob sie mir mal den großen Basar zeigt. Sandra kommt bestimmt bald wieder", seufzt Kira, und ist glücklich, nun doch eine Freundin zu haben, dazu eine so tolle.


Timo der Schimpanse ist verschwunden


Fast zwei Wochen sind nun vergangen seit dem Besuch der weißen Menschen. Genau so lange vermisst Kira ihren Timo. Ramir, der Leopard, schaut sie oft fragend an, Kira zuckt jedes Mal traurig mit den Schultern, steichelt die Großkatze liebevoll und schmiegt ihren Kopf an seinen.

"Ach Ramir, ich vermisse unseren lustigen Freund doch auch. Schließlich gehören wir drei zusammen. Wenn ich nur wüsste, wo er steckt. Im Busch kennt er sich eigentlich aus. Ach Timo, komm bald zurück."

Neuerdings macht sich Ramir auf den Weg, wenn Kira in die Schule geht, streift durch den Busch, anfangs um Timo zu suchen, dann um Beute zu erlegen. Faszinierend ist, dass er seine Beute mit nach Hause bringt. Ramir ist ein ausgezeichneter Jäger. Fleisch hat Kiras Stamm genug. Aber schlimm sieht es mit dem Gemüse aus. Die Trockenzeit fällt diesen Sommer sehr heiß und lang aus. Die Ernte droht zu vertrocknen. Alles sehnt sich nach den ersten Tropfen der großen Regenzeit, die schon längst hätte einsetzen müssen. Auch der Fluss führt nur noch spärlich Wasser. Würde Kira durchs tiefe Flussbett laufen, würde sie nur bis zu den Knien nass werden. Der dicke Medizinmann Kimdscha zaubert wie verrückt, führt ununterbrochen Regentänze auf, aber Allah scheint ihn nicht zu erhören. Ist er erschöpft, setzt er sich schweißtriefend vor seine Hütte, raucht seine lange schwarze Pfeife und zermartert sich das Hirn, schließlich ist seine Ehre in Gefahr.

"Vielleicht reicht mein neuer Zaubertanz nur für die kleine Regenzeit. Ich muss etwas Neues finden, ich muss, ich muss!"


Es ist wieder an einem Freitag, als die Eingeborenen das dröhnende Geräusch des Kleinbusses hören. Diesmal laufen sie nicht erschrocken in ihre Hütten, sondern lassen alles stehen und liegen und laufen zu der Stelle, wo sie ihren lieben Besuch das erste Mal zu Gesicht bekommen haben. Tatsächlich! Der Vater von Sandra und Thom, sowie der farbige Mann, der als Übersetzer fungiert, steigen aus. Herzlich werden sie von Kalim dem Stammesoberhaupt begrüßt. Nach einem Erfrischungstrunk beginnt Herr Kühne, der Vater von Sandra und Thom, zu sprechen und der Übersetzer Hussein, tut das Seine zur Verständigung.

"Vermisst Kira eigentlich nicht ihren Timo? Der Schlingel hat sich in unser Auto geschlichen, versteckt und ist so in unserem Camp gelandet."

Kalim bekommt große Augen und einen Lachanfall.

"Das ist ja ein ganz Ausgebuffter. Er wollte wohl sehen, wie Sandra lebt. Nicht dumm der Schlawiner."

"Ja, das kann schon sein. Wir wollten ihn auch am nächsten Tag gleich zurückbringen. Aber wir bekommen ihn nicht ins Auto. Man kann ihn einfach nicht hineinlocken und sein zu Hause ist doch nun mal hier, obwohl, ich muss zugeben, dass wir ihn alle schon sehr ins Herz geschlossen haben."

Hussein übersetzt fleißig, was Herr Kühne Kalim zu sagen hat. Kalim runzelt die Stirn.

"Tja, was machen wir denn da? Zurück muss er auf jeden Fall. Kira ist nur noch traurig, seit Timo verschwunden ist. Vielleicht mit einem Leckerbissen…?"

"Haben wir alles schon probiert", antwortet Hussein, schüttelt den Kopf und winkt ab. Kira, die im Hintergrund alles mit angehört hat, flitzt aufgeregt zu Herrn Kühne.

"Ist es wahr, dass mein Timo bei Sandra ist? Oh, ich bin ja so glücklich, dass ihm nichts passiert ist. Vielleicht kann ich einfach mitfahren. Wenn Timo mich wirklich gern hat, und das hat er, kommt er auch wieder mit mir nach Hause. Ich bin so froh, dass ich nun endlich weiß, wo der Lümmel sich rumgetrieben hat. Wie hat er das nur gemacht?"

Herr Kühne lacht.

"Der Bus stand die ganze Zeit offen. Timo muss in den Bus geklettert sein, vielleicht nur aus Neugierde, hat sich ganz klein gemacht, als wir einstiegen und in unserem Camp schoss er als Erster aus dem Auto und hopste fröhlich vor uns her. Aber deine Idee könnte funktionieren, Kira. Nur du kannst es schaffen, Timo nach Hause zu bringen und du wirst staunen, was Timo schon alles gelernt hat. Sandra hat ihm beigebracht, aus einem Becher zu trinken und mit einem Löffel zu essen. Wir haben ihm einen extra schönen Holzlöffel schnitzen lassen."

Alle lachen und stellen sich vor, wie Timo mit dem Löffel herumfuchtelt. Kiras Gedanken wandern abrupt zu Sandra und ihr Gesicht bekommt einen verträumten Ausdruck.

"Ich werde Sandra wiedersehen, meine beste Freundin."

Kalim kann seiner Tochter an den Augen ablesen, an wen sie in diesem Moment denkt, gibt kurz entschlossen sein Einverständnis und Kira jubelt.

Nach einem guten Frühstück steigt Kira ins Auto. Zuvor erklärt sie Ramir, warum sie weg muss. Der Leopard schmust kurz mit ihr und zwinkert verständnisvoll mit seinen klugen Augen. Das Wort Timo hat er ganz bestimmt verstanden.

Für Kira ist es das erste Mal, dass sie in einem Auto fährt. Sie ist begeistert. Vier Stunden dauert die Fahrt. Herr Kühne schwitzt schrecklich. Kira macht die Hitze kaum zu schaffen. Schließlich ist sie hier geboren und groß geworden. Jetzt fiebert sie furchtbar aufgeregt und neugierig dem Neuen, das sie kennenlernen wird, entgegen.

"Wie und wo Sandra wohl lebt?"

Kira hat nicht die leiseste Ahnung.

"Wir sind da", ruft Hussein, Herr Kühne atmet erleichtert auf. Kira steigt aus und sieht sich um. Vier große weiße Häuser und ein herrlich grüner Platz in der Mitte des "Dorfes", mit blühenden Kakteen und Blumen in den verschiedensten Farben erblickt Kira als erstes. Das Dorf ist umzäunt mit einem durchsichtigen Geflecht, das nicht aus Schilf geflochten ist.

"Hier also lebt Sandra. Ist das schön hier."

Da kommt Sandra auch schon auf sie zugerannt und die Mädchen fallen sich in die Arme. Plötzlich erblickt Kira ihren Timo. Sie ruft laut: "Timo, Timo kale addigga."

Der vertrauten Stimme kann Timo nicht widerstehen. Flink kommt er auf allen Vieren angetobt und fliegt ihr in die Arme. Kira drückt den Ausreißer fest an sich, schimpft leise aber liebevoll mit ihm, zupft sanft an seinen Ohren und drückt ihn erneut an sich. Timo schmatzt ihr einen Schnutenkuss nach dem anderen ins Gesicht und grinst sie breit an. An eine entschuldigende Geste denkt er überhaupt nicht.

Kira wird nun ins Haus gebeten, in dem Sandra wohnt.

"Du hast bestimmt Durst und duschen kannst du auch gleich", sagt Sandra. Kira versteht Sandras Worte nicht, aber Hussein ist bei ihnen und übersetzt.

"Was ist denn das, duschen?", fragt Kira neugierig.

"Oh, das ist eine angenehme Sache, lass es dir von Sandra nur zeigen."

Dabei zwinkert er Kira lächelnd zu und geht in die Küche, um kalte Getränke bereitzustellen. Die Mädchen gehen ins Bad. Kira staunt nicht schlecht. Ihre Hütten haben nicht das Geringste mit diesen Häusern gemein. Sandra zieht sich aus, dreht die Brause auf und lässt die Wasserstrahlen auf ihren Kopf und Körper tanzen. Das gefällt Kira. Fix zieht auch sie ihre kleine Sari aus und genießt das Prickeln des Wassers auf ihrer Haut. Es tut so gut und ist angenehm kühl. Sandra nimmt Seife und beginnt, sich einzuschäumen.

"Hm, wie gut das riecht", denkt Kira erstaunt. Sandra bietet ihr die Seife an und sie macht es nun genau wie ihre Freundin. Nach dem Abtrocknen holt Sandra ein hübsches Kleid aus dem Schrank.

"Zieh das bitte mal an", meint sie lächelnd zu Kira. Kira versteht und schlüpft in das Kleid. Dann steckt ihr Sandra eine rote Hibiskusblüte ins krause Haar.

"Oh Kira", ruft Sandra begeistert aus. "Addigga fian battern io nuss."

Kira lacht. Die Worte hat ihre Freundin also nicht verlernt.

Nachdem nun beide hübsch genug sind, geht es in die Küche. Auf dem Tisch stehen zwei Gläser mit roter prickelnder Limonade.

"Das ist Ginger", sagt Sandra. "Probier mal, schmeckt ganz toll."

In zwei Zügen hat Kira das Glas geleert. Herr Kühne kommt und meint: "Na Kira, wie gefällt es dir bei uns."

Hussein ist wie immer bei ihnen und übersetzt.

"Bis jetzt hat mir alles hier gefallen. Ich wusste gar nicht, dass es auf der Welt so schöne Dinge wie Seife und Wasser aus der Wand gibt. Und die Erfrischung erst, so was kaltes und leckeres hab ich noch nie getrunken. Und so eine schöne Sari hab ich auch noch nie angehabt. Aber Hibiskusblüten gibt es bei uns auch und…"

Kira gefällt es natürlich prima. Sie kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus.

"Obwohl mir hier alles wirklich gefällt, möchte ich aber doch wieder mit Timo nach Hause fahren. Ramir würde mich vermissen ich ihn auch. Aber ich hätte gerne auch so eine Dusche und eine Seife, weil sie so gut riecht."

Herr Kühne und Sandra schmunzeln. Darauf schenkt Sandra ihr ein Stück Duftseife. Kira freut sich unbändig und schnuppert immer wieder daran.

"Nun müssen wir aber wieder los. Die Fahrt dauert vier Stunden und wir müssen auch wieder nach Hause fahren. Also, ihr beiden, verabschiedet euch, ihr seht euch bestimmt bald wieder."

Mit diesen Worten geht Herr Kühne mit Hussein zum Auto. Kira holt noch schnell ihre Sari. Das Kleid darf sie behalten.

"Mahazenit", haucht Kira leise und lächelt.

"Du siehst jetzt wunderschön aus, Kira, und vielleicht darfst du einmal länger hier bleiben."

Kira versteht ihre Freundin nicht und fragt: "Ja?" Das heißt - wie bitte? Von Hussein hat Sandra ein paar Worte gelernt und sie beginnt langsam: "Addigga kale manta, tomba io berritomba", und hält drei Finger in die Luft. Sie solle doch einmal heute, morgen und übermorgen, also drei Tage lang zu Sandra kommen. Kira versteht die Umschreibung und nickt lachend. Die Mädchen rennen zum Auto. Kira ruft noch ihren Ausreißer, und Timo gehorcht aufs Wort. Er klettert ins Auto, ist aber mit einem Male wieder draußen und rennt auf das Haus zu.

"Was will er denn nun noch", fragt Sandras Vater erstaunt. Aber da kommt Timo auch schon zurück. In seinen Händen hält er seinen Becher und den geschnitzten Holzlöffel. Damit hat Timo die Lacher auf seiner Seite. Ohne weitere Verzögerung steigen Hussein, Kira und Herr Kühne in den Kleinbus. Die Mädchen winken sich ein letztes Mal zu und los geht es, zurück nach Hause zu Kiras Stamm.

Ramir hört schon von Weitem das Geräusch des nahenden Kleinbusses und sitzt erwartungsvoll an der Stelle, an der das Auto immer parkt. Angekommen, tappt er zu Kira. Als Timo Ramir sieht, zieht er den Leopard gleich am Schwanz und ein lustiges Toben beginnt. Kira ist glücklich, wieder zu Hause zu sein.

"Aber schön war es schon bei Sandra", denkt sie lächelnd und fällt wenig später todmüde auf ihr Schlaflager.




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